Kommentarbattles sind Bürgerpflicht

27.04.2020 | #Internet

In letzter Zeit kommentiere ich wieder öfter auf Facebook. Ja, auf Facebook. Nicht "Instagram from Facebook", sondern der blauen Seite, die angeblich keiner mehr verwendet, obwohl jeder ein Profil hat. Und zwar, weil ich mich in letzter Zeit wieder mehr über Themen wie Desinformation lese. Aber der Reihe nach.

Mein Grundgedanke ist: Internet-Kommentare haben oft eine politische Agenda. Das heißt nicht, dass alle gesteuert sind, aber ob ich von einer Partei für einen positiven Kommentar bezahlt werde oder ob ich ihn aus freien Stücken schreibe, ist für die Partei im Endeffekt egal. Und es geht nicht nur um Parteien, sondern auch um ganz große ideologische Themen, die überall in der Gesellschaft ausdiskutiert werden - und zwar auch in Facebook-Kommentarspalten.

Da ist es nur logisch, dass man Facebook auch wie andere Medien als potenziellen Kanal für Agenda-Setting sehen muss. Trotzdem rümpfen viele, die sich professionell damit beschäftigen sollten, immer noch die Nase, wenn es um Facebook-Kommentare geht. "Sowas liest man nicht", ist der Unterton, weil jeder schon mal die unliebsame Erfahrung eines intelligenzbefreiten Kommentators gemacht hat, und das ist ja nicht "wirklich" wichtig, sondern irgendein Niemand. Noch schlimmer ist das auf Twitter, wo einer der wichtigsten Journalisten des Landes Menschen generell ignoriert, wenn sie nicht ihren echten Namen verwenden oder nicht den richtigen Titel haben, um über ein Thema schreiben zu dürfen.

Der Aufstieg rechter Kommentare ist der Aufstieg der FPÖ

Und bis jetzt können dieselben Leute immer noch die Nase rümpfen, weil ich ihnen noch nicht widersprochen habe. Dabei gibt es einen politischen und gesellschaftlichen Trend der letzten Jahre, den sie sicher mitbekommen haben und - wenn ich jetzt mal Journalisten oder Wissenschaftler voraussetze - eher nicht gut finden werden. Und der bestätigt, dass Facebook-Kommentare eigentlich wichtig wären. Der Aufstieg der FPÖ.

Als ich 2010 auf Facebook war und langsam jeder in meiner Generation auf der Plattform angemeldet war, gab es kaum Regeln für Facebook-Seiten und Kommentare. Die ersten Medien - ich kann mich erinnern, dass die KRONE und der STANDARD recht früh auf Facebook vertreten waren - hatten bereits kleine Communities, die nicht mehr auf der Website, sondern direkt auf Social Media kommentierten. Aber während einige etablierte Medien diesen Schritt verschlafen haben, haben andere die Chance genutzt: Rechte Plattformen wie "Unzensuriert", die seit Jahren eine Mischung aus Fake News und Hate Speech ins Internet ballern, um der FPÖ beim Agenda Setting zu helfen.

Kurzer Exkurs: Algorithmen und Reinforcement

Das kann man alles als irrelevant abtun, aber es hat seinen Effekt. Denn wenn Menschen die ganze Zeit nur schlechte Nachrichten zum Thema Migration oder Kriminalität sehen - und kommentieren - dann werden sie weiterhin solche Nachrichten ausgespielt bekommen. Facebook merkt sich, was man sehen will, und zeigt einem mehr davon. Das dürfte jeder mittlerweile auch auf Instagram und allen anderen Plattformen mitbekommen. Das Problem ist, dass man dadurch mit der Zeit in eine "Bubble" kommt und sich leichter radikalisieren kann, als das im Offline-Leben der Fall wäre. Und dadurch werden Leute rechter, wenn die Rechten Social Media dominieren.

