Veröffentlicht am 11.04.2016 1525 Aufrufe Share

Der künstliche Hype um Anonymous

Nicht nur, dass viele österreichische Medien immer noch eine 90er-Jahre-Website haben oder Live-Berichterstattung einfach nicht umsetzen wollen - spätestens, wenn es um netzpolitische Themen geht, geben viele von ihnen entweder auf oder blamieren sich. Das Web-Ressort des Standards und die quasi-ausgelagerte "Futurezone" des Kurier sind lobenswerte Vorreiter in einem Land, in dem man sich mit den vielleicht wichtigsten Themen der Zukunft noch nicht beschäftigen will.

Und in diesem Österreich, das sich mal wieder als "Medien-Albanien" (no offense, Albaner) zeigt, finde ich mancherlei Berichterstattung einfach nur peinlich. Nämlich dann, wenn es um das leidige Thema Anonymous geht.

Sensationsjournalismus per excellence

"Anonymous-Hacker schwören Rache für Paris" (click). "Anonymous-Kollektiv erklärt dem Daesh den Krieg" (click). "Anonymous droht IS mit Hackerangriff" (click).

Was diese Berichte gemeinsam haben? Sie sind alle absolut unkritisch. Im letzten Beispiel zeigt die Presse - eigentlich eine Qualitätszeitung - sogar unkommentiert das Video von Anonymous. Man stelle sich nur vor, das würde sie bei einem IS-Video machen.

Na gut - in einem anderen Bericht bezieht sich die Presse immerhin auf Foreign Policy, welches wiederum den Hacktivisten John Chase als "Mastermind des Cyberkriegs" bezeichnen soll. Diese Bezeichnung stammt allerdings nicht von FP. Ist aber auch völlig wurscht.

Denn die Headline ist gesichert. ANONYMOUS VS. IS. HACKER vs. TERRORISTEN. Das Gesichtslose gegen das Fremde.

Wir haben also ein Duell. Und Duelle sind gute Schlagzeilen.

Täglich grüßt die Hackerarmee

Die meisten Journalisten werden schon einmal von Anonymous gehört haben. Und meine Leser sowieso. Ich war zu Schulzeiten auch recht begeistert von diesem losen Kollektiv, das mit mir unbegreiflichen Mitteln einen unsichtbaren Krieg gegen alle führte. Zum Beispiel gegen Scientology - das war quasi die Geburtsstunde von Anonymous. Und gleichzeitig deren einziger Sieg.

Seitdem ist eigentlich nicht viel passiert, aber der Hype flammte trotzdem immer wieder auf. Als die Occupy Wall Street-Bewegung Anleihen bei Guy Fawkes machte, tauchten auch die maskierten Internet-Avatare wieder auf, um Kampfansagen gegen das Establishment, das Finanzkapital usw. rauszuhauen. Gerade Jugendliche zeigten sich begeistert - wie naiv wir damals doch waren ...

Aber so richtig passiert ist seitdem eigentlich nichts mehr außer YouTube-Videos. Und zwar immer dieselben. Epische Musik, die nach der zwanzigsten Verwendung nicht mehr ganz so episch klingt. Eine Grafik, die etwas Ähnliches wie eine News-Sendung einläutet. Und danach ein Mensch in einer Guy Fawkes-Maske, der ... da ist. Man sieht ihn ja nicht mal sprechen. Meist spricht eine computergenerierte Stimme undeutlich aus, was heute wieder an der Tagesordnung steht. Oft verwendete Begriffe sind "Revolution", "Kampf" und "unsere größte Operation aller Zeiten". Bla. Bla. Bla.

Ein Beispiel: Wusstet ihr, dass Anonymous sich schon 2014 mit dem IS angelegt hat? Vielleicht kommt euch das Video ja bekannt vor:

 

Aber da die ganzen anderen Aktionen hat eben keiner mitgekriegt. Zum Beispiel "Operation Facebook", als Anonymous einfach mal Facebook löschen wollte. Oder als irgendjemand von denen einfach mal Nordkorea den Krieg erklärte. Weil bis auf ein paar DDoS-Attacken nicht viel passiert ist. Demnach klingt die Musik sicher episch für die Kollegen von "Heute", wenn sie über das recycelte Anonymous-Video schreiben:

"Wir werden nicht aufgeben, wir werden nicht vergessen. Erwartet uns", warnte ein unbekannter Mann mit Guy-Fawkes-Maske die Jihadisten.

