Veröffentlicht am 23.08.2016 1395 Aufrufe Share

Was euch keiner über das Darknet sagt

Es gibt diese Momente, in denen ursprünglich exotische Themen plötzlich in den Mainstream rücken. Meistens wird der Diskurs durch dümmliche oder naive Antworten geprägt - in der ersten Reihe stehen dabei Politiker, die keinen Plan von irgendwas haben, aber Werbung für sich selbst machen wollen.

So ist es auch mit der Debatte um das Darknet. Diese ist ja ausgebrochen, nachdem herausgekommen ist, dass der Amokläufer von München seine Waffe aus dem Darknet erworben hatte. Natürlich tragisch und etwas, was nicht passieren sollte - aber die Reaktionen darauf sind schon sehr bezeichnend.

Es geht nämlich in die Richtung "Darknet verbieten". Was schon mal absolut nicht geht. Die Grundintention des Darknets ist es, nicht verboten und kontrolliert werden zu können, und das müssen auch alle Advokaten der "Alles verbieten"-Fraktion wohl oder übel einsehen.

Exkurs: Darknet vs. Deep Web

Kurzer Exkurs darüber, was das Darknet eigentlich ist. Ein schwer zugänglicher Bereich des Internets. Nur mit speziellem Browser und gewissen Verschlüsselungsstandards können sich User Zugang zum Darknet sichern, wo Links nicht über Domains wie "google.com" funktionieren, sondern in etwa so aussehen: dyhuwq2zwüx.onion. Bezahlt wird im Darknet über Bitcoins oder andere Kryptowährungen, die schwer zurückverfolgbar sind.  

Im Gegensatz dazu wäre das "Deep Web" quasi der Hinterhof des Internets. Auch im "Clearweb" - also frei zugänglichen Seiten über normale Browser - gibt es dieses Deep Web. Seiten, auf denen Pädophile ihre Pornos tauschen, Dschihadisten Propaganda betreiben oder auf denen Menschen sich gegenseitig beim Suizid beraten. Eine gute Lektüre dazu ist Jamie Bartletts Buch "The Dark Net".

Dieser Unterschied ist technischer Natur, aber für die öffentliche Debatte nicht von Bedeutung. Wenn man das "Darknet" nennt, kann man damit auch Deep Web-Seiten gemeint meinen, die illegale Services anbieten. Für die Diskussion darüber und für den weiteren Verlauf dieses Artikels ist dieser Begriff auch völlig ausreichend - aber behaltet in Erinnerung, dass die meisten illegalen Dinge im Darknet auch irgendwo im Clearweb vertreten sind.  

Wie ehrlich wird die Diskussion über das Darknet geführt?

Eine Website im Darknet zu eröffnen, hat verschiedene Gründe. In vielen Fällen wird sie aber mit der umständlichen, technisch anspruchsvollen Deep Web-Infrastruktur erstellt, weil die Inhalte der Seite illegal sind. Im Darknet gibt es alles - Drogen, Waffen, Kinderpornos. Angeblich kann man sich dort die Dienste von Auftragsmördern sichern - was im Fall Silk Road durchaus belegt ist - und sogar Organe und Menschen kaufen. Für die letzten zwei Behauptungen gibt es soweit ich weiß allerdings noch keinen Beleg, sondern nur entsprechende Websites.

Insofern ist es verständlich, dass den Behörden das Darknet ein Dorn im Auge ist. Wenn jemand an jeglicher staatlicher Kontrolle vorbei eine Waffe kaufen kann, müssen Staaten etwas dagegen tun, um ihr Gewaltmonopol langfristig erhalten zu können. Klar, über das Darknet wird man nicht genug Waffen kaufen, um eine Revolution gegen den Staat an sich zu starten - aber die Intention von Staaten, den Waffenhandel zu unterbinden, ist trotzdem verständlich.

