Veröffentlicht am 14.04.2019 279 Aufrufe Share

Die Social Media-Strategie der Rechten

Ihr habt sicher mitbekommen, dass gerade viel über die Identitären gesprochen wird. Wenn nein, hier ein kurzer Recap: In Neuseeland hat ein rechter Terrorist Muslime erschossen. Dieser Terrorist war auch in Österreich und spendete an den Chef der Identitären, Martin Sellner. In weiterer Folge kamen viele Informationen über die Identitären ans Tageslicht - sie sind oft bewaffnet, haben eine stark hierarchische Struktur, wollen Redaktionen besetzen und sind eng verbandelt mit der FPÖ.

Die Diskussion, die sich gerade abspielt, konzentriert sich v. a. auf die Verbindungen zwischen Identitären und FPÖ und zielt darauf ab, dass sich die Regierungsparteien von ihnen abgrenzen müssen. Die Identitären selbst werden aber nicht als relevant gesehen, weil ihr innerer Zirkel nur aus wenigen Menschen besteht, die ihr Echo hauptsächlich über Social Media bekommen. Und wie es halt so ist, wenn ältere Leute über Social Media reden, gilt: Wer auf Social Media bekannt ist, ist "in echt" nicht bekannt. (Weil das Internet ja nicht echt ist.)

Zur Relevanz der Identitären und ihrer Social Media Kanäle

Diese Sichtweise halte ich für falsch. Bei Identitären-Demonstrationen geht es zwar immer nur um dieselben Leute, aber ihr Online-Echo ist nicht irrelevant. Die Inszenierung der Identitären als "gewaltfreie Jugendbewegung" - oft mit dem Zusatz "nicht links", worauf z. B. Strache viel Wert legt - ist professionell genug, um viele Menschen zu erreichen. Wer ihre Beiträge auf Facebook oder Twitter liest, ohne bereits ihren Kontext zu kennen, wird für sie erreichbar und wird leicht zum Mitglied. Die Trennung zwischen "Social Media" und der "echten Welt" ist also verfehlt.

Daher verstehe ich auch nicht diese reine Konzentration auf die FPÖ. Seit Jahren beweist die Partei regelmäßig, dass sie nicht nur mit den Identitären verbandelt ist, sondern dass einige ihrer Mitglieder und Funktionäre auch offen nationalsozialistisch denken. Wenn kein FPÖler sich zu den Identitären bekennt, wird es sie immer noch geben.

(Mehr zur Relevanz von Netzpolitik übrigens hier.)

Ich habe nicht den Eindruck, dass ihr Online-Erfolg verstanden oder eingestanden wird. Aber so zu tun, als wären sie eh nicht relevant und würden niemanden erreichen, ist keine gute Strategie. Ich glaube, man muss sie verstehen, um nicht auf sie hereinzufallen und ihre Propaganda effektiv zu kontern. Daher im Folgenden eine kurze Beschreibung der Social Media-Strategie der Identitären, die mir aufgefallen ist.

Taktische Shares

Wenn man sich ansieht, was die Identitären auf Social Media teilen, kommt man auf drei Kategorien:

1. Eigenen Content bzw. Beiträge anderer Identitärer

2. Beiträge ihrer Gegner, die sie lächerlich finden

3.  Absolut unproblematische Inhalte, die eigentlich jeder gut finden kann.

Die erste Kategorie leuchtet ein. Wer einem Identitären folgt, wird sich eher auch für andere interessieren. Die zweite Kategorie zielt darauf ab, die Gegenseite zu diskreditieren. Dabei werden nicht unbedingt seriöse Linke gezeigt, sondern gezielt absurde Beispiele geshared. Der Eindruck, den die rechten Follower bekommen: Linke wollen "alte weiße Männer" loswerden und glauben, dass der, der die richtige Hautfarbe und das richtige Geschlecht hat, automatisch Recht hat. Diese Positionen werden von Teilen der Linken vertreten - aber andere Stimmen, die auch im Mainstream vorkommen, werden auf den Kanälen der Identitären natürlich nicht erwähnt. Die Anderen werden lächerlich gemacht. Mit ihren eigenen Inhalten.

