Keine Zeit für Edgy Takes

29.03.2020 | #Österreich

Man sagt, wenn man wissen will, was das Land denkt, dann liest man die Krone. In der Blattlinie der erfolgreichsten Zeitung Europas steht grob, dass sie die Meinungen der Journalisten der Zeitung widerspiegelt - und diese ist in der Regel ganz nah an dem, was viele Österreicher denken. Tierschutz-Schwerpunkt, Anti-Gentechnik-Kampagne, usw. usf. Und jetzt eben: Corona. Was wir jetzt tun müssen, ob wir uns fürchten müssen, und und und.

Ich glaube, es gibt auch einen Gegenpol zur Kronen Zeitung. Etwas, das man lesen kann, wenn man wissen will, was in Österreich fast niemand denkt. Und das ist die Twitter-Bubble.

Twitter bleibt bei edgy takes - auch in der Krise

Während sich das ganze Land unisono damit beschäftigt, wie man sich vor der Krankheit schützen kann, was das für die eigene Zukunft bedeutet, wie man jetzt wie lange über die Runden kommt und wann das alles vorbei sein wird, ist Twitter wieder zu seiner Lieblingsbeschäftigung übergegangen: Edgy Kritik zu finden, wo sie noch niemand gefunden hat.

In diesen Zeiten ist das edgy-sein eigentlich aufgelegt. Wenn alle sich einig sind, dass man drin bleiben muss, um Leben zu retten, sagen die eben, dass man rausgehen soll. Da wird gefordert, dass Parks offen bleiben und dass die Polizei die Leute einfach in Ruhe lassen soll. Was ich verständlich finde - ich will die Freiheiten von Bürgern auch eher ungern einschränken. Aber manche Leute gehen eben nicht nur raus, weil sie einkaufen oder weil ihnen die Decke auf den Kopf fällt - sondern weil sie zu ignorant sind, um das Problem zu verstehen. Ich habe selbst mit jemandem gesprochen, der meint, dass es wurscht sei, ob man rausgehe. Es treffe eh "nur Boomer".

Und da finde ich es schon okay, wenn die Polizei was sagt. Wenn die Regierung entsprechende Gesetze erlässt und manche Orte schließen lässt, die anderen sehr wichtig sind. Dass es mit der Appell-Ebene nicht immer reicht, zeigen Corona-Partys - Partys, die deshalb lustig sind, weil man nicht nur die eigene Gesundheit, sondern auch das Leben anderer riskiert, weil man jetzt sofort Party braucht. Keine Einschränkungen für die wirklich wichtigen Dinge im Leben, you know?

Kritik = Autoritär

Das viel Schlimmere ist aber nicht diese edgy Kritik, sondern was danach kommt. Denn wenn man diese Leute darauf hinweist, dass es nachweislich Leben rettet, wenn man drinnen bleibt und dass diese Maßnahmen schon erste Wirkungen zeigen, weil sich die meisten Leute zusammenreißen können - dann werden sie furchtbar beleidigt. "Kritik und Dissens muss erlaubt sein", sagen sie, und diskreditieren jeden Widerspruch als Zeichen einer autoritären Gesellschaft, die uns nach der Corona-Pandemie drohen würde. "Kritik und Dissens muss erlaubt sein", das ist das "Das wird man ja noch sagen dürfen" für Bobos.

Mich frustriert das ein bisschen. Und normalerweise hab ich aufgehört, mich von Twitter-Debatten frustrieren zu lassen. Kein Mensch in Österreich interessiert sich für Twitter-Debatten und wer als Sau durch dieses Dorf getrieben wird, muss sich in der Regel keine Sorgen um seine Karriere machen. Aber wenn Alpha-Journalisten und Menschen mit über sechsstelligen Follower-Zahlen extra Bullshit-Takes veröffentlichen, um sich wie immer selbst zu inszenieren, kann das ernsthafte Konsequenzen haben.

Es gibt ja doch Leute, die sie ernst nehmen. Und es gibt Leute, die sie erreichen, die auch nicht wissen, dass Twitter nicht das echte Leben ist. Und die lesen dann solche Takes lesen müssen:

·        Das Recht, rausgehen zu dürfen und sich im öffentlichen Raum zu entspannen, ist eines der heiligsten der modernen Gesellschaft.

