Veröffentlicht am 21.12.2018 288 Aufrufe Share

Wie Journalisten über Social Media denken

Jetzt, wo ich nicht mehr im Journalismus bin, hab ich eine wertvolle Freiheit zurückgewonnen - ich kann endlich wieder über Leute ranten, von denen es jetzt egal ist, was sie von mir halten. Früher war meine Karriere davon abhängig, dass mich Leute kennen und in zumindest nicht negativer Erinnerung halten. Wenn aber jetzt jemand meinen Blog liest und einer Aussage nicht zustimmt? Vollkommen egal. Ich genieße es sehr.

Und wo wir schon dabei sind: Es gibt einige Narrative im Journalismus, die mich aufregen. Unter anderem das, was Social Media ist. Die Existenz der sozialen Medien allein wird von vielen als unfair gesehen, und als junger Mensch kann man sich dem Eindruck nicht verwehren, dass sehr viele Menschen, die in der Medienbranche arbeiten, keine Ahnung von den "neuen" Medien haben - und es oft auch gar nicht versuchen wollen.

(Das ist so eine Aussage, für die mich irgendwer mal nicht eingestellt hätte.)

Das "Social Media ruined everything" Narrativ: Ein Beispiel

Aktuelles Beispiel: Helmut Brandstätter. Zur Causa Relotius* schreibt er: "Der Spiegel gibt Fehler zu, Facebook benutzt uns". Ein geschickter Themenwechsel, der sich auch im Artikel durchzieht.

* tl;dr: Ein Star-Journalist des SPIEGEL, der für seine toll geschriebenen Reportagen mehrmals ausgezeichnet wurde, ist aufgeflogen - er hat jahrelang Geschichten erfunden und abgedruckt. Die Zeitung hat den Vorfall selbst öffentlich gemacht und ein lesenswertes Stück Selbstkritik betrieben, siehe hier.

Nachdem kurz Brandstätter die Geschichte kurz nacherzählt und ein paar generelle Statements dazu fallen lässt, wie man im Journalismus mit dieser Causa umzugehen habe, wechselt er mit einem ganz soften, unaufgeregten Zwischentitel das Thema: "Die Daten-Krake als Feind der Demokratie".

Daten-Krake!!!

Der Text endet mit den Worten:

Auch bei uns verwendet die Politik Facebook, um an den klassischen Medien vorbei ihre Botschaften zu verbreiten. Da geht Steuergeld an ein Unternehmen, das kaum Steuern zahlt. Unabhängig davon braucht unsere Demokratie Journalisten, die unbehelligt von der Regierung arbeiten können, und die Redaktionen dürfen um keinen Preis ihre Leser täuschen oder betrügen. Da hilft nur starke Konkurrenz, Transparenz, eine genaue Eigenkontrolle und Unterstützung für alle, die sich gegen unanständige Medien wehren.

Ein perfektes Beispiel für das Narrativ, das viele Journalisten teilen. Das kommt nicht von irgendwoher. Bevor ich darauf eingehe, was das Problem mit dieser Erzählung ist, ein kurzer Exkurs dazu, warum sie sich durchsetzen könnte.

Man hat als Journalist einige Gründe, Social Media lästig zu finden

Erstens: Sie verlangen Arbeit. Kein Medium kann sich aussuchen, ob es in den sozialen Medien vorkommt oder nicht. Man kann sich nur aussuchen, wie man vorkommen will und entsprechende Strategien entwickeln, wie man das bewerkstelligt. Der ORF mag das vielleicht anders sehen - dort denken einige immer noch, die Marktmacht eines österreichischen Senders (TV-Senders! Lineares Fernsehen!!) könne alle Internet-Giganten in die Knie zwingen -, aber trotzdem sitzen in allen Redaktionen "Social Media Manager", diese jungen Leute, von denen die Alteingesessenen nicht genau verstehen, was sie tun und warum man denen jetzt ein normales Gehalt zahlen sollte.

