Veröffentlicht am 14.09.2019 2348 Aufrufe Share

Der What-About-Bullshit

Jeder sieht die Dinge auf seine Art. Architekten sehen Häuser aus ihrer professionellen Sicht, Eltern sehen Kinder aus ihrer erfahrenen Sicht und ich, ich sehe eben alles als politische Diskussion. Politik begleitet mich überall, und hauptsächlich gehts dabei darum, welche Argumente sich im allgemeinen Diskurs durchsetzen.

Und da ich eben alles durch diese Brille sehe, schau ich mir natürlich auch an, wie die Argumente aufgebaut sind, die sich durchsetzen. Davon kann ich als einerseits Social Media-Berater, andererseits als Troll einiges mitnehmen. In letzter Zeit machen mich die dominanten Argumente im Wahlkampf allerdings eher kulturpessimistisch. Es geht kaum inhaltlich zu, es geht nur um Vergleiche. Vergleiche, nach denen niemand gefragt hat.

Whataboutism

Wikipedia sagt:  "Whataboutism (aus dem englischen What about ...? =  "was ist mit ...?" und dem Suffix -ism = "-ismus" zusammengesetzt) ist eine oft als unsachlich kritisierte Gesprächstechnik, die unter diesem Namen ursprünglich der Sowjetunion bei ihrem Umgang mit Kritik aus der westlichen Welt als Propagandatechnik vorgehalten wurde. Es bezeichnet heute allgemein die Ablenkung von unliebsamer Kritik durch Hinweise auf ähnliche oder andere wirkliche oder vermeintliche Missstände auf der Seite des Kritikers.

Diese Gesprächstaktik kommt mir persönlich vor allem dann unter, wenn ich die ÖVP kritisiere. (Klar, ich bin biased, Überraschung.) Sucht euch einfach einen der folgenden Kritikpunkte aus:

·        Die ÖVP spricht von Transparenz, obwohl sie konsequent dagegen stimmt, dem Rechnungshof die nötigen Kompetenzen zu geben.

·       Sebastian Kurz behauptet, die Parteienförderung senken zu wollen, obwohl er sie dieses Jahr erst erhöht hat.

·       August Wöginger sagt: "Wer in unserem Hause schlaft und isst, hat auch die Volkspartei zu wählen"

Aber die Anderen!

Die Gesprächstaktik dagegen ist immer gleich, und man muss ihr gar nicht einen professionellen Namen geben. Sie lautet "Aber die SPÖ".

Rechnungshof? Die SPÖ macht auch nichts! Parteienförderung? Unter XY auch erhöht! Wöginger? Hast du schon mal die Social Media-Kalendersprüche von Rendi-Wagner gesehen?!

Das ist natürlich nicht nur ein ÖVP-Phänomen. Mir fallen auch von SPÖ und FPÖ ein, die dasselbe Muster verwenden. Und vermutlich gibt es das auch bei den NEOS und ich leide einfach unter selektiver Wahrnehmung (wie jeder mit einer politischen Meinung). Das Problem ist nicht, dass die ÖVP diese Taktik verwendet, sondern einfach, dass sie überhaupt verwendet wird.

Wie man kontert

Wie reagiert man auf sowas? Ich persönlich weise dann einfach darauf hin, dass es gerade nicht um die Anderen geht. In Diskussionen mit Nicht-Parteisoldaten kommt das oft als Vorwurf rüber - "Du bist ÖVPler, also verkauf mir gefälligst die ÖVP!" -, aber eigentlich ist es nur eine Aufforderung, sachlicher zu argumentieren. Es gibt natürlich gute Argumente, warum das Wöginger-Zitat bei Kernzielgruppen der ÖVP nicht schlecht ankommt. Aber Rendi-Wagners Social Media-Account ist keines davon.

Noch einfacher ist es, wenn man mit echten Parteimenschen redet, die einen wirklich von der eigenen Sache überzeugen wollen. Da ist der Konter zu einem Whataboutism noch einfacher. In dem Fall wäre es: "Die SPÖ finde ich auch schlimm, aber darum gehts nicht. Dass die SPÖ auch schlecht ist, ändert ja nichts an meiner Kritik." Haben sie auch was Sachliches zu sagen? Dann sollen sies beweisen!

Verlangt mehr von Politikern

De facto zeigt die Verwendung von Whataboutismen aber schon einen argumentativen Notstand aus. Wer mir nachweisen könnte, dass die ÖVP in Wirklichkeit für Transparenz ist, müsste nicht mit der SPÖ ablenken. Es gibt natürlich Ausnahmen - oft ist ein Whataboutism eine sehr einfache Strategie, um eine Diskussion zu gewinnen, umzulenken oder zu beenden -, aber es ist ein Hinweis, dass da etwas faul sein könnte.

Und für politische Diskussionen im Internet oder persönlich mag das ja reichen - aber im Wahlkampf muss einem einfach mehr einfallen. "Aber die anderen" ist ein Appell, alle Kritikpunkte fallenzulassen und die betroffene Partei doch als kleineres Übel taktisch zu wählen. Aber ich will nicht taktieren. Ich will jemanden wählen, den ich inhaltlich vertreten kann. Und bis jetzt konnte mir noch kein ÖVPler erklären, warum ich sie wirklich wählen sollte.