Was wichtig ist

22.01.2020 | #Persönliches

Es gibt so viele Themen, um die man sich kümmern sollte, dass keiner mehr den Überblick hat. Aber wenn man sich darauf konzentrieren will, was wichtig ist - wo fängt man dann an? Ich hab ein paar Themen, auf die ich mich mehr konzentrieren will. In diesem Artikel geht's darum, welche das sind und warum.

Um den Jahreswechsel spielte Netflix die letzte Folge von Patriot Act für diese Staffel ab. Der Comedian Hassan Minaj erklärt dabei in seiner wöchentlichen Show in klassischer US-Demokratenhumor-Manier ein Thema, was daran "problematisch" ist und was wir tun können, um es zu lösen. Social Justice Warrior im besten Sinne. Dabei sagte er auch etwas, das mich noch einige Zeit ziemlich beschäftigt hat.

But this is the problem! We're exposed to all the news all the time, which makes us feel like we have to care about everything all the time.

Think about it: You gotta go to the climate march! It's climate change, it connects all of us. But you gotta think about the Rohingya. Nobody is talking about Myanmar. But let's take a moment to stand with Hong Kong. The protests are continuing. And remember: Family separations happening at the border, change your avatar to blue for Sudan, but red for Kashmir, but you can't forget to free Palestine, and you BETTER NOT LISTEN TO R. KELLY, but before you do that - stop. Eating. MEAT!  But who cares about meat if we can't even ban assault rifles? And who cares about assault rifles when Stephen Miller is getting married, he could procreate! This is why we're all going crazy!

(...)

So this is what I?m pitching: For 2020, give yourself a break. Just pick a couple of things ... to not care about. For your sanity! I'm not saying "Shut down your browser". Just close a couple tabs.

Welche Themen sind "wichtig?"

Ein Thema einfach mal auslassen, einmal nicht dabei sein, einmal weniger Sorgen haben - das klingt doch gut, dachte ich. Da muss ich mitmachen. Aber was genau ist eigentlich unwichtig genug, dass man es ignorieren könnte? Ich halte es meistens mit dem Satz "Alles ist politisch" - und auch der Akt, etwas als "nicht mein Thema" abzuhaken, ist ein politischer Akt. Insofern fällt es mir als Polit- und Medienjunkie nicht unbedingt leicht, ein Thema einfach zu ignorieren, das politisch als relevant gilt.

Also denke ich viel darüber nach, was eigentlich relevant ist. Und ich weiß zwar nicht endgültig, was die Kriterien dafür sind - aber mir kommt vor, dass die Tatsache, dass die Grünen die ÖVP auch ÖVP-Gesetze machen lässt, nicht zu den ganz weltbewegenden Themen gehört. Die Innenpolitik-Blase, in der ich immer noch ein bisschen unterwegs bin, neigt zur Überreaktion bei vielen Themen, die im großen Kontext eigentlich gar nicht so wichtig sind.

Was ist also wichtig? Ich habe für mich ein paar Themen definiert, über die ich mehr wissen und mit denen ich mich mehr beschäftigen will, während ich die "Politik-Politik" (Copyright Julia Ortner) ein bisschen mehr sein lasse. Diese Themen sind:

Der Klimawandel

Ich weiß, eigentlich muss man "Klimakrise" dazu sagen. Dann wird einem allerdings "Alarmismus" vorgeworfen - komisch und anscheinend ganz unangebracht, wenn regelmäßig seriöse Studien vorhersagen, dass es auf der Welt richtig, richtig scheiße wird. Und für climate emergency, wie der Klimawandel im britischen GUARDIAN nun genannt wird, hab ich noch keine elegante Übersetzung gefunden. Also eben Klimawandel.

Auch, wenn viele das Thema gerade ignorieren und mit den fadenscheinigsten Gründen als lächerlich abtun - "die ist erst 17 und ich bin älter, also glaub ich ihr nicht" oder "Ich hab zwar noch nie etwas Seriöses dazu gelesen, aber wer zahlt denn Wissenschaftler?" sind da so die Klassiker -, muss man doch insgesamt sagen, dass das Klima sicher das wichtigste Thema in meinem Leben wird. Momentan ist das Problem nur ein noch unangenehmerer Sommer. Aber ich habe die Perspektive, dass 40-Grad-Tage normal werden, wenn ich alt bin und das nicht mehr aushalte.

