Veröffentlicht am 22.08.2019 528 Aufrufe Share

Mehr Idealismus wagen

Ab und zu denke ich zurück an die Zeit meines ersten Blogs. Damals war ich wesentlich linker, als ich es heute bin. Und auch wesentlich idealistischer.

Heute bin ich anders. Mein damaliges Ich würde mein heutiges wahrscheinlich nicht mögen. Ich wollte Journalist werden, um die Welt zu verbessern und Unrecht aufzuzeigen. Die PR war für mich eine unethische Branche - so richtig mit "sie verkaufen uns Sachen, die wir nicht brauchen, um Leuten zu gefallen, die wir nicht mögen". Heute bin ich PR-Berater und finde den Kapitalismus nicht schlecht, auch, wenn ich ihn nicht als perfekt ansehe. Und auch sonst hat sich viel verändert.

Von fad zu faul

Was sich vor allem geändert hat, war mein Medienkonsum. Damals war der STANDARD für mich das Tor zur Welt. Auch andere tendenziell linksliberale Medien waren für mich eine fixe Routine. Und ich habe sie jeden Tag gelesen, sechs Stunden lang während der Schule, weil mich die Schule nur selten interessiert hat. Ich hatte eine Wut auf die Welt, auf die Politik, auf die Konzerne und auf alle, die die Welt so machen, wie sie ist, so voller Ungerechtigkeit. Klimakrise, Kriege, Zensur und Diktatur haben mich zu einem politischen Menschen gemacht in Zeiten, in denen es in Österreich innenpolitisch relativ langweilig war.

Heute ist Österreich nicht langweilig. Die Partei der Rechtsextremen, gegen die ich 2010 noch demonstriert habe, saß zwei Jahre in der Regierung - und obwohl es ein Beweisvideo gibt, dass sie mit öffentlichen Geldern über korrupte Umwege unabhängige Medien kontrollieren will, scheint sie nicht großartig abzustürzen. Gleichzeitig haben sich die Probleme, die ich Anfang der 10er-Jahre so schlimm fand, wesentlich verschlimmert. Heute lese ich über 20 Medien regelmäßig - und trotzdem bin ich unpolitischer als vorher. Ich bin zynisch geworden.

Immer mehr Probleme, immer weniger meine 

Manchmal, da merke ich es noch. Zum Beispiel, wenn ich - warum, weiß ich auch nicht so genau - dann doch wieder etwas über Syrien lese. Nicht die üblichen Artikel, in denen tote Menschen nur noch zur Zahl werden, sondern die großen Erklärstücke, die Zusammenhänge. Dann spüre ich wieder diese Wut und diese Ohnmacht, die ich als Schüler gespürt hab.

Ein Diktator schlachtet jahrelang sein Volk ab und die restliche Welt schaut weg - bis die Flüchtlinge da sind, dann zünden wir ihre Unterkünfte an. Die offensichtlichsten Lügner kommen mit unsinnigen Versprechen an die Macht und zerstören die Umwelt - und kriegen dafür noch Applaus. Die Liste der Probleme ist lang. Aber irgendwie ist sie mir auch egaler geworden.

Ich glaube, es hat wirklich was mit diesem Erwachsenwerden zu tun. Irgendwann ist dann doch hauptsächlich wichtig, dass man selbst auskommt und genug zum Leben hat. Irgendwann Hochzeit, irgendwann Kinder - der persönliche Raum der Betroffenheit wird kleiner, aber er wird auch unmittelbarer.

Mehr Idealismus wagen

Aber meine kleine Sphäre hat mich nicht gefangen. Noch nicht ganz. Ab und zu wache ich kurz auf, sehe das Unrecht in der Welt und bin wieder kompromisslos und wütend. Das kann man jetzt als "jung und naiv" sehen - vielleicht sehe ich das eines Tages selbst so -, aber ich halte es für eine gute Eigenschaft.

In letzter Zeit habe ich wieder angefangen, mich für die Dinge zu interessieren. Nicht mehr jede Bullshit-Meinung hinzunehmen, weil es den Streit nicht wert ist. Ich will nicht mehr so tun, als gäbe es für alles einen guten Grund und als wäre alles nur halb so schlimm. Ich will, dass sich die Welt ändert. Und der erste Schritt, um etwas dafür zu tun: Nicht zynisch werden. Und wieder ein bisschen mehr der Idealist werden, der ich mit 17 war.