Veröffentlicht am 17.07.2016 1650 Aufrufe Share

Facebooks Algorithmus kennt euch nicht so gut, wie ihr denkt

Privatsphäre ist ein viel diskutiertes Thema. Nicht nur wegen Snowden und so - einfach die Tatsache, dass so viele Leute ein Smartphone besitzen und sich auf Social Media rumtreiben, gibt der Sache eine gewisse Relevanz. Was passiert mit unseren Daten? Wer profitiert davon? Viele tun alles, um unsichtbar zu bleiben. Auch mir ist Privacy recht wichtig, für heiklere Sachen benutze ich schon mal Tor. Aber in der öffentlichen Diskussion wirkt es teilweise, als wäre jeder Datensammler generell unser Feind.

Ich finde es eigentlich ziemlich okay, dass Facebook meine Daten sammelt. Zumindest, wenn es nur darum geht, mir personalisierte Werbung zu verkaufen. Ich fürchte mich wesentlich mehr vor Regierungen, die ohne jedes Recht meine Daten durchstöbern - auch, wenn Facebook vermutlich mehr weiß. Und da der Internetgigant um sein Imageproblem weiß, gibt es auch seit einiger Zeit die Option, sich selbst anzusehen, was einem dieses Datensammeln bringt. Unter Einstellungen à Werbeanzeigen à Werbeanzeigen basierend auf meinen Einstellungen kann man sich ansehen, was Facebook über einen weiß - oder eben glaubt zu wissen.

Megan Carpentier, eine Journalistin des britischen Guardian, hat am Beispiel ihrer eigenen Person gezeigt, dass dieser Algorithmus nicht immer ganz richtigliegt und auf jeden Fall noch verbesserungswürdig ist. Ich habe mir gedacht, es wäre lustig, das auch von mir zu wissen. Also habe ich mich durch die 1343 Präferenzen gekämpft, von denen Facebook glaubt, dass ich sie hätte. Die besten habe ich mir für diesen Artikel rausgesucht und nach den unternehmenseigenen Kategorien gegliedert.

Wie gut Facebook mich kennt

Womit Facebook durchaus richtig liegt: Ich interessiere mich für Start-Ups und alles um die Begriffe "Government" und "Journalist". Ich mag Facebook, Twitter und Social Networks generell und kann mit Multimedia was anfangen. Mit Individualismus, Liberalismus, "Progressivism in the United States" und sogar "Anarcho-Capitalism" hat Facebook sogar einen halbwegs guten Überblick über meine politischen Interessen gefunden. Auch diverse Parteien aus der ganzen Welt finden sich in verschiedenen Kategorien wieder - und oft ist die Auswahl gar nicht so absurd.

Allerdings ist gerade im Bereich "Lifestyle" viel Fragwürdiges dabei, das sich widerspricht. Ich interessiere mich demnach zum Beispiel für "Nazi Germany" und "Right-wing Politics", aber gleichzeitig auch für Kommunismus. Damit meint Facebook wohl wirklich eher Interesse als affektive Nähe, da sich das a) widersprechen würde und b) beides nicht zutrifft. Eigentlich hätte ich mir die Tatsache, dass sich so viele politische Richtungen in meinem Profil widerfinden, mit politischen Diskussionen auf Social Media erklärt. Aber Facebook scheint da andere Methoden zu haben: 

Im Bereich "Hobbies & Activities" ist mir gleich das erste ins Auge gestochen: Autos. Ich hasse Autos. Okay, das heißt nicht, dass ich mich nicht dafür interessieren kann - aber für Autowerbungen wäre ich der letzte Ansprechpartner. Weder habe ich Führerschein, noch würde ich ihn machen, weil ich ohnehin penetranter Öffi-Nutzer bin. Aber Facebook bildet sich ein, dass ich an Autos interessiert bin - basierend auf meinem Interesse an Seiten, die ich nicht geliked habe. 

