Veröffentlicht am 06.09.2017 285 Aufrufe Share

The only winning move is not to play

Seit einigen Wochen gibt es nur noch ein Thema in Sachen Weltpolitik: Nordkorea. Oder, wie wir's in und aus der "Österreich" kennen: "Irrer Kim". Stürzt er uns alle in den Dritten Weltkrieg? Werden die beiden unberechenbaren Staatschefs Nordkoreas und der USA ihre Atomraketen abfeuern? Panik, Panik, Panik.

Eine Panik, die ich für einigermaßen unbegründet halte. Klar, man soll die Dummheit anderer Leute nicht unterschätzen - aber rational spricht nichts für ein derartiges Eskalationsszenario. Warum, soll dieser Text kurz erklären.

Das Beste, was man dazu lesen kann, ist vermutlich der Artikel "How To Deal With North Korea" im Atlantic. Es ist ein Long Read, aber ein lohnender. Autor Mark Bowden handelt dabei nacheinander ab, warum alle Optionen, die die USA in Nordkorea haben, schlecht sind.

Die wesentlichen Erkenntnisse zusammengefasst: Es gibt im Wesentlichen vier Möglichkeiten, wie man mit Nordkorea umgehen kann: (1) Ein Präventivschlag, (2) Angriffe auf kritische Infrastruktur, (3) Kim Jong-un ermorden oder (4) Akzeptanz. Wie gesagt, keine dieser Optionen ist gut. Gehen wir die Argumentation von Bowden kurz durch:

Präventivschlag

Ein Nachteil daran ist offensichtlich: Es sterben extrem viele Leute. Auch, wenn es Trump nach "America First"-Linie prinzipiell egal sein könnte, was passiert, solange der Krieg am anderen Ende der Welt Opfer fordert - die USA haben kein Interesse an der Ermordung unschuldiger Nordkoreaner. Auch in Südkorea wird den Menschen beigebracht, das Regime zu hassen, die Menschen aber nicht für die Taten ihrer Regierung zu verurteilen. Allein aufgrund der zivilen Opfer wäre diese Option "unmenschlich", quasi ausgeschlossen.

Was aber auch rein pragmatisch gesehen dagegen spricht, ist das Risiko, nicht alles zu treffen. Bleiben Restbestände des nordkoreanischen Atomwaffenlagers übrig, ist das Sicherheitsrisiko nicht beseitigt, der Nuklearkrieg aber begonnen. Schon jetzt ist Nordkorea das größte Sicherheitsrisiko für die USA seit dem Zweiten Weltkrieg - wenn man denn glaubt, dass seine Atomraketen US-Festland erreichen könnten.

Ein weiterer Grund gegen den nuklearen Erstschlag: Südkorea. Zwischen den Hauptstädten von Nord- und Südkorea liegen nur 195 Kilometer. Das ist gerade etwas mehr als die Distanz von Linz nach Wien. Die USA werden keinen Atomschlag wagen, wenn der nukleare Fallout dann die Hauptstadt eines Verbündeten betrifft.

Angriffe auf kritische Infrastruktur

Ohne diesen enormen Schaden könnte man aber immer noch die Initiative ergreifen. Die USA könnten Nordkoreas Infrastruktur angreifen und sie quasi wieder so weit zurücksetzen, dass ein Angriff vorerst nicht mehr möglich wäre. Das Problem dabei ist allerdings: Man weiß nicht, wie Kim reagiert.

Wenn wir davon ausgehen, dass Kim Jong-un ein Herrscher mit Kalkül ist, der ungefähr so denkt und handelt wie seine Vorgänger, würde er die Zeichen (richtig) deuten und einen Angriff auf seine nuklearen Kapazitäten sehen. Diese sind für Nordkorea wortwörtlich überlebensfähig - ohne die Abschreckung durch die größten aller Waffen sind sie für "Regime Change" von außen anfällig.

Greift man Nordkorea also an - egal, ob atomar oder nicht - kann das sofort als Kriegserklärung gesehen werden und zum "All-in" führen. Hier droht wiederum die Gefahr, dass die Angreifer etwas übersehen und noch nukleare Sprengköpfe vorhanden sind, die weit genug kommen könnten. Und außerdem hat Nordkorea Seoul vor der Nase. Und ein erneutes Heißwerden des Koreakrieges ist der Pfand, den sich Pyeongyang aufhebt.

Kim Jong-un ermorden

Hier bringt Bowden zwei Thesen auf: (1) Es wird schwer und (2) man weiß nicht, was danach kommt. Eine mögliche Ermordung von Kim könnte eine "automatische" Retaliation Attack nach sich ziehen und Krieg erst recht auslösen. Und wen auch immer der junge Kim Jong-un als Nachfolger ausgewählt hat, ein großer, demokratischer Reformer ist nicht zu erwarten.

