Veröffentlicht am 03.01.2017 3285 Aufrufe Share

Falsche Argumente gegen das Rauchverbot widerlegt

Was für ein Schachzug! Die Familienministerin Sophie Karmasin (ÖVP) setzt mitten im Neujahrs-Spirit auf das Thema Rauchverbot. Ein guter Zeitpunkt, denn jetzt hat sich die rot-schwarze Regierung schon auf den x-ten Neustart und sogenanntes "konstruktives Arbeiten" eingeschworen - wäre doch peinlich, dieses Bild vom Reformgeist gleich wieder kaputtzumachen, oder?

Darum jedenfalls diskutiert Österreich jetzt über das Rauchverbot bis 18. Und viele Politiker, auch Sozialdemokraten, haben sich schon positiv dazu geäußert. Bevor das alles richtig losgeht, sind auf Facebook und Twitter schon die ersten Geisterfahrer unterwegs und bringen Argumente, die man meiner Meinung nach nicht unwidersprochen lassen sollte. Hier ein paar ausgewählte davon - und was ihr in Diskussionen entgegnen könnt.

Dass ich rauche, muss ja keinen stören

Falsch. Zwar kann es mir egal sein, was du mit deiner Gesundheit anrichtest - was du mit meiner machst und wie ich in meinem Alltag durch dich beeinträchtigt werde, nicht. Einwände von Nichtrauchern, dass Rauchen nicht nur durch passives Mitrauchen schade, sondern auch unangenehm stinke - übrigens auch in der Kleidung von Rauchern - wird gerne als lächerlich abgetan. Das ist falsch, weil Raucher nicht gleich wahrnehmen, wie ihre eigene Sucht für andere stinkt. Wie penetrant dieser unangenehme Gestank ist, für den man absolut nichts kann. Es heißt nicht umsonst "Nichtraucherschutz". Ihr stinkt, get over it.

Nichtraucherbereiche sind Schutz genug

Sind sie nicht. Die meisten Nichtraucher mit Raucherfreunden werden sich wohl ab und zu wegen diesen in einem Raucherbereich wiederfinden. Für die Bitte, im Nichtraucherbereich sitzen zu wollen, wird man im falschen Freundeskreis eher schief angeschaut. Das trifft natürlich nicht auf alle Nichtraucher und ihre Bekannten zu - aber die Behauptung, man müsse eh nicht mitrauchen, kommt manchmal der Forderung gleich, nicht mit Freunden ins Gasthaus zu gehen. Was übrigens ein Argument der Wirte gegen den Nichtraucherschutz war.

Und übrigens: Kein Mensch denkt dabei an die Kellnerinnen und Kellner. Die, auch wenn sie nicht rauchen, permanent Raucher bedienen müssen - noch dazu gesammelt. Hinter der Tür zum Raucherbereich gehen sie dann durch eine stinkende, krebserregende Wolke. Manchmal liegen sogar die Toiletten im Raucherbereich. Das heißt, das Rauchverbot ist auch eine Maßnahme zum Arbeitnehmerschutz.

Für Jugendschutz sind die Länder zuständig

Das ist zwar juristisch richtig, aber ein Scheinargument. Die Initiative einer Ministerin damit abzuweisen, heißt nur "Du hast nicht die Macht dazu" und ist kein inhaltliches Argument. Dass die Länder dafür zuständig sind, heißt auch nicht, dass das sinnvoll ist - denn die Gesundheitsschäden durch Alkohol- und Zigarettenkonsum sind nicht vom geografischen Standort und Bundesland abhängig. Und im Endeffekt auch wurscht - denn wie der "Standard" berichtet, wollen alle Länder das Rauchverbot bis 18.

Wer Jugendliche wählen lässt, muss sie auch rauchen lassen

Gerne wird darauf aufmerksam gemacht, dass man mit 16 schon wählen kann. Eine nette Analogie. Wer die Wahl eines Staatsoberhauptes oder einer Regierung entscheiden kann, der kann wohl auch über sein eigenes Leben entscheiden, oder? Leider eher nicht. Das Klischee vom Rauchen aus Gruppenzwang nervt, aber ist irgendwo immer auch real. Und man vergleicht Äpfel mit Birnen: Während man beim Wählen ein demokratisches Grundrecht ausübt und etwas gesellschaftlich Wünschenswertes tut, schadet man mit Zigaretten sich selbst und seiner Umwelt. Gut, das geht mit einer Wahl auch - aber das Prinzip ist klar, oder?

Das ist Regulierungswahn!

Es stimmt zwar, dass in Österreich im Zweifelsfall 300 Gesetze gemacht werden, wo eines gereicht hätte. Aber dass das Rauchverbot ein Auswuchs der Bürokratie, ein sinnloses Gesetz sein soll, ist einfach falsch. Nicht nur aus den Gründen in diesem Artikel - das ist sogar ideengeschichtlich so. Der Staat begründet seine Macht dadurch, dass in einem anarchischen "Urzustand", in dem es keine Regeln in einer Gemeinschaft gibt, der Stärkere gewinnt und der Schwächere nicht geschützt wird. Es gibt keine Sicherheit. Das Rauchverbot schützt Menschen, die nichts falsch gemacht haben, vor Menschen, die süchtig nach etwas Falschem sind. Es schützt Individuen vor der Willkür anderer Individuen. Wir könnten ungefähr 100.000 andere Gesetze streichen - aber das ist kein Argument gegen dieses spezifische Anliegen.

