Veröffentlicht am 17.03.2019 395 Aufrufe Share

Die Shitpost-Falle

Immer, wenn Tragödien wie in Christchurch, Neuseeland passieren, wird es schwierig. Obwohl sich alle einig sind: Die Tat ist zu verurteilen, es gibt keine Rechtfertigung dafür, Beileid für die Hinterbliebenen, usw. Und trotzdem schaffen es manche immer wieder, Terroranschläge für ihre eigene Agenda zu nutzen. Und damit meine ich keine sinnvolle Agenda - z. B., dass man über Gun Laws nachdenken könnte. Sondern eine Agenda, die nur zeigen soll, wer die Guten sind und wer die Bösen.

Im Fall von Christchurch ist die Sache zunächst mal klar: Der Terrorist selbst. Dieser hat allerdings ein "Manifesto" veröffentlicht, in dem er seine Tat erklärt. Zuvor postete er auf 8chan - einer noch brutaleren Community als 4chan -, dass er nicht mehr nur "shitposten" wolle, sondern diesmal auch wirklich handeln werde. Danach streamte er den Massenmord an seine "Fans" und musste nur noch warten, bis Interessierte das Manifesto lesen würden.

Die Botschaft richtet sich an Journalisten

Der Terrorist hat in seinem Manifesto einige Botschaften gestreut, die ernst gemeint sind - aber auch einige, die eindeutige Shitposts sind. "Shitposts" sind sarkastische Texte, die geschrieben werden, als könne man sie ernst meinen - eine satirische Überspitzung von Inhalten, die es theoretisch auch wirklich geben könnte. Ich hab mich in diesem Text hier schon mal damit auseinandergesetzt und ein Beispiel gezeigt, in dem die VICE auf einen absurd offensichtlichen Shitpost reingefallen ist.

Und wie damals gibt es auch heute Journalisten, die den Shitpost nicht identifizieren können. Und das soll jetzt wirklich nicht ins übliche Journalisten-Bashing gehen, das man seit meinem Branchenwechsel von mir gewohnt ist - es ist teilweise auch verständlich, dass sie darauf reinfallen. Viele Journalisten sind alt und nicht mit dem Internet aufgewachsen. Um Shitposts wie die des Terroristen in Neuseeland zu verstehen, müsste man Anspielungen auf popkulturelle Referenzen, Internet-Trends, Videospiele und Memes verstehen. Das kann man rein altersmäßig von vielen nicht einfach verlangen. Es gehört zur aktiven Recherche, sich dieses Wissen anzueignen.

Die Shitposts des Terroristen

Einen wichtigen Text dazu hat Bellingcat geschrieben. Bellingcat recherchiert v. a. online und betreibt auch "Open Source-Recherche", also für alle nachvollziehbare Recherchen über Internet-Tools, die jeder nutzen kann. Auf ihrer Seite zeigt Bellingcat Screenshots von Ankündigungen. Ein Beispiel.


Hier schreibt der Terrorist, die Videospiele "Spyro 3" und "Fortnite" hätten ihn zum Killer und Faschisten gemacht. "Spyro 3" ist der dritte Teil eines Kinderspiels, "Fortnite" wird von jungen Spielern auf der ganzen Welt gezockt. Die Absicht ist klar: Es soll mal wieder über "Killerspiele" gesprochen werden.

Debatten sollen die Gesellschaft spalten

Warum er das will? Weil er weiß, wie es ist, sowas zu lesen. Jeder, der Videospiele spielt, weiß das. Wenn alte Menschen, die noch nie Videospiele gespielt haben, plötzlich starke (und falsche) Meinungen zum Thema entwickeln - "Diese Spiele sollte man verbieten, weil sie Kinder zu Mördern machen" - hat das genau einen Effekt auf die Betroffenen: Sie hören nicht mehr zu.

Das ist auch der Grund, warum der Täter "suscribe to PewDiePie" sagt. Er greift eine bestehende Debatte auf, die ebenso lächerlich ist: Dass es sich beim beliebtesten Youtuber der Welt um jemanden handelt, der 14-jährige zu Nazis macht. (Mehr zu dieser Geschichte hier und hier.) Die Front "Menschen ohne Ahnung vom Internet gegen Menschen, die gerne Meme Reviews schauen" ist wieder mal eröffnet. Und wieder werden normale Leute von Medien verstoßen.

Wie also mit solchen Botschaften umgehen?

Im Wesentlichen ist es ganz einfach: Recherchieren. Seriöse Journalisten schreiben nicht ab, was ein Politiker in einer Presseaussendung sagt. Warum sollten sie also nachplappern, was ein Terrorist veröffentlicht?

Wer wissen will, was an dem "Manifesto" dran ist, sollte sich damit beschäftigen, ob Fortnite wirklich so schlimm ist und worum es bei dem Spiel geht. Der sollte PewDiePie schauen, um zu sehen, dass es um harmlose Memes geht. Andere Passagen wie jene, dass Anders Breivik der große Held des Terroristen gewesen sei, scheinen dagegen glaubhaft. Ein Journalist sollte ein Shitpost-Manifesto einordnen können, ohne das Narrativ zu übernehmen.