Und so haben Kommentare Wirkung. Denn die, die Unzensuriert liken, liken vielleicht auch echte Medien. Und kommentieren dann dort das, was sie auf Unzensuriert gelesen haben. Nämlich dass man lieber über die bösen Ausländer berichten soll, weil Terroristen, weil Vergewaltigungen, weil Wien schlimmer ist als Tijuana oder Rio de Janeiro, und was sie sonst nach jahrelanger Gehirnwäsche so glauben. Nach einem Kommentar denken sie sich vielleicht nicht viel. Aber wenn sie jahrelang "Ausländer böse" lesen und niemand widerspricht, dann leben die irgendwann in einer eigenen Welt. Und das ist bereits der Fall.

Die verheerende Wirkung von Online-Dominanz

Dass das so ist, zeigt auch Fox News in den USA. Ein großer Teil der US-Bevölkerung unterstützt einen Präsidenten, der die Pandemie zuerst ignoriert, dann heruntergespielt hat, um dann die Verantwortung für die Coronakrise auf die Gouverneure zu schieben, um sich danach die Verantwortung zurückzuholen wenn es um positive Nachrichten ging, um dann öffentlich zu sagen, dass man sich Desinfektionsmittel spritzen könnte. Das sind dieselben Leute, die Sozialversicherung für Kommunismus und School Shootings für Freiheit halten. Dagegen ist alles, was wir in Europa erleben, harmlos: Die US-Bürger leben in zwei verschiedenen Welten.

Und auch das wird immer wieder verstärkt durch Facebook-Kommentare. Längst werden in Österreich die Kommentarspalten von Rechten dominiert. Lest einfach mal die Kommentare unter Artikeln von Krone oder OE24 zur aktuellen Corona-Situation in Österreich: Impfgegner sind dort mittlerweile keine Seltenheit mehr. Und schlimmer noch: Es gibt nicht einmal viel Widerspruch. Damit auch die Mitleser, die sich da eigentlich nicht sicher sind, denken: Ja, das ist wohl wirklich so.

Solche Trends können übrigens auch auf die Inhalte selbst übergehen, die gepostet werden. Wer merkt, dass das Ausländer-Thema zieht, wird eher über die bösen Ausländer berichten und vielleicht weniger schöne Worte dafür verwenden. Und vielleicht auch mal die IS-Flagge ins Titelbild nehmen, obwohl es um ein lokales Verbrechen eines österreichischen Staatsbürgers ging. Vielleicht aber wird man auch einfach ein Parteiprogramm zur Online-Blattlinie machen, weil Strache viele Klicks bringt.

Wenn Unzensuriert nicht so früh so viele Fans gewinnt, gibt es keinen Vizekanzler Strache. Wenn Strache nicht jahrelang brav "ausländerkritische" Beiträge von krone.at teilt, ist die Krone online weniger rechts und ihre Leser damit auch. Dann kommentieren die heute nicht regelmäßig, dass Greta Thunberg sterben soll, weil sie neben krone.at auch Unzensuriert, FPÖ-TV und Breitbart News konsumieren. (Übrigens mit ihrem echten Namen und allen Postings auf öffentlich, zwecks Klarnamen-Debatte.)

Das Problem damit?

Und das Problem ist jetzt nicht nur, dass Leute rechts werden. "Rechts" kann auch konservativ heißen. Es gibt eigentlich kaum ein Wort, das heute nicht als "rechts" bezeichnet werden könnte, so ausgedünnt ist der Begriff schon. Viele gute Menschen würden sich als "rechts" bezeichnen und damit Begriffe meinen, die nichts mit Rassismus, Antisemitismus oder Nationalsozialismus zu tun haben - auch, wenn ich den Begriff jetzt so verwende und er allgemein so verstanden wird.

Das Problem damit ist, dass eine Seite des politischen Spektrums den mit Abstand relevantesten Kanal für Kommunikation in unserem Zeitalter kontrolliert hat. Unzensuriert, Wochenblick, die ganzen rechten Medien haben viel schneller und besser auf Social Media gesetzt als die meisten traditionellen Medien - die teilweise heute noch mit einer Website aus dem Jahr 1730 online sind. Das ist nicht gesund für eine Demokratie. Das wäre es auch nicht, wenn alle nur noch die liberalen News sehen und kommentieren, die ich sehen will. (Auch, wenn das sicher weniger Hassverbrechen auslösen würde.)