Zweitens: Sie lassen einen nicht in Ruhe. Gerade die Journalisten, die am meisten über Social Media schimpfen, sind den ganzen Tag auf Twitter - gerade dem sozialen Medium, das in Österreich abgesehen von Journalisten, Politikern und anderen Medienmenschen niemanden interessiert. Dort lästern sie dann über Facebook (wo ihr normales Publikum wäre) und machen sich gegenseitig fertig, um sich dann über die allgemeine schlechte Stimmung und Häme im Internet zu beklagen. Und trotzdem hören sie nicht auf. Weil sie wissen, dass sie vorkommen müssen. Weil sie vorkommen wollen. In Zeiten sinkender Auflagen kann sich keiner erlauben, einfach auf den Kollaps zu warten. Da muss man Upselling betreiben.

Drittens: Social Media ist wesentlich attraktiver als das eigene Medium. Das stimmt leider, liebe Journalisten. Jede Information, die nicht wirklich tiefgehende Kenntnisse der österreichischen Innenpolitik benötigt, findet man auf Facebook in jedem Fall öfter, in vielen Fällen besser, und in den allermeisten Fällen auch leichter als auf der Website eines Mediums. Die Menschen bekommen ihre Nachrichten von Facebook, weil dort alles ist, was sie interessiert. Damit kann kein Medium realistisch mithalten. Und aus einer Wettbewerbssicht ist das natürlich bitter - denn es zahlen immer weniger Leute für die klassischen Medien.

Wenn wir davon ausgehen können, dass diese Gründe von zumindest vielen Journalisten so gesehen werden - und meiner Erfahrung nach ist das so -, versteht man auch leichter, wieso sie über Facebook und Co. so berichten, wie sie berichten.

Was ist also dieses Narrativ, von dem ich rede?

Wenn ich "die Meinung" der österreichischen Journalisten - und natürlich sind nicht alle gemeint, ich spreche mehr von einem Trend, der viele betrifft, aber bei weitem nicht alle** -, dann würde ich das ungefähr so zusammenfassen.

1. Die sozialen Medien sorgen allgemein für schlechte Stimmung und Verwirrung bei ihren Nutzern.

2. In der "neuen Welt" - hier kann man wahlweise Buzzwords wie "Globalisierung", "Digitalisierung", "Entgrenzung" usw. einbauen - kommt der Konsument (und auch der Journalist, aber um den geht's nicht, denn er ist ja der Gute) nicht mehr mit und kann unmöglich alles überblicken.

3. Deshalb wendet er sich einfachen Dingen zu und wird anfällig für Fake News, Parteipropaganda, lustige Katzenbilder ... alles, was nicht Journalismus ist.

4. Wenn aber wieder alles wie früher wäre - also vor Social Media, vielleicht auch vor dem Internet -, dann würden sie nach wie vor Journalismus konsumieren. Und zwar in einem Medium, dem sie vertrauen und für das sie bezahlen.

5. Die Medien selbst sind nicht schuld daran, dass ihnen die Konsumenten weglaufen. Sie sind gerade durch die sozialen Medien dazu gezwungen, nicht mehr mitzukommen. Man kann eben nicht mit allen Medien weltweit konkurrieren, man hat geringe Mittel, und deshalb muss man sich als österreichischer Konsument mit dem Angebot anfreunden, damit es besser werden kann.

6. Zusammengefasst: Journalisten sind arm, weil die Nutzer objektiv falsche Entscheidungen treffen. Es wäre besser, sie würden sich von diesen schrecklichen sozialen Medien abmelden, um sich wieder von uns die Welt erklären zu lassen.

Ich muss nicht betonen, dass das ein bisschen naiv ist, oder?

