Veröffentlicht am 10.11.2019 974 Aufrufe Share

OK Boomer

"OK Boomer" ist die Rache der Millennials. Ein Meme, mit dem man sich über Babyboomer lustig macht, kommt in mehr und mehr Medien vor und springt einem immer öfter ins Auge. Feuilleton-Journalisten - oft selbst Boomer und damit Betroffene - orten darin oft eine "Respektlosigkeit" von Millennials gegenüber der Generation, die in den nächsten Jahren die Pensionspyramide weiter nach oben verschiebt. Und ich glaube, es ist auch respektlos. Aber es ist auch ein Zeichen legitimer Kritik - was Boomer wiederum nicht verstehen können, weil sie Memes nicht checken. Also: Eine ausführlichere Version von "OK Boomer".

"OK Boomer": Wie, was, warum

"OK Boomer" verwendet man immer dann, wenn jemand etwas etwas sagt, das typisch für die Generation der Babyboomer ist. Man kann es bei konservativen politischen Einstellungen verwenden, bei falschen Problemeinschätzungen, bei Beschwerden über lächerliche Angelegenheiten und bei Thesen, die eher zur Welt der 60er-Jahre passen als zum Jahr 2019. Damit drehen Millennials eigentlich nur den Spieß um: Seit Jahren schreiben Babyboomer, dass die Jungen ungefähr alles ruiniert haben. Nur fair, dass es jetzt einen Konter dazu gibt, oder?

Denn let's face it: Millennials haben keine besonders gute Ausgangslage unter den Generationen. Die Wirtschaft boomt nicht mehr, sondern kriselt. Wir sind die Letzten, die den Klimawandel eingrenzen können, obwohl wir ihn nicht verursacht haben. Wir werden als faul und arbeitsscheu bezeichnet, weil wir auch etwas anderes im Leben wollen als Arbeiten, und müssen für hohe Positionen Praktika machen, für die es Berufserfahrung braucht, wofür man Praktika bräuchte, für die es aber Berufserfahrung brauchen würde, wofür ... 

Was Boomer und Millennials unterscheidet

Der wichtigste Unterschied ist meiner Meinung nach ihr Verhältnis zu Arbeit. Für Babyboomer war der österreichische Traum ein Job beim Magistrat. Nicht weil das irgendwie spannend wäre, sondern weil es der sicherste Job von allen war. Als ich die Branche gewechselt habe, waren meine Omas eher skeptisch als erfreut, weil ich ja einen "sicheren Job" wegschmeiße - was auch zeigt, wie falsch Boomer den Journalismus von heute sehen. Dass ich jetzt mehr Spaß habe, ist für sie gar kein Faktor, der ihnen in den Sinn gekommen wäre. Arbeit ist etwas, was man muss, sagen die Boomer. Aber Arbeit ist etwas, was mir irgendwie gefallen muss, weil ich mich sonst mit 40 aufhänge trotz okayem Gehalt, sage ich.

Vermutlich liegt es einfach daran, wie unterschiedlich wir sozialisiert wurden. In der Zeit des Wirtschaftswunders war der Weg klar vorgegeben: Du machst eine Ausbildung, und dann machst du eine Arbeit, die dazu passt. Und zwar, bis du stirbst. Am besten lange in einem Unternehmen bleiben, weil Stabilität ist das allerwichtigste. Partner, Kind, Wohnung/Haus und ab und zu in den Urlaub, das war das Leben. Aber in einer unsicheren Zeit wie heute reicht das nicht mehr. Wir wissen, dass es vermutlich schwer wird mit der Jobsuche. Mit dem Finanzieren einer Familie. Mit der Lebensplanung. Aber wir wissen, dass wir egal, was wir machen, hauptsächlich glücklich sein wollen.

Die guten Seiten am Millennial-Dasein

Es gibt übrigens auch gute Seiten: In der Zeit, in der ich alt bin, wird niemand mehr das Internet so kaputt machen wollen wie die Babyboomer heute. Man muss sich nur anhören, welche absurden Fragen Mark Zuckerberg sich teilweise im US-Kongress anhören muss und wie technologiefeindlich Politiker der ganzen westlichen Welt sind: Menschen, die keine Ahnung vom Internet haben, nicht damit aufgewachsen sind und nicht wissen, wie man ein Word-Dokument als PDF speichert, wollen am besten wissen, wie man mit Technologie umgeht. Das ist eines der Themen, bei dem wir erstmal nur noch das Schlimmste verhindern müssen, bis es alle verstanden haben.

