Veröffentlicht am 25.08.2019 777 Aufrufe Share

Die Twitter-Bubble

Wie es um die Digitalkompetenz österreichischer Journalisten bestellt ist, weiß man, wenn man sich so manches Feuilleton zu Social Media durchliest. Denn da steht dann "die sozialen Medien", und ausgeführt wird im nächsten Satz "Facebook und Twitter".

Facebook "und" Twitter?

Das ist schon der erste Fehler bei der Sache. Man hat sich in den frühen Tagen der Social Media - 2008, 2010, so in der Zeit - angewöhnt, von "Facebook und Twitter" zu reden. Facebook, das war für die Erwachsenen das, was die Jungen nutzen, und Twitter war das, wo die wichtigen Dinge passieren. Eigentlich nur zwei wichtige Dinge: Arabischer Frühling und Journalisten-Blase.

Richtig gefestigt ist dieser Mythos erst in der Zeit, als der große Armin Wolf-Hype losging. So gegen 2012. Das war die Zeit, in der sich Bundeskanzler Werner Faymann nach dem Sommergespräch mit Wolf nicht mehr in die ZIB2 traute und dieser plötzlich in jedem Interview sagte: "Mein Job ist es, Fragen zu stellen."

Jetzt will ich nicht sagen, dass Armin Wolf kein guter Journalist bin, immerhin war ich beim Hype auch dabei. Für mich als Schüler war 2012 klar: Ich geh nach Wien, werde Journalist und kann dann auch kritische Fragen stellen. Aber was Armin Wolf etwas falsch einschätzt: Er bewertet Twitter massiv über. Und hat diese Überschätzung unter Journalisten massentauglich gemacht.

Mikrokosmos Twitter

Heute sind auf Twitter hauptsächlich Menschen, die irgendwas mit dem polit-medialen Komplex zu tun haben. Hauptsächlich Politiker (und andere Parteisoldaten) und Journalisten, aber auch einige Wissenschaftler und sonstige Medienmenschen.

Das ist schon der wesentlichste Unterschied, den manche Journalisten nicht verstehen. Das zeigt sich auch, wenn in Politiker-Interviews plötzlich über Twitter gesprochen wird. Der Journalist spricht dann von "Reaktionen auf Twitter" und der Politiker antwortet, immerhin haben beide mitbekommen, was auf Twitter passiert. Aber das Publikum oft nicht. Die normalen Leute sind nämlich auf Facebook, Instagram, Snapchat - und haben manchmal keine Ahnung, worum es gerade geht.

Im Übrigen zeigt sich das in Österreich auch daran, wer die meisten Follower hat. Während Twitter international ein "Stars und Sternchen"-Medium ist - Katy Perry hat mehr Follower als Donald Trump -, sind es in Österreicher vor allem Journalisten und Medien. Wenn man seinen Arbeitgeber in der Twitter-Beschreibung nennt, sind einem mehr Follows garantiert. Sage ich als jemand, der mal davon profitiert hat.  

Ist das relevant?

Vor einiger Zeit hatte ich dazu eine Diskussion mit einer Kommunikationstrainerin. Sie meinte, Twitter sei extrem relevant, weil dort die Journalisten sind. Ich meine, das ist falsch - denn alles, was in dieser Blase passiert, bleibt in dieser Blase. (Auch die Zahlen bestätigen das: 4 % der Österreicher nutzen Twitter für Nachrichtenkonsum. Bei Facebook sind es immerhin 31 %.) Selbst wenn man einen Journalisten über Twitter von einem Anliegen überzeugt, es schlägt sich nicht in den Interviews nieder. Zumindest in den allermeisten Fällen.

Darum glaube ich, dass das Medium in Österreich massiv überschätzt ist. Aber das wissen eben noch nicht alle Journalisten. Als jemand, der selbst in Redaktionen gearbeitet hat, hab ich das aus erster Hand mitverfolgt. Wenn ein Fehler gemacht wurde, gab es auf Twitter einen Shitstorm und eine Diskussion in der Journalisten-Blase. Auf Facebook gab es ein Erratum ohne Widerspruch. Weil leichte Fehler einfach Dinge sind, die nur die Blase interessieren. Der reale Impact war nichts, außer dass Journalisten, die sowieso schon nach Dreck gesucht haben, sich kurz an einem abgeputzt haben, ohne dass es jemand mitkriegt. Und trotzdem war es in der Redaktion ein schlechter Tag. Miese Stimmung.

The Gap is widening

Trotzdem sehe ich natürlich ein, dass ein Medium, über das der polit-mediale Komplex Selbstgespräche führt, nicht komplett irrelevant ist. Aber ich glaube, die Mitgliedschaft im Club der Twitter-Alphas schlägt sich mit den Jobs der Mitglieder.

Wer als Journalist für Twitter-Menschen schreibt, schreibt Dinge, die kaum einer versteht. Journalismus für Eingeweihte, der sich auf Andeutungen und bereits Gesagtes beschränkt. Wer als Medienmensch PR für Twitter-Menschen macht, verzichtet auf Massentauglichkeit. Wer als Politiker Politik für Twitter-Menschen macht, fliegt aus dem Nationalrat.

Während die Blase hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt ist, übernehmen die Menschen mit echter Digitalkompetenz das Land. Die "Krone" ist ohne Twitter-Themen und das beliebteste Medium, die auf Twitter gescholtenen Parteien ÖVP und FPÖ gewinnen Wahlen. Gleichzeitig erreichen die Lieblingsmedien von Twitter die Wien-Neubau-Nischen, aber nicht mehr die breiten Massen - auch, wenn sie gerne so tun.

Ich glaube aber nicht, dass sich diese Erkenntnis irgendwann wirklich durchsetzt. Die österreichische Twitter-Community spricht zwar selbst abfällig über Twitter - aber nur, weil der Ton rauer wird, nicht weil sie die eigene Irrelevanz einsieht. Der Journalismus von der Blase für die Blase wird uns also wohl noch eine Zeit lang verfolgen.