Veröffentlicht am 31.03.2018 1010 Aufrufe Share

Warum es nichts bringt, sich von Facebook zu löschen

Wir haben uns an den Gedanken gewöhnt, dass große Tech-Companies wie Facebook unsere Daten verwenden. Für Werbung, hauptsächlich. Nachdem nun öffentlich wurde, dass die Big Data-Firma "Cambridge Analytica" - bekannt aus dem "Bombe-Artikel" - immens viele Daten von Facebook für die eigenen Zwecke bekommen und verwendet hat, ist das Thema aber wieder interessant. Und viele Leute löschen sich von Facebook.

Das ist schon länger ein Thema, das mich beschäftigt. Schon seit der letzten Algorithmus-Änderung von Facebook melden sich einige in meinem Umfeld von dem sozialen Medium ab - aus nobel erscheinenden Gründen, aber aus komplett sinnlosen. Zuerst mal: Wie die Geschichte angefangen hat.

Warum Journalisten Facebook schon länger haten

Schon vor Cambridge Analytica gab es einiges an Aufregung über Facebook, aber eher aus der Medien-Bubble. Nachdem das soziale Netzwerk Änderungen in seinem Algorithmus ankündigte - Nachrichten und andere Inhalte von Publishern werden nun seltener angezeigt, Inhalte von Freunden und viel kommentierte Inhalte öfter - waren die Journalisten beleidigt. Zurecht, natürlich.

Long story short: Jahrelang hat Facebook Medien benutzt, um seine eigene Relevanz und Reichweite zu steigern. Wenn alle Medien, die du eh schon konsumierst, nun auch auf Facebook Inhalte bieten, ist das zuerst mal ein Pluspunkt für Facebook. Als dann die Führung des Internet-Giganten beschlossen hatte, dass man YouTube Konkurrenz machen müsste - und in weiterer Folge Videos im Algorithmus extrem hoch bewertete -, konnten Medien mit Videos plötzlich riesige Reichweiten erreichen und die Leute (so die Hoffnung) auf die eigene Website bringen.

Jetzt will Facebook allerdings wieder "aktiveres" Verhalten seiner Nutzer - also vor allem Diskussionen. Das trifft vor allem die Medien, die ihre Inhalte gratis zur Verfügung stellen, aber nie eine aktive Community aufgebaut haben, die diskutiert. Reichweiten sinken.

Das falsche Verständnis vom "Deal mit Facebook"

Einige Journalisten - und andere "Meinungsführer" - reagieren darauf mit einem Fast-Rücktritt von Facebook. Puls 4-Infochefin Corinna Milborn hat einen eigenen Newsletter, ORF-Anchorman Armin Wolf teilt seine Gedanken jetzt auf seinem eigenen Blog. Und Benedikt Narodoslawsky vom "Falter" schreibt sogar extra darüber, warum er sich abmeldet:

Wenn man sich die Beiträge von Journalisten dazu ansieht, stößt man allerdings schnell auf ihr Verständnis dahinter. Armin Wolf zum Beispiel schreibt von einem "Deal", den Facebook und er hatten:

Der klassische Business Plan auf Social Media lautet ja seit jeher: If you're not paying for it, you're the product being sold.

Das wusste ich und damit habe ich kein Problem. Ich habe für die enorme Reichweite meiner Postings eben nicht mit Geld bezahlt, sondern mit meinen Inhalten und meinen Abonnenten - und die hat Facebook an seine Werbekunden weiterverkauft. Faires Geschäft.

Aber das Produkt zu sein, das verkauft wird, und trotzdem zu bezahlen - das ist kein fairer Deal, finde ich.

Deshalb habe ich seit heute einen Blog. Und meine Facebook-Page. Und Twitter.

Aber dieser "Deal" ist schon lange kein Deal mehr. Denn Facebook funktioniert auch ohne dich. Und auch ohne Armin Wolf.

Man kann es Medienmenschen nicht mal verübeln. Wer täglich an der Spitze der Reichweiten in Österreich steht - egal ob auf Social Media, Fernsehen oder Print - ist einen gewissen Status gewohnt. Wer eine Show hat, die von mehreren 100.000 gesehen wird, hält hohe Stücke auf seine Arbeit. Das Ding ist: Facebook kann komplett egal sein, ob du diese Arbeit auf Facebook teilst oder nicht.

Journalisten sind längst nicht mehr relevant für Facebook

Die Menschen nutzen Facebook nicht nur, um kluge Texte von Armin Wolf oder reflektierte Statements von Corinna Milborn zu nutzen. Sie nutzen es, weil jeder es nutzt. Was früher das Telefonbuch war, ist heute Facebook. Was machen meine Freunde gerade? Was passiert gerade in der Welt? Was ist gerade neu und könnte mich interessieren? Auf all diese Fragen bietet Facebook eine Antwort. (Auch, wenn gerade der "Freunde"-Aspekt sich eher auf Instagram und WhatsApp verlagert - die auch Facebook gehören.)

