Veröffentlicht am 24.03.2019 394 Aufrufe Share

Der Journalismus braucht mehr Junge

Seit ich 17 bin, arbeite ich "irgendwas mit Medien". Von coffee2watch zum ersten Volontariat beim Kurier, wo ich zum ersten Mal ernsthaft für ein Massenpublikum schreiben konnte. Weiter zur Puls 4 Mobile Reporting Academy, wo ich Grundlagen des Fernsehjournalismus lernen durfte. Die Gründung von Fakt ist Fakt - das erste Mal, dass ich nicht ganz unten in der medieninternen Nahrungskette stand. Zu Addendum, einem Medien-Startup, das zumindest erkannt hat, dass es auch Junge braucht. Und jetzt eben in der PR.

Und trotzdem waren manche Dinge immer gleich. In den allermeisten Stationen meiner Karriere war ich der Jüngste im Raum. Und meistens spürt man das auch. Wenn man über eSports als journalistisch interessantes Thema spricht, zum Beispiel. Oder wenn man ernste Themen gerne mit einem lustigen Video anteasern würde. Wenn man Wortspiele in einem Artikel einbringen will, die vielleicht nicht alle verstehen, weil ein englisches Wort dabei ist. Nein, so machen wir das nicht. So haben wir das noch nie gemacht.

Nicht überall werden Junge bevormundet

Ich habe nie "was Gscheites" gearbeitet. Oder "was Gscheites" gelernt. Also nichts mit den eigenen Händen erzeugt, nichts, was nach dem Atomkrieg noch was wert ist. Aber trotzdem habe ich den Eindruck, dass das dort anders ist. Wer eine Lehre macht, ist mit 18 oder 19 fertig und ist danach der "junge Kollege". Nicht der junge, den man halt machen lässt und dem man die Welt erklären muss. Einfach ein Kollege. Nur eben jung.

Und sogar die Politik hat mittlerweile verstanden, dass junge Menschen kein Nachteil sind. Julia Herr, die jahrelang von den Medien als "linke Rebellin" bezeichnet wurde, ist auf einem wählbaren Listenplatz einer Seniorenpartei. Die Spitzenkandidatin der NEOS, Claudia Gamon, ist jung. Listenplatz 2 ebenso. Und sogar bei der ÖVP finden sich junge Menschen auf der Liste - sie können wertvolle Vorzugsstimmen sammeln.

Warum war das in der Medienbranche anders? Und wie lange dauert es, bis endlich der letzte 100-jährige merkt, dass das eine Sackgasse ist?

Die Artikel 13-Diskussion zeigt: Sie verstehen es nicht

Dass die Medienbranche eine Verjüngungskur braucht, zeigt sich an vielen Stellen. Zum Beispiel an der Debatte über Artikel 13 der geplanten EU-Urheberrechtsreform. Dieser Artikel sieht vor, dass sogenannte "Upload-Filter" bei großen Plattformen überprüfen sollen, welche Inhalte z. B. auf Facebook hochgeladen werden - wenn das Material urheberrechtlich geschützt ist, scheitert der Upload. Das könnte das Ende für Remixes, Satire und Memes bedeuten. Und auch für Medieninhalte, die sich einfach aufgrund ihrer Qualität auf Social Media verbreiten und die Bekanntheit der Hersteller erhöhen.

Ich weiß nicht genau, ab welchem Jahrgang - aber es gibt einen, ab dem sich die Gesellschaft spaltet. Wer mit dem Internet aufgewachsen ist, erkennt die offensichtlichen Fehler, die in diesem Gesetz enthalten sind. Das zeigt sich auch darin, dass ihre Artikel intelligent formuliert sind, weil sie Ahnung davon haben, worüber sie schreiben. Wenn ein Text zu Artikel 13-Gegnern einen Titel wie "Ihr unterstützt datenhungrige US-Konzerne!" hat, weiß ich, dass der Autor über 50 ist. Ich wette nur noch mit mir selbst, wie viel älter er ist. (Verfasser Andrian Kreye ist 56. Das Internet müssen ihm seine Kinder erklären.)

Es braucht natürlich auch alte Menschen. Aber nicht überall.

Und das ist bei ungefähr allen Dingen so, die mit dem Internet zu tun haben. Die Social Media-Auftritte österreichischer Medien bleiben unter ihren Möglichkeiten, wenn Journalisten die Teasertexte selbst schreiben. Der Online-Journalismus sieht aus wie aus dem Jahr 560 vor Christus, weil die alte Garde nicht einsieht, dass es dafür Personal braucht. Wisst ihr, wie viele Online-Redakteure kleine österreichische Zeitungen haben? Zwei. ZWEI. Aber sich wundern, dass das Internet die armen Zeitungen kaputt macht.

Das soll übrigens nicht nur Alten-Bashing werden. Es ist nur sinnvoll, dass Chefredakteure einige Jahre im Journalismus verbracht haben. Und rein handwerklich sind sie in den allermeisten Fällen talentierter als Junge, die erst nachrücken und journalistisches Schreiben erst lernen müssen. Es ist nicht so, dass alte Menschen keine Existenzberechtigung im Journalismus mehr haben und man sie einfach durch junge ersetzen müsste. Aber sie sollten endlich anfangen, junge Menschen 1. einzustellen, 2. menschenwürdig zu bezahlen und sie 3. ernstzunehmen.

Junge Menschen verlassen die Branche

Ich kenne viele Beispiele, in denen junge Menschen wechseln, weil die Rahmenbedingungen für sie nicht gepasst haben. Die eine Studienkollegin, die bei der UNO und der EU für einen Hungerlohn gearbeitet hat, ist jetzt bei der OMV. Der frühere idealistische "Jungjournalist", der jetzt PR für eine Partei macht. Eine Journalismus-Studentin, die gerade ihren Master macht, ist frustriert bei der Jobsuche und überlegt, in welche Richtung sie sonst gehen muss. Es gibt sie überall.

In der PR läuft das viel besser. Ich bin erst seit wenigen Monaten dabei, aber ich bin seit der ersten Woche in Kontakt mit Kunden - auch mit den großen, bei denen es um viel Geld geht. Bei Milestones gibt es eine Art Grundvertrauen, dass ich schon nachfrage, wenn ich etwas nicht verstehe oder Hilfe brauche. Und sie wissen auch, dass ich Social Media und Videos kann. Das ist viel angenehmer.

Es ist primär das Problem der Medien, nicht der Jungen

Auf Dauer ist es nicht primär das Problem der Jungen, die sich gerne bewiesen hätten. Es ist das Problem der Medienunternehmen. Wenn man nicht bald junge Leute mit Digitalkompetenz einstellt, dauert es nur noch wenige Jahre, bis Profil und News vom Markt verschwinden. Der Falter kann es sich momentan leisten, eine beschissene Website zu haben - aber wie lange noch? Wie lange noch, bis auch die letzte Zeitung endlich einsieht, dass sie das Internet braucht, um zu überleben?

Ich glaube nicht, dass es alle rechtzeitig schaffen. Und es tut mir nicht leid um die, die zurückbleiben. Wenn 2019 viele gebildete Leute in einem Büro sitzen, "Wir machen ein Printprodukt" sagen und glauben, das alleine sei die Zukunft, verstehe ich, dass es nicht klappt. Diese Kultur der alten Printjournalismus-Garde, die nach wie vor so tut, als lebten sie in den 80ern, muss sterben, damit Journalismus leben kann. Wer das verhindern will, braucht junge Menschen.