Bis auf den Teil mit den Dschihadisten ist das eine Beschreibung von so ziemlich jedem Anonymous-Video seit 2008. "We are legion. We do not forgive. We do not forget. Expect us." ist nämlich zum Markenzeichen von Anonymous geworden - gemeinsam mit der Guy Fawkes-Maske ist das quasi das Corporate Design der angeblichen Hacker-Bewegung. Aber wenn man sich das erste Mal seit 2008 mit Anonymous auseinandersetzt, hat ein Video, das 16-jährige Kids in ihrer Langeweile mit der Windows-Sprachausgabe machen können, auf einmal wieder großen Nachrichtenwert.

Krieg der Fragezeichen

Und das Schlimme ist: Ich versteh das sogar. Die Story ist nämlich eigentlich wirklich gut!

Da haben wir auf der einen Seite ein loses Kollektiv. Eine Idee, der man sich anschließen kann und unter deren Namen man große Aufmerksamkeit bekommt. Mit den anderen eint einen die eigene Grundeinstellung. Dabei nutzt man die gesammelten Ressourcen aller Mitglieder des Kollektivs. Und man muss sich dabei nicht mal physisch mit ihnen treffen - zur Not kann man sogar auf eigene Faust handeln und es unter dem Namen aller tun.

Und auf der anderen Seite ... haben wir genau dasselbe.

Den IS und Anonymous verbindet das, was sie so interessant macht: Sie sind mysteriös. Man weiß nicht genau, wer IS nicht und wer nicht, was Anonymous macht und was nicht.

Exkurs: AnonAustria

Ein gutes Beispiel dafür sind die Typen von Anonymous Austria. Als sie 2013 das Innenministerium gehackt haben, kamen sie in die Schlagzeilen. Da legt sich ein riesiges Hackerkollektiv mit der Regierung an, immerhin. Allerdings spricht viel dafür, dass das ganz wenige Leute aus purer Langeweile gemacht haben - wenn nicht sogar ein Einzeltäter.

Damals war Anonymous Austria vor allem ein Social Media-Account - auf Facebook schnell gesperrt, auf Twitter sehr aktiv. Es war nicht zu schwer, sich ihnen "anzuschließen" - zuerst musste man nur theoretische Grundlagen einer sicheren Verbindung checken, die auf ihrer Website frei verfügbar waren. Danach musste man nur im IRC den richtigen Chatroom finden.

Vielen war das mit der sicheren Verbindung sogar scheißegal und sie wollten sich einfach nur wie Hacker fühlen. Das weiß ich, weil ich eine Zeit lang dabei war. Ich überschätzte den Informatik-Unterricht meiner Schule gnadenlos und dachte, wenn ich eine Stunde mit denen chatte könnte ich auch schnell mal Ministerien hacken. Heute lern ich aus Interesse und Eigennutzen Programmieren - aber damals hab ich natürlich keinen Finger gerührt, um sowas ernsthaft zu lernen. Genau wie vermutlich 90 % der anderen im IRC. Im AnonAustria-Chat gab's fünf Stammgäste, von denen damals nur einer überhaupt angab, Hacker zu sein.

Aber damals war das eben anders. Das waren die Anonymous. Und wo Anonymous draufstand, hatte Anonymous drin zu sein - also tausende von Hackern und Computergenies, die grünen Code auf schwarzen Hintergrund schreiben und sich von Pizza ernähren! N a c h r i c h t e n w e r t !

Das lose Kollektiv

Genau dasselbe trifft grundsätzlich auf den IS zu. Es spricht zwar vieles dafür, dass die koordinierten Aktionen in Paris von Profis geplant wurden - dennoch ist der IS vor allem auf "einsame Wölfe" angewiesen. Klar brauchen sie auch Kämpfer im mutmaßlichen Kalifat, aber die Anschläge kann prinzipiell jeder verüben. Vor allem Muslime, die sich von der Gesellschaft verstoßen fühlen und einen Hass gegen den Westen haben. Ungerechtigkeiten im Sozialsystem, Fehler im Bildungssystem und nicht zuletzt die westliche Außenpolitik geben allen Grund zur Annahme, dass es da einige gibt, die schon die nächste Bombe planen.