Dennoch muss man sich im Fall von München die Frage stellen, wie aufrichtig diese Diskussion um "Kampf gegen das Darknet" wirklich geführt wird. Gerade in Deutschland gibt es viele Drogen- und Waffenverkäufer, die online ein gutes Geschäft machen - und die größten davon, zum Beispiel der 19-jährige Drogenbaron Shiny aus Leipzig, werden auch hochgenommen. Auch der berühmte Fall Silk Road zeigt, dass die Geheimdienste da durchaus gute Arbeit leisten.

Aber was genau will man dann eigentlich ändern? Einfach abschalten kann man Darknet-Services in den seltensten Fällen - nach wenigen Tagen sind die Seiten unter anderen .onion-Links wieder online, die Kunden finden die Domains schnell. Es gilt also, die Bosse hochzunehmen und dann abzuschalten - etwas, das durchaus schon gemacht wird. Wer schon mal mit Menschen im Darknet Kontakt hatte, weiß, wie groß die Paranoia der Gesprächspartner ist - auf der anderen Seite der Konversation könnten die Feds sein.

Der Schutz vor staatlicher Überwachung

Und das ist das Gute am Darknet - es schützt die Menschen vor staatlicher Totalüberwachung, wie sie immer mehr betrieben wird. Und nicht nur die "Bösen" nutzen das Darknet - auch politische Dissidenten und Regimekritiker benutzen es, um auf Unrecht aufmerksam zu machen und nicht geschnappt zu werden. Whistleblower nutzen es. Menschen, die ich grundsätzlich sehr schätze und denen Schutz vor staatlicher Überwachung einfach zusteht. So, wie eigentlich jedem.

Ich weiß, nach was das jetzt aussieht. Irgendjemand hat sich sicher schon gedacht, dieser Beitrag nehme auch Verbrecher in Schutz. Aber ich finde nicht, dass Waffenhändler unkontrolliert ihr Business machen sollten - aber die Grundintention, den Schutz vor staatlicher Überwachung, finde ich absolut positiv. Und auch gegen die Verbrecher wird ja was gemacht - mit guter, alter Geheimdienstarbeit. Aushorchen, undercover ermitteln, gezielt überwachen und recherchieren. So sollte Überwachung aussehen - denn die, die wirklich etwas zu verbergen haben, steigen ohnehin auf die komplizierten Kommunikationskanäle des Darknets um.

Das Darknet zwingt staatliche Behörden also, auf "echte" Geheimdienstarbeit umzusteigen - und zeigt der grenzenlosen, unkontrollierten Überwachung aller Bürger die Grenzen auf. Alleine darum muss man das Darknet schon als unterm Strich positives Projekt ansehen. Die Verbrechen, die damit möglich gemacht werden - aber die immer noch verhinderbar sind - nehme ich teils sogar als Kollateralschaden in Kauf. Nicht im Fall von München - eine Tat, die ich auf keinen Fall relativieren will. Sondern im Fall des Hauptgeschäfts im Darknet. 

Der freie Markt für Drogen

Nichts erzählt die Geschichte des Darknets besser als die Geschichte von Silk Road. Diese Story von "Wired" und die Dokumentation "The Deep Web" erzählen sie eindrücklicher, als ich das mit einem Artikel könnte. Die Geschichte handelt vom Cyberphunk Ross Ulbrich, der im Internet den größten freien Markt für Drogen der Welt aufgezogen hatte - mit Bitcoins und Verschlüsselung entstand Silk Road, quasi das Amazon der illegalen Produkte. Mehrere engagierte Geheimdienstleute brauchten Jahre, um ihn zu schnappen.

