Veröffentlicht am 14.12.2019 989 Aufrufe Share

Social Media, Populismus und Fake News

Seit 2016 reden wir über "Fake News", Desinformation und die Probleme, die Social Media in demokratischen Staaten ermöglicht. Es gibt viele, die sich damit beschäftigen, privat und beruflich - allerdings fehlt mir in der öffentlichen Debatte um Themen wie Cambridge Analytica, russische Trolle und Rechtspopulismus ein realistischer Ausblick, wie wir als Gesellschaft damit umgehen sollen. In diesem Artikel will ich versuchen, genau das einzubringen und ein paar populäre Missverständnosse auszuräumen, die viele zu Social Media haben.

First things first: Ich weiß, dass es andere Autoritätspersonen zum Thema Desinformation im Internet gibt. Viele Leute schreiben Bücher darüber, schreiben für große Medien und verdienen durch ihr Wissen einiges. Ich nicht. Ich bin ein PR-Berater, der mit Social Media arbeitet. Warum sollte man mir bei dem Thema also irgendwie vertrauen?

Weil mich das Thema mittlerweile einige Jahre begleitet. Seit fast zehn Jahren bin ich im "polit-medialen Komplex" tätig. Zuerst habe ich als freier Journalist für einige Medien gearbeitet und 2016 - im besten Jahr für Fake News auf Social Media - zusammen mit zwei Studien- und Branchenkollegen den Fact Checking-Blog "Fakt ist Fakt" gegründet, der sich auf Politiker-Aussagen konzentriert. Danach war ich bei Addendum an der Konzeption von Social Media im Journalismus beteiligt, bevor es mich in die PR verschlagen hat, wo ich hauptsächlich digitale Kampagnen mache. Nebenbei stehe ich kurz vor meinem Master-Abschluss in Politikwissenschaft, habe Publizistik studiert und bin ich ein Medienjunkie. Ich habe also sowohl privat als auch beruflich mit dem Thema zu tun.

Das Narrativ

Wenn man über das Thema Desinformation im Internet spricht, geht das Narrativ in etwa so: Der Aufstieg von Social Media hat dazu geführt, dass jeder eine Stimme hat, und die Bösen (meistens rechts der Mitte) benutzen das, um Wahlen zu gewinnen und die Demokratie auszuhöhlen. Schuld daran sind die bösen Algorithmen, die die "falschen" Inhalte pushen - emotionale Meldungen, die polarisieren und dazu gedacht sind, Menschen aufzuhetzen. Wenn die großen Internet-Unternehmen nur aufhören würden, "undemokratische" Algorithmen einzusetzen, die keine Rücksicht auf demokratische oder gesellschaftlich wünschenswerte Werte nehmen, wäre der Rechtsruck quasi verhindert. Und darum sind Facebook, Twitter, Tik Tok usw. die Bösen. Ganz einfach eigentlich.

Von wem kommt dieses Narrativ? Hauptsächlich von Menschen, die nicht mit dem Internet aufgewachsen sind. Viele Journalisten, die mit sinkenden Print-Einnahmen oder dem Abwandern von linearem Fernsehen Richtung Streaming kämpfen, verteufeln das Internet an sich - denn wenn es das nicht mehr gäbe, würden alle wieder Zeitung lesen und die Welt wäre in Ordnung. Dass das Internet allgemein und Social Media im Speziellen unsere Leben insgesamt besser machen und dass es gut ist, wenn jeder Mensch das Potential hat, ein Millionenpublikum zu erreichen, sehen sie nicht. Daher ist die veröffentlichte Meinung zu Social Media eher negativ, obwohl die überwältigende Mehrheit der Österreicher jeden Tag online ist.

Sind die Anbieter schuld?

Was mich am meisten an diesem Narrativ stört, ist die vereinfachte Schuldzuweisung. HC Strache wurde durch Facebook erfolgreich, also ist Facebook Schuld. Trump darf auf Twitter lügen, das heißt: Twitter ist verantwortlich. Völliger Blödsinn.

Der Glaube, dass Social Media Schuld daran sind, was ein User dort treibt, geht auf die verquere Analogie zum nationalen Medienrecht zurück. Wenn der STANDARD einen Kommentar veröffentlicht, der eine Grenze überschreitet, ist der STANDARD Schuld. Klingt logisch. Warum ist das bei Facebook anders? Die Antwort mag einige Analog-Journalisten überraschen, aber: Facebook ist nun mal keine Zeitung.