** Es gibt übrigens auch einige löbliche Ausnahmen. Corinna Milborn z. B. argumentiert stark gegen Amazon, Facebook etc., verläuft sich dabei aber nicht in so unsinniger Kritik, wie hier geschildert. Ich bin zwar nicht ihrer Meinung, aber vielleicht könnte man das ja falsch verstehen, dass dieser Text gegen sie gerichtet ist. (Bei Puls 4 war ich übrigens schon, also ich rette mir hier keine Job Opportunities.)

Die andere Seite der Medaille

Diese Sicht ignoriert ungefähr alle positiven Seiten des Internets. Es war nie leichter, an Infos zu kommen - vor allem wenn man Medienkompetenz besitzt und weiß, wo man wie suchen muss. Vor allem die älteren Generationen, die nicht mit dem Internet aufgewachsen sind, sondern es "nachlernen" mussten, leiden darunter. Aber auch für sie gilt: Es ist möglich, extrem schnell extrem viele extrem detaillierte oder unterhaltsame Informationen zu finden.

Das ist ein unglaubliches Upgrade zu klassischen Medien. Ich muss nicht mehr warten, bis die nächste ZIB läuft oder die nächste Zeitung rauskommt, um informiert zu sein. Ich kann jederzeit sehen, was ich will. Und auf Facebook, Twitter etc. kann ich sogar aktiv daran arbeiten, das zu sehen, was ich sehen will! Bei allem Geschimpfe über "Filter Bubbles" - eigentlich ist es doch auch praktisch, dass man weniger Arbeit investieren muss, um zu bekommen, was man will.

Für die Konsumenten sorgen die sozialen Medien für ein permanentes Überangebot an Information. Und sie lernen auch mehr und mehr, wie man das nutzt. Das öffnet Raum für Manipulation - siehe Cambridge Analytica, siehe "targeted ads" (die übrigens überhaupt nicht verwerflich sind, das gab es schon im Zeitalter der Briefe) und der neuesten Enthüllung über die Weitergabe privater Facebook-Chats an Dritte -, aber eröffnet auch enorme Möglichkeiten. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Menschen immer selbst entscheiden, wie viel Informationen sie der Plattform zur Verfügung stellen.

Fazit: Das Internet hat gewonnen, deal with it

Diese Sicht findet aber wenig Gehör im österreichischen Journalismus. Ab und zu liest man diverse Phrasen (siehe oben, Globalisierung bla bla), aber ein echtes Verständnis für das Internet fehlt im Journalismus zumindest oft. (Vor allem dort, wo Menschen in Chefetagen sitzen, die im goldenen Print-Zeitalter angefangen haben. Wieder so eine Aussage, die früher problematisch wäre, hehe)

Warum das problematisch ist? Weil jetzt noch Zeit wäre, digitale Kompetenz nachzuholen. Einige Medien haben schon einen guten Umgang mit dem Internet gefunden und stellen auch Inhalte her, mit denen sie auf Social Media Leser für ihre Inhalte begeistern können. Und es gibt auch viele gute Newsletter in der österreichischen Medienlandschaft. Aber ein mutiges Gesamtkonzept mit Weitblick ist eher selten. Dabei wäre es jetzt noch möglich, damit auch dafür zu sorgen, dass die heute jungen Menschen auch noch Zeitungen lesen werden. Wenn man mit dem Internet arbeiten wollte.

Versteht mich nicht falsch: Facebook hat viele Skandale hinter sich, die ich gar nicht schönreden will. Aber ich glaube immer noch, dass das Internet an sich und Social Media im speziellen einfach ein enormer Gewinn für die Gesellschaft sind - und die, die damit am wenigsten anfangen können, verteidigen eben ihre immer kleiner werdende Plattform.

Dass das Internet längst gegen die klassischen Medien gewonnen hat und dass die fetten Zeiten der 20 Meter großen Zeitung, für die man Origami können muss, vorbei sind, hat außerhalb der Blase schon jeder verstanden. Es ist nur schade, dass es für viele Journalismushäuser vielleicht zu spät sein wird, wenn sie es auch merken.