Der Strang der Geschichte, der dabei für mich zählt, sind die Auswirkungen von Silk Road. Internationale Kunden konnten sicher an ihre Drogen kommen - ohne dabei in persönlichen Kontakt mit den Dealern zu kommen oder sich in ihre Nähe zu begeben. Anders als auf der Straße, wo man Drogen oft von echten Kriminellen kaufen und sich in Gefahr begeben muss, ging das bequem von zuhause aus. Und dann auch noch mit Service: Ein Forum, in dem man sich über Wirkung, Risiken und die Qualität des Dealers und seiner Produkte austauschen konnte, sorgten für sicheren Drogenkonsum abseits von "Ja, es ist guter Stoff".

Was das macht? Es gibt denen, die ohnehin an ihre Drogen kommen wollen, mehr Sicherheit beim Konsum und verhindert potentielle Drogentode. Außerdem sorgt es dafür, dass die harmloseste Droge - Marihuana - sicher erworben werden kann. An Marihuana ist noch niemand gestorben, Marihuana tut niemandem was, und es wird an mehr und mehr Orten der Welt legalisiert - bis es auch bei ihnen soweit ist, konnten die Kunden allerdings konsequenzfrei ihrem harmlosen Hobby nachgehen.

Selbstverständlich ist es schlimm, wenn Menschen härteren Drogen wie Kokain oder Heroin verfallen. Damit entwickeln sich Süchte, die ein Leben zerstören können. Aber für die harmlosen Trips bot das Darknet eine sichere Grundlage und hat potentiell sehr viel Gutes getan. Und auch den Süchtigen schaffte die Community darum vermutlich zumindest einen Anhaltspunkt, um nicht komplett abzustürzen. Wenn man wie ich annimmt, dass Süchtige immer an ihr Zeug kommen werden, muss man das Darknet auch in dieser Hinsicht als positiv ansehen - mehr Sicherheit für die Konsumenten, Straffreiheit für harmlose Drogen und vermutlich weniger gescheiterte Existenzen halte ich für ein gutes Geschäft.

Ihr habt gar nichts verstanden

Viele werden den von mir gebrachten Punkten nicht zustimmen. Gerade konservative Menschen, die noch dazu nie in Kontakt mit Gras oder Graskonsumenten gekommen sind, werden sich weiter für die völlig sinnlose Prohibition aussprechen. Viele werden mit den entgangenen Steuereinnahmen kommen - auch, wenn die Produkte illegal sind und somit gar nicht versteuert werden können, ohne sich in Gefahr zu begeben. Und viele werden meinen, damit nehme man die Schwerverbrecher und Dschihadisten in Schutz, weil Totalüberwachung zu funktionieren habe.

Dem entgegne ich: Ihr habt das Darknet nicht verstanden. Es ist genau wegen Kontrollfreaks entstanden - und Staaten sind die größten Kontrollfreaks. Denen, die bis zu 50 Prozent ihres Verdienstes an den Staat abführen müssen, deren Wohn-, Arbeits- und Ehesituation von höherer Autorität geregelt wird, bietet das Darknet einen Rückzugsort - um der staatlichen Kontrolle zu entfliehen. 

Viele tauschen sich einfach über kontroverse Themen aus und wollen anonym sein. Viele kaufen sich einfach ab und zu Gras. Viele sind auf diese Services und ihre Anonymität angewiesen, um nicht von autoritären Regimen verfolgt zu werden. Und viele - wie ich - wollen einfach nur in Ruhe gelassen werden und ihre Privatsphäre zurückhaben.

Kurzum halte ich das Darknet für eine generell sehr positive Sache, deren negative Aspekte wie Waffenhandel und Dschihadismus mit Geheimdienstarbeit ausgeglichen werden können. Für eine Artikelserie bin auch ich dabei, mich in die dschihadistischen Abgründe zu begeben - mit guter, langfristiger Recherche ist das möglich. Die positiven Aspekte des Darknets gehen in der scheinheilig geführten, öffentlichen Diskussion unter - Hauptsache weiter verbieten und kontrollieren. Ihr habt gar nichts verstanden.

 

Bildcredits: Tim Sackton: "Work Work Work" (Flickr, Kommerzielle Nutzung und Änderungen erlaubt)