Veröffentlicht am 08.12.2018 2949 Aufrufe Share

Warum ich den Journalismus verlasse

"Es lebt sich ganz gut ohne Social Media-Maulkorb."

So oder so ähnlich antworte ich meistens, wenn ich gefragt werde, wie mir der neue Job gefällt. Das ist die oberflächliche, kurze Antwort, die ausreichen soll, wenn ich nicht gerade eine Journalismus-Grundsatzdebatte führen will. Aber nachdem ich aus dem Journalismus in die PR gewechselt bin, höre ich die Frage in letzter Zeit oft. Ist irgendwas vorgefallen bei Addendum? Hast du keine Lust mehr auf Journalismus? Das war doch immer dein Thema!

Ist irgendwas vorgefallen bei Addendum? Nein, nicht wirklich. Ich mochte den Job und hab nicht aktiv nach Jobs gesucht, weil ich wechseln wollte. Auch, wenn da manche Menschen irgendeinen interessanten Gossip vermuten - es hat sich einfach so ergeben.

Habe ich keine Lust mehr auf Journalismus? Vielleicht. Fürs Erste auf jeden Fall nicht mehr. Mit etwas Distanz will ich hier kurz erklären, warum.

Disclaimer: Das soll keine Abrechnung mit den Medien sein, für die ich gearbeitet habe. Trotz aller Probleme habe ich die Arbeit im Journalismus immer genossen, und ich will keinen Kollegen auf die Füße steigen oder etwas ausrichten. Es geht mir mehr um die Gründe, warum ich im Journalismus keine Zukunft sehe. Davon ist kein Medium ausgenommen, aber es richtet sich auch nicht gegen ganze Medien as a whole. Dieser Text ist nicht böse gemeint. Er ist Feedback. Und eine Erklärung.

Wo ich war

Der Plan war eigentlich ganz einfach. Schon in der Schule hab ich beschlossen, dass ich Journalist werden will. Einer der wichtigsten Berufe für die Demokratie, den Mächtigen auf die Finger schauen, Macht und Verantwortung haben - das war das Ziel. Dass ich mit Publizistik als "Karrierestudium" und Politikwissenschaft "aus Interesse" nicht den besten Plan dafür hatte, wusste ich damals nicht. Aber es wäre mir auch egal gewesen. Ich war überzeugt davon, irgendwann mal einer der Großen zu werden.

Mein Bild vom Journalismus war fast romantisch. Gut ausgestattete, große Redaktionen, die Menschen für eine Recherche tage- und wochenlang abstellen können. Die mutig sind und die Branche verändern, damit sie auch nach Print überlebt und angesehen bleibt. Mit der Realität hatte das freilich wenig zu tun.

Wohin ich kam

Ich war sieben Jahre lang freier Journalist. In dieser Zeit hab ich gelernt, wie schlecht Medien zahlen und dass man mehr als einmal für einen Hungerlohn arbeiten muss, um einen Fuß in die Tür zu kriegen. (Wenn es überhaupt Geld gab.) Ich hab auch in Redaktionen erlebt, dass Ressourcen fehlen und die große Geschichte leider warten muss. Und ich hab erlebt, wie coole Ideen scheitern, weil man zu viele Menschen einbinden will - auch solche, die mit Journalismus eigentlich nichts zu tun haben.

Auch mein Eindruck von journalistischer Arbeit hat sich geändert. Ich wusste nicht, was "Virtue Signaling" ist - wenn man der eigenen Gruppe verdeutlichen muss, dass man zu den Guten gehört, und nicht zu den Bösen. Ich hätte nie gedacht, wie stark ein irrelevanter Kanal wie Austro-Twitter überschätzt wird. Dort, wo sich nur Politiker, Journalisten und andere Mitglieder im polit-medialen Komplex tummeln, wird sich mehr ausgetauscht als auf Facebook, wo die normalen Menschen warten. Dort meldet man sich aber ab, so als wichtiger Journalist.

Was mich am meisten gestört hat

Was ist ein "wichtiger Journalist"? In der Regel die, die über die meiste Reichweite verfügen. Und das wird nicht nur anhand des Mediums entschieden - bei Armin Wolf und Corinna Milborn spricht vieles dafür, dass sie "wichtig" sind, weil sie von vielen Menschen erkannt werden -, sondern auch anhand des eigenen Standings in der Branche. Auch die kleinen Medien haben ihre "Meinungsführer". Und wenn du als junger Mensch in den Journalismus kommst, Ideen hast und mitreden willst: Stell dich hinten an.