·        Das Virus trifft hauptsächlich alte und kränkliche Menschen, also kann ich doch auf einen kleinen Spaziergang gehen.

·        Viele Menschen haben sich schon davon erholt und die Maßnahmen wirken, also muss man nicht auf alles verzichten. Man gönnt sich ja sonst nichts!

Und dann gehen die Leute wieder raus. Und das ist ja verständlich. Auch ich als Gamer, der auch im Sommer oft drinnen ist und wirklich nicht jeden Tag raus muss, finde es unangenehm, nicht rauszukommen. Ich verstehe jeden, der das braucht und finde, man braucht aus Mental Health-Bedürfnissen kein Stigma zu machen. Aber jetzt ist nicht der Zeit für "mutige" Äußerungen und "Richtig und Wichtig"-Tweets, auf die kleine Accounts mit "DANKE!" antworten. Jetzt ist die Zeit, sich zusammenzureißen und drinnen zu bleiben.

Für manche geht's um nichts

Die Journalistin Barbara Kaufmann hat schon richtig gesagt: Man merkt in dieser Zeit, für wen es um was geht und für wen das nur die nächste Bühne ist. Es gibt unglaublich viele Leute, die jetzt um ihren Job zittern müssen oder ihn schon verloren haben. Die nicht wissen, wie sie mit Verdiensteinschränkungen auskommen sollen. Oder die einfach um ihre Gesundheit fürchten, weil sie wissen, dass sie als Risikopatienten Intensivbetreuung brauchen werden - und die wird in New York, Italien und Spanien gerade knapp.

Und dann gibt's eben die, die diese Probleme nicht haben. Die eh schon lange mehrere Tausender im Monat verdienen und schon lange nicht mehr rechnen müssen, wie sie die Miete zahlen. Die nicht nur Geld, sondern auch Einfluss haben. Das sind die Menschen, die von der Dachterrasse oder dem Garten aus die Krise damit verbringen, ihren Followern auszurichten, was sie jetzt zu denken hätten und dass das alles gar nicht so schlimm sei. Selbstverwirklichungs-Phase, geht mal raus, lernt was Neues, alles gut, kein Grund zur Sorge. Die sehen nicht, dass es nicht für alle so leicht ist, tun aber so, als hätten sie alles genau verstanden. Und ziehen die Leute dann mit verharmlosenden Tweets raus.

Warum das wichtig ist

Und bevor jemand fragt, warum ich mich mit solchen Meta-Diskussionen überhaupt beschäftige: Weil es auch mir in diesem Lockdown nicht gut geht. Und weil ich mir um meine Familie und mich Sorgen mache. Auch junge Menschen sind nicht unverwundbar, und meine Oma mit 81 Jahren und Bronchitis schon längst nicht. Ich will nicht, dass Menschen vermeidbar krank werden, weil andere sich nicht zurücknehmen können und weil ihnen irgendein Chefredakteur mit Luxusproblemen eingeredet hat, es sei schon okay, jetzt rauszugehen. Es ist einfach nicht die Zeit dafür.

Wenn diese Krise vorbei ist - und hoffen wir, dass wir diszipliniert bleiben und das möglichst bald so ist - können wir uns gerne anschauen, ob das alles notwendig und gerechtfertigt war. Und auch darüber, wie wir beim nächsten Ernstfall damit umgehen. Aber jetzt wäre es an der Zeit, dass jeder sein möglichstes tut, um möglichst wenige Menschen zu gefährden und sich nach Möglichkeit zurückzunehmen.

Das gilt nicht für den Arzt, der nach unglaublich schwerem Dienst noch schnell in den Park geht, um durchzuschnaufen. Das gilt auch nicht für die Mutter, die 24 Stunden auf engem Raum mit der großen Familie ist und sich eingesperrt fühlt. Aber es gilt für Leute, die jetzt einfach gern was mit Freunden unternehmen wollen und sich nicht davon aufhalten lassen, dass es die Gesundheit anderer gefährdet. Und es macht mich wütend, wenn Menschen für ihre Selbstinszenierung so tun, als wäre das irgendwie anders.