Kommentieren? Jetzt erst recht!

Im Community Management gibt es eine einfache Regel: Man antwortet nicht nur dem Kommentator, sondern vor allem den Mitlesern. Wenn man das weißt, lesen sich viele Kundenservice-Gespräche in Kommentarspalten ganz anders - auf einmal werden Dinge über Privatnachricht geklärt oder es wird insinuiert, dass der Kritiker etwas nicht ganz verstanden hat. Und ähnlich ist es auch mit Kommentardiskussionen, die nicht auf meiner eigenen Seite stattfinden: Man antwortet nicht immer den Impfgegnern, die mit ihrer uninformierten Meinung andere gefährden wollen - sondern denen, die sich vielleicht davon gefährden lassen.

Und genau jetzt wäre das wichtig. Das Dauerbrenner-Thema "Ausländer" zieht gerade nicht mehr. Momentan interessiert niemanden, was Herbert Kickl zu sagen hat. Das Islam-Thema ist abgeschafft, wenn man unabhängig von Religion und Hautfarbe vor einer Pandemie Angst hat. Jetzt wäre also eine gute Zeit, den Rechten zu widersprechen - die wechseln nämlich gerade, ohne Vorgabe der Themen durch die FPÖ, zu Verschwörungstheorien gegen Bill Gates und die Illuminaten. Jetzt führen Online-Kommentare ohne Widerspruch gerade dazu, dass die dümmsten der Gesellschaft rausgehen und 5G-Masten anzünden, die für die Kommunikation in Krankenhäusern gebraucht werden. Es geht gerade wirklich um was - weil jeder dumme Kommentar zu dem Thema potentiell zu gesundheitsgefährdenden Entscheidungen anderer führen kann.

Kommentarbattles sind Bürgerpflicht

Ich weiß, das wirkt alles recht drastisch. Ich will auch niemanden den Mund verbieten, auch wenn es vielleicht so klingt. Die dümmsten der Gesellschaft gefährden gerade möglicherweise aktiv Leben, aber sie sollen zumindest kommentieren dürfen. Sie sollen auch demonstrieren gehen und sich gegenseitig anstecken dürfen.

Aber eine aufgeklärte Gesellschaft sollte so weit sein, denen auch zu widersprechen. Denn Impfgegner-Kommentare kommen nur von den dümmsten - es sind die zweitdümmsten, für die wir darauf antworten sollten, dass Impfen nachweislich wirkt. Dann repliziert sich der Gedanke nicht - und vielleicht erreichen wir sowas wie "Herdenimmunität". So, wie man sich eine Maske aufsetzt und sich impft, sollte man auch den größten Idioten der Gesellschaft widersprechen, wann immer sie sich wieder trauen, ihren Bullshit in die Welt zu setzen. Sonst kommt nächstes Mal nicht die FPÖ als Ergebnis raus, sondern ein brennender 5G-Mast oder ein Angriff auf Wissenschaftler, die um unsere Gesundheit kämpfen.

Kommentarbattles sind so etwas wie das Community Management der Gesellschaft. Leider haben wir es in den letzten Jahren verlernt, uns um diese Aufgabe zu kümmern. Wir haben aufgehört, genau den Personen digital zu widersprechen, die wir im echten Leben sofort angehen würden, wenn sie in unserem Umfeld ähnliche Inhalte äußern würden. Aus dieser Bequemlichkeit müssen wir raus - und jetzt ist die perfekte Zeit dafür.

 

 

Übrigens: Das ist jetzt nicht ganz das Thema dieses Artikels, aber wenn euch Desinformation, Online Agenda Setting usw. interessiert, könnt ihr hier anfangen. Die Videoreihe "Alt Right Playbook" habe ich die letzten Tage durchgeschaut und einiges davon kann ich auch bei Menschen aus meinem persönlichen Umfeld beobachten. Dieses Video hier ist ein guter Start: How to Radicalize A Normie