Mein Selbstverständnis war immer das eines Online-Journalisten. Ich blogge jetzt seit zehn Jahren und habe mich immer bemüht, nach Möglichkeit für alle verständlich, einfach und abwechslungsreich zu schreiben. Ich versuche, Hyperlinks einzubringen, wenn sie nützlich sind, und Grafiken zu machen, wenn es möglich ist. Aber Online-Journalismus ist noch nicht ganz oben angekommen. Oben, da sind noch die, die mit Print groß und bekannt geworden sind. Und die Print-Ikonen geben ihr scheiterndes Geschäftsmodell nicht auf.

Wie ich gescheitert bin

Das war im Endeffekt auch ausschlaggebend für meine Entscheidung, zu wechseln. Ich verstehe, dass ich zwar lange freier Journalist war, aber noch wenig "echte Erfahrung" mitbringe, in Redaktionen mit all ihren Zwängen und Abläufen. Aber die Perspektive, dass ich irgendwann coolen Online-Journalismus machen kann, ohne permanent kämpfen zu müssen, ist weg.

Es gab Meetings, in denen stundenlang über Ideen gesprochen wurde, die nie zur Umsetzung kamen. Es gab Gesprächspartner, die sich unter allen Umständen dagegen wehrten, etwas anders zu machen. Im Journalismus kommen viele Menschen aus vielen verschiedenen Kontexten zusammen und versuchen, aus Nichts Etwas zu machen - aber wenn du der Jüngste bist, der noch kein Standing und nichts außer Ideen vorzuweisen hat, ziehst du den Kürzeren.

Wieso ich gewechselt bin

Und ich will nicht immer den Kürzeren ziehen. Vielleicht war es oft meine Schuld, dass ich mich nicht durchsetzen konnte. Ich hätte viele Dinge besser machen können - es gibt noch diese eine Peinlichkeit beim Kurier, für den ich mich bis zum Tod schämen werde - und bin sicher nicht immer einfach. Und natürlich bin ich nicht komplett unschuldig daran. Aber ich sehe in der Branche momentan keinen Platz für mich.

Österreichischer Journalismus ist in einer schizophrenen Situation. Die Leute, die im Print nach oben gekommen sind, können nicht damit umgehen, dass das alte Modell unweigerlich sterben wird. Kein Mensch kann mir erzählen, dass es reicht, die Inhalte, die man für aussterbende Produkte produziert - schaut euch nur an, wer fernsieht und wer Zeitung liest - einfach online stellt und nervige Bannerwerbung danebenstellt. Und ich will nicht warten, bis es brennt.

Was ich will

Ich will nicht warten, bis es brennt, damit ich dann auf die Schnelle versuchen kann, das sinkende Schiff zu retten. Der Journalismus hat noch einige gute Jahre vor sich und es wird viele Medien auch in zehn Jahren noch geben - aber ohne mich. Wer auch die nächsten Jahre noch Texte in eine Zeitung stellen will und ohne Hyperlinks, dafür mit Absatzfehlern ins Internet stellen will, passt nicht zu mir. Ich will coolen Stuff im Internet machen. Und ich hab das Gefühl, dass ich das in der PR kann.

Der Wechsel war nicht geplant. Ich wurde unverbindlich gefragt, habs mir unverbindlich angehört und war mir etwa 70/30 sicher, dass ich es nicht bereue, wenn ich wechsle. Und mein erster Eindruck ist: Auch in der PR wird mir einiges am Arsch gehen. Aber im Endeffekt ist der Spielraum höher. Der Twitter-Maulkorb ist weg, Kreativität wird höher wertgeschätzt, und das allgemeine Verständnis, wie das Internet funktioniert, ist viel höher.

Wo ich bin

Es ist ein Wechsel mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Vor allem bei Addendum hatte ich eine verdammt coole Zeit, und ich halte es nach wie vor für eines der mutigsten Medien des Landes. Wir sind mit den Themen "Asyl" und "Terrorismus" im Wahlkampf gestartet - was imagetechnisch schwierig, aber auch mutig war. Wir haben die öffentliche Meinung bei Themen wie Gentechnik hinterfragt, waren an investigativen Geschichten und den #CumEx-Files beteiligt und haben Probleme beleuchtet, über die sonst niemand spricht. Die Integrationsprobleme in Wiener Schulen waren wegen uns wochenlang Thema in ganz Österreich. It was one hell of a ride.

Der Eindruck bleibt trotzdem - es gibt zu viele Probleme, strukturell und personell, die den Journalismus einfach zu sehr einzwängen. Es entstehen trotz widriger Umstände gute Inhalte - aber nicht die, die ich machen will. Ich will anders sein. Dinge cool, anders, radikal präsentieren. Auch mal lustig sein dürfen, so mit Augenzwinkern und Emojis.

Es ist mir nicht leicht gefallen. Aber ich glaube, bei Milestones werde ich diese Sachen machen können. Aber den Journalismus retten? Das werde ich vermutlich nicht mehr.