Das ist auch das größte Geschenk unserer Generation: Wir haben das Internet von Anfang an miterlebt. Das ist einer der wesentlichen Punkte, wo alte Menschen benachteiligt sind. Wer heute mit über 50 arbeitslos wird und mit dem Computer nicht umgehen kann, müsste für viele Jobs aufwendig umgeschult werden - in genau den AMS-Schulungen, die viele junge Menschen so absurd finden, weil ihnen beigebracht wird, was eine Maus ist und wie man sie bewegt. Wir sind da flexibel, wir können solche Dinge lernen, wir tun uns leicht dabei. Und: Wir sind zur selben Zeit auf der Welt wie Memes und können sie verstehen. Alles in allem könnte das sogar ein guter Deal sein.

Wenn ich alt bin

Das Wichtigste ist, dass Babyboomer einfach nicht verstehen, was wirklich wichtig ist. Wer in der Welt des Kalten Krieges aufgewachsen ist, hat vielleicht den Sinn dafür verloren, was in der Zukunft wichtig ist. Die Generation, in der ein Mann alleine mit ungelernter Arbeit eine Familie ernähren und ein Haus bauen konnte, kann die realen Lebensverhältnisse von heute gar nicht mehr realistisch einschätzen. Darum noch ein paar Punkte, die meine Weltsicht als Millennial vielleicht erklären:

Wenn ich alt bin, beschwert sich niemand mehr über Greta. Wir werden uns darüber beschweren, dass niemand Greta zugehört haben, weil die Durchschnittstemperatur um 3 Grad gestiegen sein wird, Ökosysteme zusammenbrechen, das Artensterben vollkommen eskaliert und wir regelmäßige Umweltkatastrophen haben werden. Die dann auch zu echten Flüchtlingskrisen führen, gegen die 2015 ein Witz war.

Wenn ich alt bin, werde ich vermutlich keine Pension bekommen, weil das Pensionssystem dafür jetzt geändert werden müsste. Zu dieser Zeit werden 1,13 Erwerbstätige einen Pensionisten finanzieren müssen. Das kann sich nicht ausgehen. Und es wird auch nicht mehr besser, wenn die Babyboomer in Pension gehen und damit die absolute Sperrminorität gegen jede Pensionsreform haben.

Wenn ich alt bin, werden vermutlich mehr und mehr Menschen in Österreich nicht mehr Deutsch sprechen. Das hat viele Gründe: Englisch wird immer wichtiger, es wird mehr Migration geben - bei einer konservativen Mehrheit, die Integration eher verhindert als fördert -, und das Schulsystem scheint auf absehbare Zeit auch nicht gerettet zu werden. Schon heute können unglaublich viele Schüler, auch aus höheren Schulen, keinen geraden Satz schreiben. Und die Politik unternimmt gar nichts.

"OK Boomer" ist das Meme, das die Welt gebraucht hat

Wenn man solche Probleme hat, kann man die Standpunkte der Babyboomer nicht nachvollziehen. Wer sich über Greta aufregt, hat einfach auf so vielen Ebenen genau gar nichts verstanden. Im Nachhinein wird das Lächerlichmachen von Klimaschutz eine der dümmsten Aktionen der Menschheitsgeschichte sein. Aber das kann man den Boomern nicht erklären - weil sie die Welt nicht mehr so erleben müssen, und weil sie das auch gar nicht mehr auf dem Schirm haben.

"OK Boomer" liefert das Ventil dafür. Wir können nicht jeden Tag mit alten Menschen reden, die uns im Bus für unsere Handys und Kopfhörer böse anschauen als ginge es sie irgendetwas an. Wir werden keine Leute überzeugen, die in einer Zeit sozialisiert wurden, als die Sowjetunion und die Kolonien noch existierten. Das braucht Zeit. Und Kraft. Nerven. Und wenn es um selbstverständliche Dinge geht - z. B. das Internet oder die Notwendigkeit von Klimaschutz - kann man sich einfach nicht mit jedem noch so lächerlichen Einwand beschäftigen. Und statt jetzt in irgendwelche Ausreden zu flüchten, den Minimal-Kompromiss mit der Elterngeneration zu suchen oder Verständnis zu heucheln, muss man das jetzt auch nicht mehr. Dafür gibt es ja "OK Boomer".