Es geht weiter mit komischen Einschätzungen: Im Bereich Bildung interessiere ich mich weder für die Columbia noch für die Furman University, auch die Universität Leipzig ist mir ziemlich egal. Auch mein angebliches Interesse für Theologie ist interessant, da es auf fünf weiteren religiösen Begriffen beruht, die ich als ziemlich radikaler Atheist alle nicht like. 

Was wiederum richtig ist: Ich studiere an der Uni Wien (wie ich ja auch selbst angegeben habe) und interessiere mich daher für diese. Auch mein Interesse für Anonymität, Sozial- und Medienwissenschaften hat Facebook gut erkannt. Lustigerweise basiert mein Interesse an Anonymität nicht nur auf Privacy und Whistleblowing, sondern auch am chilenischen Fußballspieler Alexis Sánchez und einem spanisch-sprachigen Film, dem ich nie ein Like gegeben habe. Keine Ahnung, wo da der Zusammenhang ist.

Was Essen angeht, kommt hauptsächlich Unzutreffendes. Ich hasse Whisky, Facebook. Auch Scotch Whisky. Sushi mag ich auch nicht. Barley und Malt musste ich erst googeln. Und Marshmallows habe ich noch nie probiert. Aber immerhin hat Facebook richtig gecheckt, dass ich Schnitzel, Vodka und Koffein mag - wenn auch nicht zwangsläufig zur selben Tageszeit. Vielleicht sollte ich mehr Bilder von meinem Essen posten, die Facebook dann auswerten kann?

Im Bereich "Wellness & Fitness" bin ich angeblich an Hypothyroidism awareness interessiert. Das musste ich mir erstmal übersetzen lassen. Damit ist die Bewusstseinsschaffung für Schilddrüsenunterfunktionen gemeint. Und das Interesse daran wurde wiederum vermutet, weil ich Frauenrechte geliket habe. Whaaat?! 

Unter anderem interessiere ich mich laut Facebook noch für:

  • Bieber
  • Pilze
  • Die Berliner U-Bahn
  • Nägel
  • Den Aggregatszustand "fest"
  • Baseball
  • Harlem Shake
  • Den Namen "Thomas"
  • UFOs
  • Illuminaten
  • Die Bibel
  • Steine 

Aber es ist nicht alles total unzutreffend. In der Kategorie "People" hat Facebook tatsächlich einen recht guten Überblick darüber, für wen ich mich interessiere. Schauspieler, Sportler, Musiker, Politiker - alles, was ich irgendwie sympathisch finde, ist da recht korrekt vertreten. Und auch, wenn meine Fußballfan-Zeiten vorbei sind, weiß Facebook ziemlich gut, wen ich früher gut fand und wen nicht. Mein politisches Interesse ist recht umfassend vertreten und auch meine "echten" Hobbies - also nicht Steine - habe ich fast alle wiedergefunden.

Facebooks Algorithmus macht, wie ihr gesehen habt, bei weitem nicht alles richtig. Das Schöne ist aber, das jeder Einsicht nehmen kann. Und: Man kann Facebook sogar helfen, die eigenen Präferenzen besser darzustellen. Mein Interesse an Schilddrüsenunterfunktion habe ich zum Beispiel manuell gelöscht, um keine Werbung darüber zu bekommen - wobei schon interessant wäre, wie man mit so einem Thema Marketing macht.

Natürlich ist die Frage, ob ihr das überhaupt wollt. Es gibt auch schon diverse Seiten, mit denen man das eigene Suchprofil von Google versauen kann. So werden einem zwar Sachen vorgeschlagen, die einen nicht interessieren - aber man kann versuchen, den Wissensstand der Konzerne über unser Leben zu minimieren. Genauso gut könnte man auch einfach alle Präferenzen auf Facebook löschen. Auch die, die zutreffen. Ich jedenfalls habe meine Facebook-Präferenzen ordentlich aufgeräumt und bin gespannt, wie das meine Nutzererfahrung beeinflussen wird.

 

Titelbild (C) Christopher