Veröffentlicht am 07.12.2016 1625 Aufrufe Share

Sie werden sich noch wundern

Endlich ist es vorbei. Wenn man bis zum verfrühten Wahlkampfstart von Irmgard Griss zurückblickt, haben wir ein ganzes Jahr Wahlkampf überstanden. Die zweite Hälfte war geprägt von "Gut gegen Böse" und einem unerträglichen Pseudo-Kampf "Links gegen rechts". Ich kann gar nicht beschreiben, wie froh ich bin, dass dieser Scheiß vorbei ist. Und da ich auf Facebook noch immer öfter nach politischen Sachen gefragt werde, scheint es mir angebracht, etwas zu schreiben.

In diesem Jahr habe ich viel gelernt. Nicht nur im üblichen Sinne á la "Wer sagt was" und "Wie funktioniert Wahlkampf". Ich glaube, auch viel über die österreichische Gesellschaft gelernt zu haben - und darüber, was Leute wie Norbert Hofer für sie so attraktiv macht. Und ich glaube, dass viele Leute, und zwar vor allem Journalisten und andere "Irgendwas mit Politik und Medien"-Menschen, das unbedingt zumindest mal überdenken sollten. Hier also eine - wirklich versucht kurze - allerletzte Analyse zu dieser Bundespräsidentenwahl, und was sie mit diesem Land gemacht hat.

Der Wahnsinn in der Bubble

Der Begriff der Filter Bubble wurde in letzter Zeit etwas inflationär verwendet, aber bear with me here: Was in dieser ach so "linksliberalen" Bubble auf Twitter passiert ist, das war nicht mehr normal. Ich habe gesehen, wie sich Journalisten und Politiker aller Couleur (außer Blau natürlich) plötzlich die Hand reichen und sich gegenseitig darin bestätigen, auf der "richtigen" Seite zu stehen. Monatelang habe ich beschissene Witze über Hofer-Wähler, unglaublich inspirationslose Wahlempfehlungen und Forderungen nach einem "Wähler-Führerschein" gesehen - weil die, die "falsch" wählen, ja unglaubliche Idioten sein müssen.

Und eigentlich müsste ich da dazugehören. Auch, wenn ich das Prädikat "linksliberal" für ein furchtbares Missverständnis halte: Seit ich bei meiner ersten Bundespräsidentenwahl 2010 gegen Barbara Rosenkranz auf die Straße gegangen bin, bin ich gegen Rassismus und alles, was keine Berührungsängste mit Nazis hat. Für einen Anti-FPÖ-Wahlkampf wäre ich aufgrund meiner Geschichte eigentlich ganz gut zu haben. Trotzdem kommt mir das, was im letzten Jahr passiert ist, einfach nur absurd vor.

Ihr habt nichts verstanden.

Es kommt mir absurd vor, dass sich Leute, die ihren Protest gegen eine unnütze Regierung artikulieren wollen, als Neonazis bezeichnet werden. Als ob jeder zweite Mensch in diesem Land ein Neonazi wäre.

Es kommt mir absurd vor, dass Männer, die den für sie besseren Kandidaten wählen, als Chauvinisten und Frauenfeinde bezeichnet werden, obwohl sie wie ich mit dem Gedanken aufgewachsen sind, dass es an der Gleichberechtigung der Frau überhaupt nichts zu diskutieren gäbe. Als ob man jede Meinung, ob real oder unterstellt, eines Kandidaten teilen müsste, um ihn zu wählen. Als ob Frauenhass ein zentrales Wahlmotiv wäre.

Es kommt mir absurd vor, wenn eine Einschränkung des freien Wahlrechts anhand von "Intelligenz" vorgeschlagen wird - mit allen Prämissen, die damit verbunden sind. Als ob Schul- und Universitätsbildung dich absolut zu einem klugen und guten Menschen machen würden. Als ob jeder ab einem gewissen IQ sofort die "richtige" Wahl erkennen würde. Als ob es dieses "Richtig" im Politischen überhaupt geben würde.

Merkt ihr nicht, was ihr anrichtet? Ihr schimpft gegen die furchtbaren rechten Filter-Bubbles mit ihren Fake News und ihren Hasspostings - tretet aber gleichzeitig nach unten, gegen "die Dummen", die "es nicht verstanden haben", und verherrlicht in unglaublichem Maße einen Kandidaten, der zwar keine Katastrophe ist, aber durchaus auch seine Kritikpunkte hat wie jeder andere. Alles, damit nicht literally Hitler die nächsten sechs Jahre Autobahnen eröffnet, oder? Ihr habt einfach gar nichts verstanden.