Wir haben so viele Probleme, die so eindeutig auf der Hand liegen. Noch nie war Information so einfach, so schnell, so gut aufbereitet für so viele Menschen verfügbar - und trotzdem schaut die Welt weg. "Die Welt" as in: Politiker und Idioten. Denn was man heute eigentlich sagt, wenn man den Klimawandel leugnet ist: "Ich kann und/oder will nicht lesen und sehe nicht ein, dass man sich mit wichtigen Themen beschäftigen sollte." Und nach 20 Jahren, in denen wir Wissenschaftler konsequent ignoriert haben, ist es den Leuten auch wieder nicht recht, wenn nun ein Mädchen davor warnt, das die Probleme im Alter ausbaden muss.

Klima ist ein Thema, wo man mitdenken muss. Es ist die Verantwortung des Bürgers, sich Gedanken dazu zu machen, was man gegen den Klimawandel tun kann - und auch entsprechende Maßnahmen einzufordern. Für mich bedeutet das z. B., dass Österreich endlich aufhören soll, Atomkraft als grüne Technologie in Rest-Europa zu blockieren. Nicht jedes Land hat den Luxus von Österreich und kann einen großen Teil des Energiebedarfs mit erneuerbaren Energien decken. Es ist entweder Kohle (der größte Klima-Killer) oder Atomkraft (die man durchaus besser managen kann als mit Sowjet-Reaktoren oder Kraftwerken an der Küste in Erdbeben-Regionen).

Ich finde, dass Klimaschutz nicht planwirtschaftlich verordnet werden kann, sondern mit pragmatischen Lösungen stattfinden muss. Viele Klimaschützer schreien System Change, not Climate Change - ich finde, der Markt muss die Lösung sein. Man könnte z. B. aufhören, Klimaschädliches zu subventionieren, und mehr Anreize für grüne Technologien setzen. Der Staat hat mehr in Forschung zu investieren, damit wir in Zukunft vielleicht nicht mehr auf Kerosin in Flugzeugen angewiesen sind. Und wer greift eigentlich ein, wenn Bolsonaro den Regenwald abbrennen lässt, oder wenn die Australier neue Kohlekraftwerke bauen? Dazu braucht es Lösungen, die wir aktiv einfordern müssen. Und dafür muss das Thema auf der Agenda bleiben. 24/7.

Das Thema ist mir nicht nur wichtig, weil ich im Alter unter den noch heißeren Sommern leiden werde. Sondern auch, weil unser Zeithorizont begrenzt ist. Klimaziele werden meist bis 2050 berechnet - aber da bin ich noch nicht alt. Da bin ich noch erwerbstätig. Da habe ich sicher noch ein Drittel meines Lebens vor mir. Aber die, die entscheiden, wie wir damit umgehen? Die sind dann schon lange tot. Die Mutigen denken an 2100. Aber wer denkt daran, wie es meinen Enkeln an ihrem Lebensende gehen wird? Die müssen sich dann nicht nur über heißere Sommer, sondern über das Aussterben so gut wie aller Ökosysteme beklagen. Wenn diese überhaupt so lange erhalten bleiben.

Was der Staat tun soll

Das ist eigentlich eine Diskussion, mit der ich den Leuten in meinem Umfeld schon seit Jahren auf die Nerven gehe. Und meine Meinung dazu hat sich dazu auch immer wieder geändert. Was soll der Staat tun, wo soll er eingreifen und wo nicht? Das ist für mich ein fundamental wichtiges Thema. Einerseits, weil der Staat sich oft in Bereichen zurückzieht, in denen er bleiben sollte. Andererseits, weil der Staat sich oft dort wichtig macht, wo er nicht sein sollte.

Wo soll der Staat mitmischen? Ich finde, Gesundheit, Bildung und Infrastruktur sind Kernbereiche des Staates. Ich will kein Gesundheitssystem wie in den USA, wo arme Menschen an Krankheiten sterben, weil sie sich keine teure, kaum regulierte Versicherung leisten könnte. (Und schon gar nicht will ich solche perversen Zustände als "Freiheit" bezeichnen.) Ich will keine Zweiklassengesellschaft, in der nur manche beim Arzt nicht warten müssen oder ihre Kinder in gute Schulen schicken können. Und funktionierende Verkehrs- und Energiesystem.

Außerdem will ich nicht, dass wir die soziale Absicherung so weit zurückfahren, dass der gesellschaftliche Frieden gefährdet wird. Gerade durch den Siegeszug der FPÖ bis Ibiza haben sich da neue Fronten aufgetan zu Dingen, die selbstverständlich sein sollten. Die Mindestsicherung - das Mindestmaß an dem, was ein Mensch braucht, um sich über Wasser halten zu können - wurde zur Neiddebatte. Gerade die Leute, die in schlechten Jobs gefangen sind und selbst zu schlecht bezahlt werden, sind denen etwas neidig, die kaum etwas haben. Mir ist wichtig, dass es in einem Staat okay ist, zu verlieren - und dass einem geholfen wird, wieder auf die Beine zu kommen. Die Armut, die wir mit diesen Neiddebatten und Kürzungen produzieren, werden wir mit Hunger und Verbrechen wieder zurückbekommen. Hier sollte der Staat sich nicht zurückziehen.

