Österreichs kaputte Medienförderung

11.04.2020 | #Internet

Österreichs Medienlandschaft ist kaputt. Das ist eine Wahrheit, die ganz unabhängig von der Corona-Krise funktioniert. War vorher so, ist jetzt so, wird nachher vielleicht noch mehr so sein. Das Hauptproblem ist aber nicht, dass die jetzige Reform wieder nur alte Medien fördert - sondern dass noch niemand verstanden hat, was das Problem ist.

Um die heimische Medienlandschaft durch die Krise zu unterstützen, hat die Regierung ein Rettungspaket von 32 Millionen Euro beschlossen. Offiziell heißt es "Sonderförderung", aber de facto geht es darum, Qualitätszeitungen zu retten, die schon jetzt nur durch die schwierige Kombination aus Inseraten, Online-Werbung, Abonnenten und - eher wichtig - Presseförderung überleben können. Und ich versteh den Gedanken gut: Die KRONE kann sich am Markt halten, aber STANDARD und PRESSE sollten wegen einer Pandemie nicht dauerhaft vom Markt verschwinden. Das ist ein Standpunkt, den man nicht nur als Leser, sondern auch als Staatsbürger vermutlich nachvollziehen kann.

Leider gibt es auch bei diesem Rettungspaket einen Fehler, der in der DNA der österreichischen Medienpolitik liegt: "Medien" bedeutet im Wesentlichen "Medien des 20. Jahrhunderts."

Online-Medien bekommen nichts.

Und versteht mich nicht falsch, das ist nicht komplett falsch. Ich selbst lese keine einzige Zeitung im Print-Format und schaue sehr selten lineares Fernsehen, aber ich erkenne sehr wohl an, dass diese Formate 1) noch nachgefragt werden und 2) überleben sollten. Das Problem ist nicht, dass Zeitungen gefördert werden, sondern dass nur Zeitungen gefördert werden. (Und sonstige Formate, die es längst auch digital gibt - aber bleiben wir der Einfachheit halber bei "Print vs. Online".)

Online-Medien bekommen gar nichts. Das ist so ein Grundproblem von Österreich. Wenn heimische Medienpolitiker über Medien nachdenken, denken sie im Wesentlichen auf der einen Seite an KRONE, HEUTE und ÖSTERREICH, auf der anderen an STANDARD, KLEINE ZEITUNG, PRESSE und KURIER. Die wesentlichen Unterschiede zwischen den zwei Seiten liegen im Publikum/Marktfähigkeit und im Umgang, den man als Politiker mit ihnen pflegt. Sie denken vielleicht noch an den FALTER - vor allem in Wien -, aber an Medien wie VICE, ADDENDUM, MOMENT oder DOSSIER denken sie nicht. (Gut, ADDENDUM würde die Förderung wohl auch nicht annehmen, aber als Ex-Addendum-Mitarbeiter liegt es für mich nahe, es als eines der wesentlichen Onlinemedien des Landes zu nennen.)

Die Probleme der Medienbranche sind hausgemacht.

Das Grundproblem ist noch nicht mal, dass Medienpolitik in Österreich so gedacht wird. Es geht darum, dass dieser Gedanke von der österreichischen Medienlandschaft noch immer in großen Teilen so gefördert, ja sogar gefordert wird.

Und ja, ich weiß. Ich bin immer der, der "alles muss digital werden" rumschreit und alte Medien kritisiert. Und ich muss auch fairerweise anmerken, dass in den letzten Jahren viel besser geworden ist. Online-Journalismus hat sich mittlerweile auch bei der PRESSE einigermaßen bewährt, die KLEINE ZEITUNG macht Fortschritte, auch der FALTER macht erste Gehversuche. Es ist nicht alles schlecht und man muss auch respektieren, wenn Boomer (sachlich, nicht despektierlich gemeint) zumindest einsehen, dass man mit diesem Internet irgendwie umgehen muss.

Aber der Grundtenor vieler ist immer noch: "Wir gegen die". Das Narrativ ist: Die "Silicon Valley-Giganten" (oder in positiv ausgedrückt: die Medien, auf denen wir lieber Zeit verbringen) "zerstören" das Geschäftsmodell klassischer Medien. Die angeblichen Lösungen variieren: Mal soll man die Presseförderung für (Print-)Zeitungen erhöhen, mal soll man neue Qualitätsstandards einführen (damit "ein gutes" Medium mehr kriegt, aber die böse, finanziell gut aufgestellte KRONE weniger), mal soll der ORF sein Material hergeben, damit man mehr Content liefern kann.

