Veröffentlicht am 22.08.2018 294 Aufrufe Share

Warum die Sommerferien bleiben sollen

Wenn es ein Sommerloch-Thema gibt, dann sind es die Sommerferien. Zuverlässig ploppt einmal pro Sommer das leidige Thema auf, dass Schüler - aber auch Lehrer, die laut allgemeiner Wahrnehmung zu wenig arbeiten - zu viel Freizeit haben. Tenor: Man solle sie kürzen. Warum das keine gute Idee ist.

 

The Salzburger Way to do stuff

Der Vorschlag, die Sommerferien zu kürzen, erinnert mich an eine politische Maßnahme in Salzburg. Vor dem Hauptbahnhof gab es einige Sitzgelegenheiten, die hauptsächlich von Bettlern und Obdachlosen genutzt wurden. Das wollte die Stadt nicht mehr. Anstatt aber gezielt etwas gegen Bettler (oder, kaum denkbar: Gegen Obdachlosigkeit) zu machen, um das Problem zu bekämpfen, wurden die Sitzgelegenheiten entfernt. Ähnlich ist es beim Thema Sommerferien.

Das Hauptargument für die Kürzung der Sommerferien ist, dass es für Eltern schwierig sei, für eine so lange Zeit die Kinderbetreuung zu managen. (Wo das besonders schwierig ist, kann man hier nachlesen.) Und das ist meiner Meinung auch der wichtigste Punkt. Schon jetzt sind Familien - nicht nur im Sommer - v. a. von Großeltern abhängig, die in der Pension einfach die Tagesfreizeit haben, um die Kinder zu übernehmen.

Das Kernproblem dabei ist aber nicht, dass die Ferien so lange sind, sondern dass es zu wenig Kinderbetreuungsmöglichkeiten gibt. Die Ferien deswegen zu kürzen, wäre in etwa so sinnvoll, wie die Salzburger Sitzgelegenheiten zu entfernen. Damit ist im Endeffekt niemandem geholfen - das Kernproblem (Obdachlosigkeit/Bettelei bzw. Mangel an Kinderbetreuungseinrichtungen) bleibt.

Schüler und Lehrer arbeiten genug

Unpopuläre Meinung: Nein. Auch, wenn ich selbst gerade in das Alter komme, in dem man sich nostalgisch an die Schulzeit zurückerinnert, als das Leben noch einfach war - diese Sicht ist etwas romantisiert. Wir alle erinnern uns an die Zeiten. Anders als im Studium konnte man sich nicht die Deadlines und das Arbeitspensum einteilen und auf eine Prüfungsphase pro Halbjahr hinarbeiten. Man hatte permanente Deadlines. Nächster Test, nächste Schularbeit, repeat 8x, Semester vorbei.

Es ist wichtig, dass Schüler ihre Auszeiten von diesem lästigen, wenn auch nötigen Alltag bekommen. Die Sommerferien sind dabei die einzige Zeit, in der sie auch "längerfristige" Unternehmungen in Angriff nehmen können - die Klassiker sind ein Monat Interrail nach der Matura, ein Urlaub von mehr als einer Woche in Italien, einen Monat bei Verwandten im Ausland verbringen, vielleicht sogar einen Ferialjob machen. Mit weniger Sommerferien beschneidet man die einzige Zeit, die Schüler für die großen Dinge haben.

Und auch Lehrer brauchen eine Auszeit. Wer "Lehrer-Bashing" betreibt - also im Wesentlichen Lehrer um ihre Ferien beneidet - vergisst, dass außerhalb des Stundenplans Hausaufgaben korrigiert, Unterrichtsstunden geplant, Materialien vorbereitet und Tests aufgesetzt werden müssen. Der Lehrerjob ist nicht weniger schlimm als irgendein 40-Stunden-Job - er ist für die engagierten sicher noch schlimmer. Genau deswegen ist die Auszeit für Lehrer auch so wichtig. Denn auch die wird nicht nur für ein paar Wochen am See, sondern (hoffentlich auch) für Fortbildungen, jedenfalls aber für Vorbereitungen genutzt.

Kein Mensch braucht Herbstferien

Als jemand, der selbst Herbstferien hatte - keine Ahnung, ob das ein Kurzzeit-Reförmchen war oder sich die Schule selbst dazu entschieden hat, die schulautonomen Tage zusammenzulegen, jedenfalls war das nicht lange so - halte ich es nicht für sinnvoll, schon Ende September die erste dieser Auszeiten anzusetzen. Gerade, wenn es im Schulalltag wieder richtig losgeht, man sich an den Stundenplan gewöhnt (der oft erst nach zwei bis vier Wochen fertig ist) und die ersten Tests anstehen, brauchen Schüler eher keine Ferien, die sie wieder voll aus dem Rhythmus schmeißen.

Momentan sieht es aber danach aus, als würden die Herbstferien - die im Regierungsprogramm stehen - zusätzlich zu den Sommerferien eingeführt werden. Das bedeutet nicht nur, dass das Kinderbetreuungsproblem im Sommer nicht gelöst wird, es wird sogar noch verschärft. Gleichzeitig wird genau in diesem Bereich gespart, z. B. in Oberösterreich, wo 3.450 Kinder weniger angemeldet wurden.

Was wollen eigentlich die Betroffenen?

Einen wichtigen Faktor darf man nicht vergessen: Kein Mensch weiß, was die Schüler und Lehrer davon halten. Wie der "Standard" schreibt, ist die einzige Quelle dafür eine Befragung aus dem Jahr 2006, in dem eine Mehrheit der Eltern und Schüler gegen eine Verkürzung der Sommerferien war - die aber an eine Einführung von "Herbstferien" gekoppelt war.

Wenn es nun nach dem Vorschlag der Neos geht - Parteichefin Beate Meinl-Reisinger hatte im ORF-Sommergespräch vorgeschlagen, die Sommerferien zu kürzen und stattdessen die gekürzten Wochen anderswo unterzubringen -, kann man diese Befragung wenn, dann als ein "Nein" interpretieren. Dafür spräche, dass es im September zumindest für einige etwas leichter mit der Kinderbetreuung wäre. Dagegen spräche, dass man zwei bis drei Wochen nach Schulbeginn noch keine große Auszeit braucht.

Fazit

Insgesamt spricht also wenig dafür, die Sommerferien zu kürzen. Schüler und Lehrer brauchen Auszeiten, und eine große ist perfekt, um längere Reisen, einen Ferialjob oder sonstige Unternehmungen zu planen. Die Ferien ausgerechnet in den Herbst zu verschieben, in dem der Alltag gerade erst wieder losgeht, ist keine sinnvolle Alternative - an Sinnlosigkeit geschlagen nur noch von zusätzlichen Ferienwochen mit den Herbstferien, ohne Kürzung. Viel eher sollte man dafür sorgen, dass es auch im Sommer nicht an Kinderbetreuung mangelt.

 

 

 

Weiterführende Links:

3.450 Kinder weniger: Die Auswirkungen der Kindergartengebühr in Oberösterreich - Addendum

Großeltern übernehmen die Kinderbetreuung - Der Standard

Herbstferien kommen, aber Sommerferien bleiben lang - Der Standard

Kindergarten, kurz gehalten: Wie die Regierung sparen will - Der Standard

Wie die Länder die Nachmittagsbetreuung in Kindergärten regeln - Addendum

Wo mehr, wo weniger Kinderbetreuung angeboten wird - Addendum