Wenn sich die großen Journalisten und klugen Denker nun alle zurückziehen und Facebook "sich selbst überlassen" - im Selbstverständnis, dass man die eigenen Inhalte nicht mehr herschenkt -, ändert sich die User Experience auf Facebook minimal. Der Großteil bleibt dort. Und im größten Medium der Welt, so es leicht ist, aufzufallen und mitzureden, fehlt nun eine Stimme.

Free-Riding

Gerade politisch hat das einige Implikationen. Denn dort, wo sich gerade die, die mit reflektierten, großen, sehenswerten Beiträgen punkten können, zurückziehen, fehlt genau das. Die, die Fake News verbreiten, sind immer noch auf Facebook. Ethische Implikationen sind ihnen scheißegal, und wenn sich Journalisten von dort zurückziehen - umso besser. Die eine Seite verlässt das Schlachtfeld, die andere kämpft aber weiter. Um ein bisschen Kontrolle über die eigenen Inhalte zurückzubekommen, verzichten Medienmenschen auf ein riesiges Publikum. Und schenken es den Falschen.

Genauso ist es mit #deletefacebook. Wer jetzt nicht auf Facebook ist, stört damit nicht wesentlich die User Experience der verbleibenden Nutzer. Denn dort sind noch immer Leute - und sie werden lauter, wenn die Gegenstimme sich abmeldet. Christian Köllerer zum Beispiel, ein großer Kritiker, der Facebook mit dem "Völkischen Beobachter" gleichsetzte, ist jetzt nur noch auf Twitter - und verpasst jegliche Chance, auf Facebook zu irgendjemandem durchzudringen. Er hat sich zurückgezogen, aufgegeben. Und überlässt die normalen Leute dem, was er für den Völkischen Beobachter hält. Dass das nicht sinnvoll ist, hätte mal irgendwem auffallen können.

Es ist ein bisschen so, als würde man nicht wählen gehen, um ein Zeichen zu setzen. Was man für eine große intellektuelle Leistung hält, sorgt dafür, dass die Stimme derer, die wählen gehen, mehr zählt - und vermutlich nicht so, wie man selbst es wollen würde. Wenn sich die eine Seite von Facebook zurückzieht, stärkt das die andere. Es ist schwer einzusehen, aber: Dem System bist du scheißegal.

Die Lösung? Nutzt Social Media kompetenter

Was will ich jetzt also, außer rumschimpfen, dass ihr alle Social Media falsch (nicht) nutzt? Ich finde, dass die berechtigte Kritik an Facebook - Datenleaks, Privacy, nicht nachvollziehbare Sperrungen, Playing Ground für Fake News - eine andere Lösung nahelegt: Nutzt Social Media kompetenter.

Mit "kompetenter" meine ich nicht "professioneller". Ich unterstelle niemandem, der sich von Facebook zurückzieht, Facebook einfach zu wenig zu beherrschen. Aber was man mit Facebook macht, hat man selbst in der Hand - und die meisten machen wohl viel zu wenig daraus.

Deine Timeline besteht aus Dingen, die dich nicht interessieren? Man kann ganz leicht einstellen, was man zuerst sehen möchte. Dislike, mute oder blockiere Sachen, die dich nicht interessieren. "Belohne" Sachen, die dich interessieren. Interagiere mehr mit Freunden, wenn du mehr von ihnen sehen willst. Die ganze Customer Experience von Facebook - und ja, sie ist beschissen geworden - liegt noch immer in unserer Hand.

Dich regt auf, dass Facebook den "Falschen" hilft? Stärke die Richtigen! Gerade nachdem offensichtlich wurde, dass Facebook zuerst Hillary Clinton unterstützen wollte (und dann aus Versehen, um ja nicht aufzufallen, Donald Trump geholfen hat), ist Facebook sicher zu vorsichtig, um euch aufgrund einer Agenda kleinzuhalten. Beiträge von jeder Seite des politischen Spektrums - oder was euch sonst eben so wichtig ist, es muss ja nicht immer Politik sein - können jederzeit eine Riesenreichweite erreichen, wenn ihr euch darauf einlasst. Einfach nicht mehr zu sprechen, wird jedenfalls sicher nicht helfen.

Du machst dir Sorgen, was mit deinen Daten passiert? Das ist natürlich tricky, weil wir nicht ganz wissen, was Facebook im Verborgenen alles mit diesen Daten macht. Allerdings hast du bis zu einem gewissen Grad selbst in der Hand, was das Medium von dir weiß. Du brauchst es nicht am Handy. Du musst die Meta-Daten nicht weitergeben. Für den Desktop gibt es jetzt übrigens ein praktisches Firefox-Plugin, das dir ein bisschen mehr Kontrolle gibt. Und was du auf der Seite machst und teilst - also: was andere theoretisch sehen könnten, wenn ... - kannst du selbst entscheiden. Das ist nicht leicht. Aber besser, als sich ganz zurückzuziehen.