Interessant ist aber vor allem die dritte Kategorie. Hier ein Beispiel dafür: Identitären-Chef Martin Sellner retweetet Sebastian Bohrn-Mena - einen Linken, der schon bei der SPÖ und der Liste Jetzt (damals noch Liste Pilz) war und als Venezuela-Verharmloser aufgefallen ist. Bohrn-Mena ist bekennender Linker und streitet auf OE24-TV regelmäßig mit Rechten. Wieso würde er ihn pushen?


Gezielte Problematisierung

Hier sind Sellner und Co. gscheit. Sie wissen über ihre Außenwirkung Bescheid. Zwar wehren sie sich gegen Vorwürfe, Neonazis zu sein - aber sie spielen auch bewusst mit diesem Image.

Was passiert, wenn Martin Sellner etwas retweetet? Seine rechten Follower sehen es. Aber es sehen auch die Follower, die ihn aus "educational interest" folgen oder auf dem Laufenden bleiben wollen - z. B. Journalisten. Oder ich.

Und was denken die dann, wenn Martin Sellner etwas retweetet? Furchtbar! Denn Martin Sellner ist rechts. Und Martin Sellner sagt problematische Sachen. Im einfachen Umkehrschluss heißt das: Wenn Martin Sellner etwas gut findet, muss es problematisch sein. Auch, wenn es eigentlich ein ganz normales Statement ist.

Wer also von Rechten retweetet wird, wird gezielt als "problematisch" gebrandmarkt. Die langfristige Strategie: Positionen der Mitte, auf die sich normalerweise jeder einigen kann, gelten plötzlich als "rechts" - und rechte Positionen klingen dann gar nicht mehr so schlimm. Wer öfter erlebt, dass seine normalen Positionen als rechts bezeichnet werden, weil Martin Sellner sie auch teilt, sagt leicht: "Dann bin ich halt ein Nazi!". Die Kritik, die auf einen solchen Retweet folgt, immunisiert gleichzeitig gegen Kritik an den wirklich problematischen Sachen.

Mit Stereotypen spielen

Eine ähnliche Strategie hab ich bereits in meinem Artikel "Die Shitpost-Falle" thematisiert: Am Beispiel des Neuseeland-Attentäters, wegen dem Martin Sellner jetzt Thema ist. Als dieser in die Moschee ging, um Muslime zu töten, streamte er die Tat live und sagte "Suscribe to PewDiePie". PewDiePie ist der erfolgreichste Youtuber der Welt und macht hauptsächlich Videos über Memes oder Videospiele. Seit er aber einen Kanal empfohlen hat, der in einem anderen Video rechte Inhalte teilte, wird ihm vorgeworfen, eine ganze Generation zum Nazi-Gedankengut zu bringen.

Hier springen die Rechten auf Stereotype auf, die bei Journalisten bereits sehr ausgeprägt sind. Der Terrorist von Christchurch nahm in seinem "Manifest" darauf Bezug, dass ihn PewDiePie und Videospiele radikalisiert hätten. Die Absicht: Mehr Artikel darüber, dass man Killerspiele und Meme-Youtuber verbieten muss. Und mehr ganz normale Jugendliche, die Spaß an Spielen und Memes haben und den Eindruck haben, in den Medien sitzen nur Idioten, die ihnen etwas wegnehmen wollten.

Perfekte Beute für die Identitären.

Fazit

Hier nochmal die Punkte in der Kurzfassung:

1. Die Identitären sharen strategisch Dinge, die ihre Gegner lächerlich machen.

2. Sie teilen auch gezielt unproblematische Dinge, um sie "problematisch" zu machen - und die wirklich problematischen Dinge gegen Kritik zu immunisieren.

3. Wenn viele (v. a. Journalisten) etwas falsch verstehen, greifen sie das Stereotyp aus und verstärken es, um andere von den Medien abzuwenden.

 

Was die richtige Strategie ist, um damit umzugehen? Ich bin mir auch nicht sicher. Aber ich bin mir sicher, dass man die Strategie der Identitären verstehen muss, um eine solche Strategie zu finden. Ein einfaches "das sind irrelevante Neonazis" wird nicht reichen. Vielleicht brauchen wir ähnlich groß geplante Bewegungen für die "richtigen" Dinge, also aus der liberalen oder progressiven Ecke, um ähnlich viele Menschen auf Social Media zu gewinnen. Auf jeden Fall aber sollten wir aufhören, auf die gezielte Problematisierung von Inhalten reinzufallen - damit ist niemandem geholfen.