Wichtig ist aber auch, was danach von der Bevölkerung käme. Zwar wissen wir wenig darüber, wie viele Menschen in Nordkorea nach wie vor "indoktriniert" sind und sich mit dem großen Führer identifizieren, aber man kann davon ausgehen, dass es ein enormer Bevölkerungsteil ist. Ein Zwanzigstel des nordkoreanischen Volkes ist beim Militär beschäftigt, die Diktatur mit ihrer Juche-Ideologie (die nordkoreanische Art des Sozialismus) ist für die meisten eine Lebenstatsache. Fällt das weg, gibt es Probleme.

Probleme wie überall, wo die "stabilen, verlässlichen Diktatoren" fallen - Entwicklungen dazu konnte man in den letzten Jahrzehnten vor allem in Nordafrika, im Nahen und Mittleren Osten beobachten. Fällt die Familie Kim, könnte Nordkorea zwar kurzfristig weniger gefährlich, langfristig aber ein Hort für den Terrorismus werden. In einem Land, das Amerika, aber auch seine Nachbarländer Japan und Südkorea, ohnehin schon hasst. You don't play dice with nukes, erklärt Bowden im "Atlantic". Man spielt auch nicht mit der Stabilität einer Region.

Akzeptieren

Das ist die bitterste Option, aber man kann sie zynisch argumentieren. Die Welt hat schon einmal ein Gleichgewicht des Schreckens erlebt, bei dem sich zwei Mächte mit Atomwaffen gegenüberstanden und den Finger am Knopf hatten. Damals war das Spiel sogar noch ausgeglichener - heute muss man sich keine Sorgen darüber machen, dass die USA am Ende als Sieger hervorgingen.

Das Problem dabei ist, dass das ein "More Of The Same" wäre, das nichts besser macht. Schon die letzten US-Präsidenten - auch George W. Bush, der Nordkorea als Teil des "Achse des Bösen" nannte - konnten die nuklearen Ambitionen der Kims nicht aufhalten. Die Akzeptieren-Version kommt de facto einer Kapitulation vor dem Bestreben eines Staates gleich, dem Rest der Welt zu drohen.

Ignoriert man Nordkorea, wird es mehr und bessere Atomwaffen herstellen. Ein Szenario, das alle anderen Beteiligten nicht wollen können. Was aber tun?

Gibt es andere Optionen?

Soweit die Argumentation aus dem "Atlantic"-Text mit Anmerkungen von mir. Ich sehe auch keine Möglichkeit, die auf dieser Liste nicht irgendwie vorhanden wäre. "Verhandeln" wäre da zu nennen - allerdings weiß Nordkorea, dass der Rest der Welt verhandeln will. Sich alleine an einen Verhandlungstisch zu setzen, ist bereits die Verhandlungsbasis für die Außenpolitik der Diktatur. Und ernsthafte Zugeständnisse im Sinne nuklearer Proliferation, wie es beim Iran-Deal der Fall war, sind hier komplett unrealistisch.

Dieser Text wird also nicht die eine Lösung bringen, auf die der Rest der Welt so lange wartet, und auch nichts dergleichen in Aussicht stellen. Das Einzige, was man hierbei "Wahrheit" nennen kann, ist wie so oft: Alles ist scheiße kompliziert und eine einfache Lösung gibt es nicht.

Die durchaus angenehme Konsequenz daraus ist aber, dass wir uns keine großen Sorgen zu machen brauchen. Denn eben das hatten wir schon einmal, mit dem Gleichgewicht des Schreckens im Kalten Krieg. Wenn es keine guten Optionen gibt, dann passiert eben nichts. "Die einzig gute Option ist es, nicht zu spielen."

Fazit: Nope, not gonna happen

Glaubt man dem Realismus, einer Denktradition der Internationalen Beziehungen, handeln politische Akteure immer möglichst rational mit Fokus auf die eigenen Interessen. Sieht man sich Nordkorea und die USA an, hat keiner der beiden Akteure einen Grund, dem verbalen Säbelrasseln wirklich Taten folgen zu lassen. Gut, Nordkorea lässt eine Rakete über Japan flitzen - aber was ist das, wenn nicht einfaches Muskeln aufblasen?

Den USA steht in jedem möglichen Szenario mindestens ein Desaster bevor. Und für Nordkorea ist es die beste Option, sich auf das eigene Überleben zu konzentrieren und somit weiter an den Atomwaffen zu bauen. In der Hoffnung, sie nie einsetzen zu müssen, werden sie umso dringender gebraucht, um die eigene Legitimität aufrecht zu erhalten und sich gegen den feindseligen Rest der Welt zu schützen. Vielleicht kann Kim Jong-un so auch im Inneren etwas verändern, wie es teils auch schon unter seinen Vorgängern geschehen ist.

Zusammengefasst also, long story short: Die Nordkorea-Sache ist natürlich beängstigend, aber sollte nichts absurd Wahnsinniges passieren, wird alles ruhig bleiben. Niemand hat Interesse daran, einen Atomkrieg zu starten, und die aktuelle Situation mit verbaler Kriegsführung wird aller Wahrscheinlichkeit das höchste der Gefühle bleiben. Zu hoffen wäre es, denn das Pulverfass Asien befindet sich auch so schon in einem Besorgnis erregenden Zustand. Aber dazu vielleicht ein andermal mehr.