Veröffentlicht am 29.07.2019 836 Aufrufe Share

Die Troll-Armee der FPÖ

Nachdem ich im letzten Blog bereits angekündigt habe, mehr über Spins zu schreiben, geht es heute um das Krisenmanagement der FPÖ. Oder besser: Warum sie Krisen nicht mehr selbst managen muss. Davor kann ich allerdings das Beispiel Sebastian Kurz empfehlen - wie er Krisen mit Dreistigkeit und Wiederholung killt, ist ein Musterbeispiel.

Ein anderes Beispiel liefert Heinz-Christian Strache und mit ihm die gesamte FPÖ nach Ibizagate. Ich habe bereits an anderer Stelle beschrieben, worum es da ging, aber es sollte eigentlich eh jeder in der Republik mitgekriegt haben.

Am Tag 1 nach Ibiza - als wir alle auf Kurz? Statement warteten - twitterte KURIER-Journalist Philipp Wilhelmer etwas, womit ich mich sehr identifizieren konnte:


Genau das wars. 

Die letzten Jahre hat eine gewisse "Normalisierung" der FPÖ stattgefunden. Ich kann mich an Zeiten erinnern - Wien-Wahl 2010, Nationalratswahl 2013 -, in denen man die Freiheitlichen immer als das sah, was sie sind: Eine fremdenfeindliche Partei, die sehr problematische Typen an der Spitze hat.

Das hat sich geändert. Mittlerweile ist die FPÖ "salonfähig". Mittlerweile spricht man davon, "die Sorgen der Menschen ernstzunehmen", die rote Linie wurde bei Ausländerthemen wieder und wieder verschoben.

Meine Theorie, wieso das passiert ist: Weil die FPÖ Social Media einfach viel früher verstanden hat als alle anderen. Und ja, das wirkt wie ein typischer Satz eines Social Media-Beraters, aber let me explain.

Schon in den frühen 10er-Jahren hat die FPÖ mit Seiten wie "Unzensuriert", "Wochenblick", "Info Direkt" und "Alles Roger?" immer mehr rechte Medien aufgebaut oder gezielt gepusht. Diese Medien haben drei Dinge gemeinsam: Erstens pushen sie eine hart rechte Agenda, in der sich Anti-Ausländer-Nachrichten mit Verschwörungstheorien und Fake News mischen. Zweitens gibt es Verbindungen zwischen diesen Medien und der Partei. Und drittens schreiben sie alle ihre Artikel auf eine Weise, die sich perfekt als Shareable für Social Media eignet.

Die anderen Parteien haben das lange verabsäumt. Die ÖVP hat bis heute kein digitales Equivalent zur Parteizeitung gefunden, die Liste Jetzt bietet mit "ZackZack" viel zu spät ein Online-Portal, das sich maximal noch als Sommerjob für Publizistik-Studenten eignet, und die NEOS setzen auf ein eigenes Print-Produkt. (Neues Österreich. Print-Produkt. Lasst das kurz sickern.) Allein die SPÖ hat es mit Kontrast.at verstanden, ein professionelles Online-Parteimedium aufzubauen, das auch ohne Fake News auskommt. (Zumindest wären mir noch keine aufgefallen.)

Gesteuerte Stimmung

Die Kommunikationsstrategie der FPÖ 2019 zehrt im Wesentlichen von diesen früheren Bemühungen. Sie haben jahrelang ihre Zielgruppe mit dem für sie relevanten Content bespielt - und jetzt ist die Community da, wenn es darauf ankommt. Und zwar nicht nur auf den eigenen Seiten. Sondern auch im echten Leben.

Daran merkt man diese Verschiebung. Früher war es etwas anrüchig, FPÖ-Wähler zu sein. Man musste schon sehr gute Argumente haben und sich vom "Ausländer raus"-Ton deutlich distanzieren. Heute ist das ganz anders. Heute füttert die FPÖ auf Social Media und Parteimedien ihre Anhänger mit Argumentationslinien, die von diesen dann auf dem digitalen und analogen Stammtisch verbreitet werden.

Damals fragte man "Und du bist wirklich für die FPÖ, obwohl sie etwas gegen Ausländer hat?" - und der andere war betroffen. Heute weiß dank der Facebook-Seite von Heinz-Christian Strache jeder, was er zu sagen hat: "Ich habe nichts gegen Ausländer - nur gegen die, die unsere Kultur ablehnen!". Und so geht das mit allen Fragen.

Herbert Kickl? "Bester Innenminister aller Zeiten! Was hat Sebastian Kurz ihm denn konkret vorzuwerfen?"

Mittelmeer? "Wir dürfen nicht das Geschäft der Schlepper erledigen! Außerdem sind das alles Wirtschaftsflüchtlinge!"

Ibiza? "Heinz-Christian Strache hat die Konsequenzen gezogen, außerdem ist nichts von dem, was er angekündigt hat, passiert!"

Gespenstisch, aber wer sich die Facebook-Kommentarsektionen durchliest, merkt, dass sich dabei viele Menschen an ein Wording halten, das so nie von ihnen gekommen wäre. Aber man muss nicht intelligent sein, um intelligente Ausdrücke zu verwenden - die holen sie sich von Herbert Kickl und Co. ab.

Und offiziell? Opferrolle.

Die Partei muss also gar nicht mehr selbst ausrücken, um eine Krise zu steuern. Sie hat ihre Trolle, die das erledigen. Es muss lediglich einmal jemand das offizielle Wording bekanntgeben - oft bei einem Medienauftritt, der sich oft wegen genau dieser kontroversiellen Wordings schnell auf Social Media verbreitet. Diese Passage wird dann von der FPÖ auf ihren Kanälen geteilt. So lange, bis der letzte Depp verstanden hat, was er jetzt auf berechtigte Einwände zu sagen hat.

Und dann gehen die Kommentar-Diskussionen los. Unter jedem Nachrichten-Posting zu Straches Korruptions-Affäre findet sich die FPÖ Troll-Armee, die ihrem früheren Messias zur Seite steht. Die anderen wettern mit berechtigten Argumenten dagegen, und eine große Diskussion zieht durchs Land. Diese Chance nutzen die Freiheitlichen dann, um sich als Opfer zu inszenieren: "Die Linken" würden sich echauffieren, die "Nazikeule" werde ausgepackt, und dann folgen wieder die offiziellen Wordings. Bestärkung an die eigenen Follower, weiterzumachen. Und eine Delegitimierung jeder Kritik.

Fazit und Ausblick

Genau so wird die FPÖ auch diesen Wahlkampf anlegen: Offizielle Wordings an die eigenen Trolle liefern und sich als Opfer inszenieren, wenn darauf Gegenwind kommt. Diesmal allerdings sitzt nicht Strache ganz vorne, sondern der rhetorisch wesentlich begabtere Norbert Hofer und der wesentlich intelligentere Herbert Kickl. Es bleibt zu befürchten, dass sich der Wahlkampf der FPÖ noch weiter in diese Richtung professionalisieren wird - und dass die unzähligen rechtsextremen Skandale und der offensichtlichste Korruptionsversuch der Zweiten Republik untergehen in dieser Masse von gesteuerten Kommentaren.





Bild: Herbert Kickl (Feb. 2018), © Michael Lucan, Wikimedia. Bildlizenz: CC-BY-SA 3.0