Für Zeitungen, Fernsehsender, Radiostationen usw. ergibt es durchaus Sinn, dass sie auf die Art und Weise reguliert werden, auf die sie reguliert werden. Aber Facebooks Job ist es einfach nicht, die Öffentlichkeit über aktuelle Nachrichten zu informieren. Social Media müssen nicht objektiv, ausgewogen und fair sein. Ihr Service ist nicht "Wir erzählen dir, was in der Welt passiert", sondern viel mehr "Wir ermöglichen dir, aus deiner Sicht zu erzählen, was in deiner Welt passiert". Wer fordert, dass Facebook und Co. für jeden Userpost belangt werden können wie Zeitungen für Kommentare ihrer Journalisten, überschätzt nicht nur den gigantischen Moderations- und Zensuraufwand dahinter, sondern hat das Konzept schlicht nicht verstanden.

Dazu kommt, dass es auch handwerklich nicht Facebooks Schuld ist, wenn die "Falschen" es besser nutzen. Es stimmt zwar durchaus, dass viele rechte Politiker durch ihre Social Media-Propaganda an die Macht kommen, z. B. Jair Bolsonaro (WhatsApp-Forwards), Donald Trump (Twitter-Fame) oder eben HC Strache (FPÖ Fake News-Seiten auf Facebook). Aber das liegt nicht daran, dass Facebook rechte Inhalte bevorzugt! In den USA sieht sich die Firma sogar mit dem gegenteiligen Vorwurf konfrontiert: Dass Republikaner und konservative Meinungen auf Facebook gezielt benachteiligt werden.

Die Wahrheit ist, dass Facebook nicht den Inhalt selbst bewertet, sondern die Qualität der Inhalte. Und damit ist nicht gemeint, wie gesellschaftlich wünschenswert ein Beitrag ist - sondern wie er performt. Dazu ein kurzer Exkurs.

Wie Algorithmen arbeiten

Auf Facebook und Instagram sieht man selten bis nie alle Beiträge aller Personen und Seiten, denen man folgt. Dafür ist auf den Seiten des wichtigsten Social Media-Anbieters der westlichen Welt schlicht zu viel los. Niemand hat Zeit, sich so vielen Beiträgen zu widmen. Also muss Facebook aussortieren. Denn wenn Facebook bewertet, welche Postings dich eher interessieren, kann es dir das Beste zuerst zeigen - und so dafür sorgen, dass du dich auf der blauen Seite wohlfühlst. Für Social Media-Firmen sind Algorithmen also unersetzbar, denn sie erledigen die wichtigste Arbeit manuell. Die Alternative wäre, dass der User sich aufwändig selbst einen Feed zusammenstellt und laufend die eigenen Prioritäten neu reiht. Das interessiert vielleicht eine Reihe von Nerds, aber kaum einen normalen User. Und der Durchschnittsmensch ist für Massenmedien zu wichtig.

Also werden Beiträge nach Performance gereiht. Wer einen Beitrag postet, steht also bei Facebook auf dem Prüfstand: Wie gut geht der Beitrag? Ist er für alle interessant, oder reagiert kaum jemand darauf? Wie viele haben den Beitrag nach einer halben Stunde geteilt, welche Reaktionen hat er, gibt es Kommentare? Wenn nach einer Stunde niemand mit einem Beitrag interagiert hat, ergibt es keinen Sinn mehr, wenn er vielen Usern ausgespielt wird. Er ist offensichtlich nicht gut.

Und so gewinnen eben die Postings, die gut sind. "Gut" nicht im moralischen Sinne, sondern im Sinne von Performance. Ein guter Post ist konkret, einfach und emotional - je mehr dieser Qualitätsmerkmale erfüllt werden, desto besser.

Die echten Gründe für den Aufstieg der Rechten

Und das ist genau das, was Rechte so gut können. Sie gewinnen eben nicht, weil sie von den bösen Silicon Valley-Titanen unterstützt werden, sondern weil sie das Spiel einfach besser spielen.

Die FPÖ hatte eigene Online-Medien, da hatte die SPÖ noch keine Facebook-Seite. Die AfD ist seit wenigen Jahren eine Partei in Deutschland, hat aber die Konkurrenz lange überholt. Im britischen Wahlkampf testet die Kampagne von Boris Johnson mit über 100 Parallel-Werbungen aus, welche Inhalte bei welcher Zielgruppe besser performen. Und viele Rechte können sich auf die Unterstützung der sagenumwobenen russischen Trolle verlassen, die nachweislich die Kampagne von Donald Trump unterstützt haben. Nicht auszuschließen, dass auch bei uns Troll-Fabriken zum Einsatz kommen.