Umgekehrt will ich nicht, dass sich der Staat, während er die großen Fragen mehr und mehr ignoriert, in meinen privaten Bereich eindringt. In einem der sichersten Länder der Welt will man plötzlich eine "Sicherungshaft" und Menschen schon einsperren, bevor sie zu Verbrechern wurden. Der Staat soll sich mit eigenen Trojanern in meinen PC einhacken können, meine WhatsApp-Nachrichten lesen und im Internet immer wissen, wer genau welche Nachricht schreibt. Nicht nur, dass all diese Maßnahmen eine riesige Verletzung der Privatsphäre und damit moralisch falsch sind - sie bringen auch niemanden etwas.

In den vergangenen Jahren haben es die Babyboomer in der Politik (und im Geiste könnte man Sebastian Kurz da manchmal noch dazuzählen) es geschafft, so viele Bereiche meines Lebens schlechter zu machen. Das Verständnis für das Internet ist nicht da, auf die Pensionen und das Klima meiner Zeit wird nicht geschaut, und generell wird Politik für alte, konservative Menschen gemacht - in einer Zeit, in der Lösungen aus dem 17. Jahrhundert nicht mehr greifen. Ich will, dass der Staat sich auf die wichtigen Dinge konzentriert und sich nicht in die falschen Bereiche einmischt.

Die öffentliche Meinung

Oder: Die Polarisierung der Gesellschaft. Okay, der Punkt wirkt jetzt vielleicht ein bisschen abgelutscht. Mittlerweile beschweren sich ja alle über Filter-Blasen und dass dieses Internet allen eine Plattform gibt. Print-Journalisten über 50 rufen dann oft nach den guten alten Zeiten, in denen sie selbst ein Monopol auf Meinung hatten. Aber nein, hier kommt kein Internet-Bashing.

Was mir Sorgen macht, ist, dass wir als Gesellschaft mehr und mehr verlernen, uns auf Kompromisse zu einigen und dieselben Fakten zu teilen. Die besten Beispiele dafür sind Impfgegner, Klimawandel-Leugner und Flat Earther - wobei ich bei letzteren immer noch bezweifle, ob sie wirklich existieren oder einfach ein sehr elaborierte Gruppe von Trollen sind. Man merkt es in jedem Wahlkampf! Politische Parteien schlagen sich den Schädel ein, die andere Position wird grundsätzlich verteufelt. Wer ÖVP-Fan ist, hasst die SPÖ, und umgekehrt - auch, wenn die andere Partei in manchen Bereichen recht haben könnte. (Okay, vielleicht war die SPÖ ein schlechtes Beispiel ...)

Ich bin selbst unsicher, wie ich damit umgehe. Aber ich habe damit angefangen, wieder auf Facebook und Instagram in Diskussionen einzusteigen. Wenn jemand den Klimawandel leugnet, poste ich einen Link darunter und schreibe gleichzeitig "OK Boomer" - damit jeder Mitleser sehen kann, dass seine Bemerkung 1) falsch und 2) lächerlich ist. Ich habe auch wieder angefangen, mit Freunden zu streiten, wenn ich ihre Meinungen für falsch halte. Man soll ja das Private und das Politische trennen - aber irgendwo ist es doch jedermans Pflicht, dagegenzureden, wenn es wichtig ist.

Vielleicht ist dieser Ansatz aber auch nicht die Lösung, sondern selbst das Problem. Aber mit Gesprächspartnern, die an ernsthafter Diskussion interessiert sind - und nicht einfach jede Quelle mit einem Youtube-Video von einem Professor kontern, der nach einer Google-Suche eindeutig als Verschwörungstheoretiker zu erkennen ist -, versuche ich, eine normale, wertschätzende Diskussion zu führen. Nur, dass ich mittlerweile nicht mehr so tue, als wäre jede Meinung gleich viel wert.

Ganz sicher bin ich mir nur, dass wir mehr reden sollten. Es gibt so viele Themen, die wichtig sind - die in diesem Artikel präsentierten sind nur meine Top 3. Wenn wir uns nur noch in unsere Bubble zurückziehen und alle anderen zur Sau machen, ist uns nicht geholfen. Aber auch nicht, wenn wir so tun, als wären alle Meinungen grundsätzlich gleich in einem öffentlichen Marktplatz der Ideen. Ich habe keine Ahnung, was die Antwort auf dieses Problem ist - aber ich glaube, wir müssen das irgendwie hinkriegen. Sonst können wir uns gar keinen wichtigen Themen mehr widmen.