Und genau dasselbe trifft eben auf Anonymous zu. Jeder 14-jährige Nerd kann sich mit seinen X-Box-Freunden zusammentun, um schnell für die nächsten Tage mal Anonymous zu sein. Ich glaube sogar, dass viele dieser "Operationen" von Leuten gestartet werden, die keinen Plan von IT haben, aber hoffen, dass sich das echte Anonymous dem annimmt. Umgekehrt kann natürlich jeder echte Hacker etwas unter dem Namen Anonymous tun, um große Reichweite zu erlangen.

Freundschaftliche Beziehungen zwischen Anonymous und dem IS?

Oder um seine politische Agenda zu promoten. Was übrigens auch Islamisten tun. Es gab mal eine recht berühmte Social Media-Filiale von ihnen namens @LizardSec, die ich hier gerne zeigen würde, aber die schon gesperrt ist. Die gaben an, für einige große Hacks, wie z. B. Playstation Network, X-Box-Live oder Malaysian Airlines bekannt zu sein. Und posteten nebenbei antisemitischen Bullshit. Ein recht bekannter Vertreter von ihnen soll angeblich in Syrien kämpfen. Und auch islamistische Netzwerke wie die "Caliphate Cyber Army" greifen in den letzten Jahren vermehrt auf Anonymous-Methoden zurück und machen Anleihen bei ihrem Stil.

Da es sich meist um relativ professionelle Hacker handelt und man denen unter ihnen, die sich öffentlich machen, nie vollends trauen kann, will ich den Connections hier nicht mehr Spielraum bieten - das würde den Rahmen sprengen. Aber das steht zum Beispiel in keiner Zeitung - dass die Islamisten selbst den Namen "Anonymous" schon oft benutzt haben. Oder dass auch der IS eine Cyber-Elite haben dürfte. Man liest nur: Hacker vs. Terroristen. Und zeichnet dabei ein in jeder Hinsicht falsches Bild von Anonymous.

Das ist kein Krieg

Ich versteh schon, dass es für Politik-Journalisten wichtigere Themen gibt - es geht mir ja genauso. Ich verlange nicht, dass jeder in dieser Szene bewandert sein muss. Aber der österreichische Netzpolitik-Journalismus scheitert teilweise auch an einfachen Dingen. Zum Beispiel an der Frage, was das überhaupt für ein Krieg sein soll.

Denn Fakt ist, dass das die Satire eines Krieges ist. Die Pussy-Version quasi. Der "Krieg" von Anonymous wird hauptsächlich durch die Gruppe GhostSec ausgetragen - diese meldet Twitter-Accounts von Mitgliedern des Islamischen Staates. Sie nehmen dabei Hinweise entgegen und haben angeblich einen Algorithmus entwickelt, der auf verschiedene Schlüsselworte reagiert und diese Accounts automatisch meldet. Dabei kam es auch schon zu Missverständnissen - Twitter meint sogar selbst, dass sie es ohne Anonymous besser machen würden. Nach Eigenangabe hat GhostSec über 15.000 Accounts gemeldet.

Das war's. Das ist der Krieg. Menschen sitzen vor dem PC und melden Dinge bei Twitter. Das macht auch Hanna Herbst von der VICE. Oder Corinna Milborn von Puls 4. Die regen sich wenigstens zurecht auf, dass man Nazis nicht sperrt, aber Nippelfotos schon. Oder die "O5" - diese Seite, die alle Hasspostings gemeldet hat (wobei ein Hassposting war, dass man ihre Rechtschreibfehler ausgebessert hat #Eigenerfahrung). Oder ich. Das ist kein Krieg. Das ist die Schlagzeile nicht wert.

Fazit: Don't believe the hype

Zusammengefasst ist Anonymous ein loses Kollektiv mit genau null Relevanz. Es gibt zwar vereinzelt wirkliche Fortschritte darin, die Internetpropaganda der Dschihadisten (auch im Darknet) zu unterbinden - aber man sollte das nicht zu einem Krieg aufblasen, wenn es auf beiden Seiten kein Gesicht gibt.

Dieser künstlich aufgeblasene Hype um Anonymous zeigt deutlich eine große Schwäche des österreichischen Journalismus auf. Außerhalb der eigenen Blase und der eigenen Wertungen zu den altbekannten Themen gibt es nicht viel Engagement. Ich habe zwar bereits Positivbeispiele genannt und merke, dass auch die Journalisten von zwei Generationen vor mir laaa~ngsam begreifen, dass das Internet wichtig wird. Aber die Berichterstattung zur Netzpolitik ist mit wenigen Ausnahmen mangelhaft und in jedem Fall verbesserungswürdig. Es ist einfach nur schade drum.