Veröffentlicht am 16.08.2017 3199 Aufrufe Share

Wie es ist, Powi an der Uni Wien zu studieren

Einen Bachelor zu bekommen, das ist irgendwie unspektakulär. Obwohl ich wesentlich mehr dafür gearbeitet habe als für die Matura, fühlt es sich nicht ansatzweise vergleichbar an. Vielleicht, weil ich mit den Kollegen nicht so arg zusammengeschweißt wurde, vielleicht, weil es einfach nicht so schwer war wie damals Mathematik. Vielleicht, weil das alles weniger feierlich, sondern eher bürokratisch aufgezogen wird. Vielleicht liegt's aber auch an den zahlreichen Problemen, die ich mit meinem Studium verbinde.

"Mein Studium", das war die letzten drei Jahre der Bachelor in Politikwissenschaft. Zwar studiere ich auch Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, aber für das schämt man sich vor anderen Studenten ja eher. (Mit gutem Grund.) Auch einen kurzen Abstecher zur Koreanologie hab ich gewagt, aber um mich dann auf den Bachelor im Hauptfach zu konzentrieren schnell wieder abgebrochen. (Es war das mit Abstand schwerste Studium.)

Und obwohl ich die Powi quasi eher mit Stolz vor mir hertrage, gibt es einige Probleme, die ich an den zwei Instituten des Faches mitgekriegt habe. Es scheint mir wirklich angemessen, der Powi einen kleinen Beitrag zu widmen - quasi als Orientierung für alle, die dasselbe Abenteuer wagen wollen.

Mein Anfang an der Powi

Eigentlich war mein Anfangsplan etwas naiv. "Ich geh nach Wien", dachte ich, "und dann werde ich berühmter Journalist." Damals war mir das "berühmt" noch sehr wichtig. Publizistik war da quasi noch als "Karrierestudium" geplant, Politikwissenschaft eher so aus Interesse. Beide sind als eher leichtere Fächer verschrien - trotzdem hat mich zumindest die Powi gefordert, und das nicht nur in akademischer Hinsicht.

Denn was mich bis heute am meisten an der Powi nervt, ist, dass die Wissenschaft dort nicht ideologiefrei ist. Im Gegenteil: Sie ist so ideologiefrei, dass sich sicher irgendwelche Powi-Studenten über die Formulierung "ideologiefrei" aufregen. Weil ideologiefrei, das sagen nur Neoliberale und Nazis, was im 2. Stock des Neuen Institutsgebäudes das Gleiche ist.

Die ideologischen Erfahrungen an der Powi

Im Studienplanpunkt "Politik und Ökonomie" lehrte jemand, der die SPÖ in Wirtschaftsfragen berät. Er brachte uns recht anschaulich die keynesianische Wirtschaftslehre bei, die Neoklassik und alles andere wurden zwar behandelt, aber eher gestreift. Da der Lehrende, Markus Marterbauer, Keynes gut verkaufen konnte, fragte ich irgendwann: Wenn das denn alles so sei, wieso betreibt die EU dann eine ganz andere Wirtschaftspolitik? Zum Beispiel im Fall Griechenland? "Das ergibt keinen Sinn", war die Antwort des Lehrenden. Da dachte ich zum ersten Mal, dass da irgendwas nicht stimmt.

Im Studienplanpunkt "Theoriegeschichte und Theoriedebatten" besuchte ich ein Seminar mit dem spannenden Thema "Wohlfahrtsstaat". Mich interessiert, wie man diesen in Zukunft gestalten, erhalten, verbessern kann. Was im Vorlesungsverzeichnis nicht ganz betont wurde - das Seminar betrachtet so ziemlich nur die feministische Perspektive. Empirische Forschung zum Thema - zum Beispiel, wie man Wohlfahrtsstaaten einteilen kann - wurde eher gestreift. Betont wurde immer wieder, dass ein Wohlfahrtsstaat nur dann gut sei, wenn Männer und Frauen am Arbeitsmarkt gleich beteiligt seien. (Keine Aussage, der ich widersprechen will. Aber mit der Meinung hatte man das Seminar quasi abgeschlossen.)

Im Studienplanpunkt "Internationale Politik und Entwicklung" wählte ich ein gut klingendes Seminar mit dem Titel "Internationalisierung des Staates" aus. Das klang für mich nach Governance-Forschung und danach, zu diskutieren, wie die Zukunft des Modells "Nationalstaat" aussehen kann. Im Endeffekt haben wir alles behandelt, außer das. Es ging um die "Kritische Theorie" und "Internationale Politische Ökonomie", also im Wesentlichen marxistische Kritik am modernen Weltwirtschaftssystem. Meine Arbeit dazu war mehr Philosophieren darüber, wie man aus dieser Perspektive Fragen stellen könnte, als ernsthafte Forschung.

Das Weltbild an der Powi

Und mit dem allen habe ich noch nicht per se ein Problem. Es ist absolut normal, dass Menschen, die sich mit Politik beschäftigen, auch eine Meinung zu den Dingen entwickeln. Generell stört es mich nicht, von einem Linken unterrichtet zu werden. Es stört mich noch nicht mal sehr, wenn ich diese Meinung mitbekomme. Wenn sie aber die Inhalte dominiert, dann ist das eine Verfehlung des Lehrauftrages. Andere Sichten sollten zumindest diskutiert werden. Zu sagen, dass man diese Meinung nicht teilt, ist dann auch das gute Recht eines jeden Lehrenden.