(Dass der ORF sein Material zur Verfügung stellen soll ist übrigens ein besonders merkwürdiger Vorschlag. Wenn man einerseits der Meinung ist, dass man die eigenen Inhalte nur auf den eigenen Kanälen sendet und nicht auf Facebook, YouTube etc., kann man doch seriös nicht fordern, dass der ORF genau das Gegenteil tut? Ich wäre zwar offen für die Idee, dass der ORF zu einem "Public Value-Medienhaus" wird, aber mit dem Kampf gegen das Silicon Valley ist das für mich nicht ausreichend begründet.)

Die Lösung, die kaum einer mitdenkt? Online-Journalismus zum Geschäftsmodell machen.

Wie es ist und wie es sein könnte.

Und I get it. Österreich ist klein. Es ist schwer, sich als Nicht-Boulevardmedium über Wasser zu halten und noch schwieriger, in diesen Markt mit hohen Eintrittsbarrieren einzutreten. Wir haben viele alte Menschen, die noch immer alte Medien konsumieren und Online noch nicht nachfragen, und wir haben eine Branche, in der Menschen ganz oben sitzen, die das Internet nicht verstanden haben. Alles spricht dagegen, dass Online-Journalismus in Österreich lebt. Aber das kann doch nicht der Grund dafür sein, so weiterzumachen wie bisher.

Die momentane Situation ist die: Die Medienpolitik Österreichs schützt Medien aus dem 20. Jahrhundert mit Politik aus dem 20. Jahrhundert gegen das 21. Jahrhundert. Das finden ein paar Chefredakteure aus dem 20. Jahrhundert gut, und ein paar Politiker an der Grenze zum 21. Jahrhundert tragen das gerne mit, um sich die Presse gewogen zu halten - aber ist das unser langfristiges Rezept, wie wir Österreichs Medien erhalten wollen? Ich hätte da ein paar andere Ideen:

·       Medienförderung statt Presseförderung: Egal ob TV-Sender, Print-Zeitung oder Online-Redaktion, es gibt klare Kriterien für Medien an sich.

·       Innovation belohnen: Medien, die online neue Projekte wagen - z. B. eigene Datenjournalisten oder neue Bezahlmodelle für Online-Content - bekommen mehr. (Vor der Krise, nicht erst jetzt, um Förderung abzustauben.)

·       Kennzahlen auch für Online-Journalismus heranziehen: Warum redet man immer über Print-Auflagen und nicht über Uniques im Monat oder Verweildauer?

·       Public Value bedenken: Wer besonders guten, besonders wichtigen Journalismus liefert, soll auch besonders gut gefördert werden. (Was "gut" ist, muss dabei natürlich genau definiert werden, aber Public Value ist ein eigener Artikel.)

Der Journalismus von heute muss sterben, damit Journalismus leben kann

Ich glaube, wir können Österreichs Medien nicht vertrauen, sich selbst auf die Beine zu helfen. Zumindest manchen nicht. Den STANDARD wird es in zehn Jahren wohl noch geben, weil der früh mit Online-Journalismus angefangen hat. Die KRONE wird es wohl noch geben, weil sie einfach einen brutal hohen Leseranteil hat. Aber wie viele Medien werden wir in den nächsten zehn Jahren verlieren, wenn wir nicht endlich darüber reden, wie sie sich langfristig am Markt halten?

Wer will, dass es in zehn Jahren noch Arbeitsplätze für Qualitätsjournalisten gibt und eine Medienvielfalt, die den Namen verdient, muss darüber nachdenken, was wir ändern können und an welchen Schrauben die Politik drehen kann, um die Branche an sich zu retten. Wir können auch gerne Namen nennen: Glaubt irgendjemand, in- oder außerhalb der Redaktion, dass es das PROFIL in zehn Jahren in der heutigen Form noch geben kann?  Ich auf jeden Fall nicht. Aber ich glaube, dass der Qualitätsjournalismus, der dort entsteht, in zehn Jahren noch leben kann - wenn sich jetzt was tut. Entweder durch gscheite Leute in den Redaktionen, oder ausnahmsweise mal durch gute Entscheidungen in der Medienpolitik.

 

 

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·       Social Media, Populismus und Fake News - ein paar Klarstellungen

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