Wenn man sich also darüber beklagt, dass die falschen Politiker mit Social Media Wahlen gewinnen, darf nicht das Silicon Valley blamen. Viel mehr sollte man folgende Punkte bedenken:

Grund #1: Die Rechten haben sich den Heimvorteil erkämpft

Die Rechten haben von Anfang an auf Social Media gesetzt. In den frühen Jahren von Facebook dominierte Strache bereits die News Feeds und wurde auch in den Zeitungen als "Facebook-König" bezeichnet. Das hat man anfangs noch belächelt - aber wo waren SPÖ und ÖVP, als die FPÖ die große Koalition auf Facebook jahrelang vor sich hertrieb?

Journalisten tun sich mittlerweile leicht, die Reichweite rechter Politiker auf Social Media mit der KRONE und dem ORF zu vergleichen, aber nicht darin, zu verstehen, woher dieser Siegeszug kommt: Nämlich durch jahrelange Arbeit.

Norbert Hofer ist übrigens schon auf Tik Tok.

Grund #2: Nur eine Seite spielt das Spiel richtig

Umgekehrt verschläft die Gegenseite völlig. Mittlerweile hat sogar die SPÖ Social Media entdeckt - und im Nationalratswahlkampf 2019 mehr investiert als die Konkurrenz -, aber die progressiven Parteien sind in vielen Staaten immer noch unbewaffnet im digitalen Schlachtfeld. Vielen scheint die Meinung von Journalisten nach wie vor wichtiger zu sein als die Meinung der User auf Social Media. Und das mag für Journalisten jetzt befremdlich wirken, dass das schlecht sein soll - aber pragmatisch gesehen sind sie eine Stelle zwischen Öffentlichkeit und Politiker, auf die man verzichten könnte.

Das bedeutet natürlich nicht, dass man die klassische Medienarbeit vergessen soll. Sebastian Kurz demonstriert, dass man analog und digital funktionieren muss, wenn man das perfekte Spiel spielen will. Allerdings zeigt der Aufstieg der FPÖ: Wenn man sich entscheiden muss, dann nimmt man lieber Social Media. Nicht nur, weil Journalisten irgendwie lästig sind, dagegen reden und einordnen, sondern weil man auf Social Media das Thema bestimmen kann. Viele Inhalte, die für klassische Medien nebensächlich sind, können über Social ungefiltert an die eigenen Fans gesendet werden, die es interessiert. Viele Politiker richten ihren Social Media-Redaktionsplan an Tageszeitungen und Themenzyklus der klassischen Medien - ich habe Zweifel daran, ob das immer noch der Königsweg ist.

Grund #3: OK Boomer

Ich weiß, die "Age Card" ist nervig. Ich kenne selbst einige Generation X-Vertreter, die Social Media nicht verschlafen haben. Aber man muss nüchtern feststellen, dass es einfach gescheiter ist, das Internet denen zu überlassen, die etwas davon verstehen. Und das sind nun mal Generation Y und Z. Für uns ist die Medienlogik von Social Media selbstverständlich, und wir schlafen ein, wenn uns Boomer das übliche "Heute kann ja jeder posten"-Geschwafel vortragen. Das heißt nicht, dass jeder junge Mensch ein geborener Social Media Manager ist - aber ohne Junge wird es nicht gehen.

Das halte ich für das gravierendste Problem in dieser Debatte: Die, die sich mit dem politischen Diskurs auf Social Media beschäftigen und die auf diesen Kanälen gegen die Rechten im Wettkampf stehen, sind alt und haben keine Ahnung. Wer selbst nie getrollt hat, versteht nicht, wie man im Community Management reagieren muss. (Der einzige Troll in Österreichs Chefetagen ist Armin Thurnher, der sagt, dass man sich Facebook nur als öffentlich-rechtliches Medium vorstellen kann. Satire auf hohem Niveau.)

Fazit

Am Anfang dieses Long Reads habe ich angekündigt, mit ein paar Missverständnissen aufzuräumen. Das große Narrativ, das ich eingangs beschrieben habe, sollte hiermit aus meiner Sicht klar widerlegt sein. Es ist nicht Facebooks Schuld, wenn die, die Facebook besser nutzen, auf Facebook besser performen. Damit wir die Probleme, die wir momentan haben, lösen, brauchen wir nicht den 100.000 Vortrag darüber, dass es sich bei den Social Media um private Unternehmen handelt, sondern eine Strategie, wir wir mit ihnen umgehen. Es braucht keine Globalisierungskritiker, sondern gute Social Media-Leute.