Das ist aber wenig passiert. Und das wirkt sich nicht nur auf die politische Meinung der Studenten aus - an der Powi ist die Mehrheit der Leute nun mal links -, sondern auch auf das Bild von Wissenschaft.

An der Powi wird zum Beispiel in Seminaren vorgeschrieben, mit welchem Ansatz man zu arbeiten hat. Wer den "interpretativen" Stil nicht für interessant oder sinnvoll hält, muss sich damit abfinden und trotzdem damit arbeiten. Wer in einem Seminar sitzt, in dem es nur um Marx und Konsorten geht, muss damit etwas anfangen. Und alles, was auch nur irgendwie in die marxistische Denktradition passt, wird an der Uni Wien stolz vorgezeigt.

Das wäre noch kein Problem, geht aber zum Teil ins Lächerliche. Qualitative Forschung in allen Ehren, aber teilweise heißt Forschung an der Uni Wien "Ich rede mit Leuten und nenne das Wissenschaft". Natürlich gibt es einen Erkenntnisgewinn, sogar in Einzelinterviews - aber es ist eben nicht die wissenschaftliche Methode. Es ist nicht science. Und die Paradigmen, die "echte" Wissenschaft sogar aktiv kritisieren, auf "critical whiteness" und sonstige angeblich diskriminierende Faktoren abklopfen, sind an der Powi teilweise stärker als die klassische politikwissenschaftliche Forschung. Zahlen sind out, Gefühle sind in.

Die coolen Momente an der Powi

Aber es gab natürlich auch gute Sachen an der Powi. Auch insgesamt würde ich mein Studium als gute Erfahrung bezeichnen. Im Nachhinein will man natürlich das Negative eher loswerden - trotzdem seien zur Fairness auch die positiven Momente erwähnt.

Oben angesprochen habe ich vor allem die Arbeit am Institut für Politikwissenschaft. Das ist jedoch nicht das einzige, das dieses Fach hat. Das Institut für Staatswissenschaft hält das quantitative, empirische Arbeiten hoch und hat einige sehr coole Forscher zu bieten. Auch das Forschungsprojekt AUTNES, eine extrem umfangreiche Untersuchung zu Nationalratswahlen in Österreich, lässt sich wirklich sehen und wäre auch dieses Jahr für einige Medien interessant.

Außerdem sind natürlich längst nicht alle so, wie ich es bisher in diesem Text beschrieben habe. Auch, wenn es eine sehr linke Strömung an der Powi gibt, sind die meisten Leute einfach echt okay. Neben denen, die zu weinen anfangen, wenn du nicht genderst, und die dich für Fragen zurechtweisen, weil sie die Logik des Klassenkampfes untergraben. Die meisten, auch die Linken, sind echt ziemlich normal, cool drauf und lassen auch andere Meinungen zu. Einige dieser tendenziell Linken, die meine Meinung nicht teilen, aber mit mir darüber streiten können, würde ich als echt gute Freunde bezeichnen.

Und generell bringt das Studium der Politikwissenschaft auch was. Durch den Feminismus-Schwerpunkt lernt man zwar auch einige ideologische Standpunkte kennen, die man nicht teilen muss. Aber man lernt auch wirklich etwas über Themen, die mit Gender zu tun haben. Und auch als Mann, für den das zu Beginn des Studiums quasi eine Non-Issue war, muss ich sagen, dass sich meine Sicht dadurch ziemlich verändert hat. (Siehe "Ich bin Feminist")

Außerdem lernt man - und das schätze ich fast am meisten -, so wirklich jeden Standpunkt zu diskutieren. Das mag vielleicht an mir liegen, da ich oft einfach aus Langeweile den provokanten Gegenstandpunkt übernommen habe. Aber wenn du erstmal Leute kennenlernst, die "Sparen ist Diebstahl" ernst meinen, hast du wirklich alles gesehen. Du liest stinknormale Texte und liest Sachen raus, die andere Menschen mit wildesten Interpretationen offenden könnten. Umgekehrt denke ich mir auch die rechte Position dazu - und ich glaube, damit oft zu einem differenzierten Bild zu kommen. (Das natürlich nie ansatzweise in Beiträge mit akzeptabler Länge passt.)

Fazit

Insgesamt war das Studium der Politikwissenschaft schon ganz in Ordnung. Die unpackbare Bürokratie macht es einem schwer, und man muss aufpassen, nicht in Ideologie-Sesselkreisen seine Zeit zu verschwenden. Schade finde ich, dass man außerhalb der Staatswissenschaft "nicht-linke" Standpunkte wenig diskutieren kann, und dass man von Mitstudenten und der Studienvertretung davon ziemlich angefeindet wird. (Auf der einen Party wird nicht gegendert, auf der nächsten wird rumerzählt man sei ein Nazi.)

Dennoch: Das kann man ignorieren. Ich war immer der Meinung, dass man sich mit Trollen nicht beschäftigen muss. Und an der Uni Wien gilt das eben auch fürs Real Life. Wenn man was draus machen will, dann ist die Politikwissenschaft trotz all ihrer Fehler eine gute Entscheidung. Auch, wenn der Bachelor irgendwie unspektakulär ist.  

 

(Und ach ja: Noch vorm Abholen des Abschlusses bin ich bei einem sehr coolen Medium gelandet. Als Social Media Manager, was auch sehr cool ist. High Five, Matura-Ich.)  


Bild von der Seite des Geschichte-Instituts