Ein Rauchverbot wäre undemokratisch, wenn das Volk nicht gefragt wird

Das ist eigentlich der größte Blödsinn. Natürlich ist das demokratisch - die Regierung, die Länder, so ziemlich alles was in der Debatte mitredet ist irgendwo vom Volk gewählt und legitimiert. Nur, weil nicht jeder Österreicher seine Meinung dazu abgegeben hat, heißt das nicht, dass eine Entscheidung nicht demokratisch ist. Sonst wären alle politischen Maßnahmen der letzten Jahre "undemokratisch", außer der Abschaffung der Zwangsarbeit in die österreichische Rechtsordnung. Spricht nicht gerade für das Urteilsvermögen der Österreicher?

Wenn das Rauchverbot kommt, dann sterben die Wirte

Nope, not gonna happen. Das zeigen internationale Beispiele die ganze Zeit. Es ist auch etwas merkwürdig, anzunehmen, dass Menschen nur in Lokale kommen, um dort gemeinsam zu rauchen, und nicht etwa um gemeinsam zu essen. Wer Rauchen will, kann immer noch rausgehen. Und wer es nicht aushält, eine Stunde nicht zu rauchen, sollte sein Leben ohnehin überdenken.

Unser Zusammenleben funktioniert auch so

Das kann ungefähr jeder Nichtraucher widerlegen. Wenn man mit Süchtigen an einem Tisch sitzt, an dem das Rauchen erlaubt ist, muss man an deren Nettigkeit - und das Zurückhalten einer Sucht - appellieren, um essen zu können, ohne permanent einem penetranten Gestank ausgesetzt zu sein. Und jeder kennt die "Kannst du nicht essen, während ich rauche?"-Witze. Ein Appell an die Nettigkeit ersetzt keine gesetzliche Regelung. Ansonsten bräuchten das ganze Strafrecht generell nicht, denn wir sind ja alle nett zueinander und Regeln sind so schlimm.

Man muss auch den Rauchern zuhören!

Nein, muss man nicht. Eine Abstimmung über den gesundheitlichen Schutz einer Gruppe kann nicht von der schädigenden Gruppe entschieden werden. Wenn Heroin nicht verboten wäre, würden wir es natürlich wieder verbieten - und dabei nicht auf die Heroinsüchtigen hören, die mit ähnlichen Argumenten wie in dieser Liste kommen würden. Anstatt einfach zu sagen "Nein, verbietet es nicht, weil ich mag Heroin". In Wirklichkeit ist das nämlich das Einzige, worum es geht. Ja, du magst Rauchen, schön für dich. Das heißt nicht, dass das irgendjemand einatmen muss, der es nicht will - und schon lang nicht beim Essen. Hör auf, halt's zamm oder geh raus.

Das Rauchverbot ist nicht links / rechts / liberal / konservativ, darum ist es abzulehnen

Wenn wir uns ehrlich sind, haben ideologische Argumente nichts in sachpolitischen Debatten verloren. Als tendenziell liberaler Mensch stehe ich Verboten generell skeptisch gegenüber - aber Nein zu sagen, weil Verbot und Verbot böse, das wäre zu einfach. Für mich überwiegen alleine schon aus egoistischen Motiven die Vorteile. Und jeder sollte sich anhand von Fakten und Argumenten bilden. Ideologie macht bei sachpolitischen Fragen oft blind.

Fazit

Wenn man sich diese Gegenargumente im Kopf behält, sollte man eine halbwegs zivilisierte Debatte führen können. Es gibt selbstverständlich auch Gründe, gegen ein Rauchverbot zu sein - ich glaube vielen auch, dass sie die individuelle Freiheit gefährdet sehen, die Verbotskultur aufbrechen wollen oder einfach gerne rauchen. Dennoch können wir uns wohl darauf einigen, dass Diskussion nichts Schlechtes ist und man sie zivilisiert führen sollte - am besten mit diesen (Gegen-)Argumenten im Kopf.

Bei den Konferenzen der Jugendreferenten und Landeshauptleute werden wohl die Entscheidungen getroffen. Das kann lange dauern. Generell hoffe ich aber, dass sich "die Politik" - wer auch immer alles mitdiskutieren mag - sich auf eine österreichweite Lösung einigt. Denn dass Alkohol in Salzburg und Wien anders geregelt ist und es beim Rauchen verschiedene Landeslösungen braucht, versteht wirklich keiner.


Bild: Michael Ocampo auf Flickr (Kommerzielle Nutzung und Änderungen erlaubt, Schärfe verändert)