Ich verstehe Protestwähler.

Denn ich bin auch nicht der Meinung, dass unsere momentane Regierung auch nur irgendeine Existenzberechtigung hätte. Seit ich mich für Politik interessiere, habe ich genau eine substantielle Verbesserung für das Leben mehrerer Menschen mitbekommen. Und die hat die kalte Progression bald aufgefressen. Sonst nichts. 

Ich habe die Fehler des Bildungssystems gespürt, zog in zu teure Wohnungen, wurde in einem verschrienen Bezirk ausgeraubt und muss aufpassen, nicht zu viel zu arbeiten - denn sonst verdiene ich weniger. Und dabei habe ich noch Luxusprobleme. Mir hat es nie an etwas gefehlt. Aber ich verstehe, wie wütend man sein muss, wenn da wirklich schlimme Umstände dazukommen.

Und wenn ich mir jetzt vorstelle, dass die Politikverdrossenen, denen es seit Jahren immer nur schlechter und schlechter geht, auch nur kurz mitbekommen, was diese dubiosen "Eliten", die halbwegs gut verdienen und mit dem ein oder anderen Politiker per du sind, über sie sagen - da dreht es mir den Magen um. Wie man eine so harte Kampagne gegen Menschen fahren kann, weil sie anderer politischer Meinung sind, ist mir unverständlich. Gerade die, die die Intelligenz für die eigene Gruppe beanspruchen, sollten sich besser verhalten können.

Die Bubble trägt ihren Konflikt nach außen

Und ich seh auch schon, wie dieser Text ankommen wird: Als Bekenntnis für Hofer. Es werden sicher die Kommentare kommen, dass ich damit irgendwas "legitimiere" oder gar "verherrliche" - vermutlich Rassismus oder Hitler oder irgendsowas. I guess. "Dann bin ich halt Nazi", würden manche sagen. Part of the problem, würde ich sagen.

Denn dass die "andere Bubble" auch beschissen ist, weiß ich natürlich. Nur: Das wurde in den Medien unzählige Male ausgeschlachtet. Kein Tag im Wahlkampf ohne einen Artikel über FPÖ-Politiker auf Facebook. Über "die Rhetorik der Populisten" - inklusive NLP, was ungefähr das Schlimmste überhaupt zu sein scheint. (Überzeugen wollen ist etwas für Nazis) Über Hasspostings gegen Journalisten, und insbesondere Journalistinnen. Selbstversuche, wie es in der Bubble zugeht und wie es einem damit geht. Und so weiter.

Die Twitter-Bubble hat die Konfrontation mit der Außenwelt in die echte Welt getragen. Die, die selbst unentschieden waren und eine Zeitung abonnierten, hörten über sie von der Parallelwelt auf Facebook und den bösen Rechten. Die gelangweilten Büroangestellten auf Facebook kamen nicht an den Geschichten vorbei darüber, dass Hofer ein Lügner sei und seine Rhetorik geschult. Dass die, die diese Artikel schreiben und als Politiker instrumentalisieren, sich selbst teilweise unter aller Niveau verhalten, hat aber niemand mitgekriegt. Lediglich die zwei-drei Rechten auf Twitter. Und ich, wie es scheint.

Sie werden sich wundern, was alles geht

Ich verstehe absolut, wie es zu dieser krassen Spaltung des Landes kommen konnte. Aber ich glaube, die meisten, die mit daran schuld sind, haben es nicht verstanden. Der unfaire Umgang mit der anderen Seite, die überkritischen Maßnahmen gegen alles, was nicht der eigenen Meinung entspricht. Der tendenziöse Journalismus, der Generalverdacht gegen alle, die nicht die Einheitsmeinung der "Linksliberalen" vertreten. Das alles wird weitergehen. 

Die Hoffnung auf die "verdiente Watschn", nach der sich das bessert, teile ich nicht. 2013 blieb die Regierung denkbarst knapp in ihrer Konstellation möglich, diesen Mai hätte es um ein Haar einen rechten Präsidenten gegeben - aber die Warnungen werden nicht genug sein. Ich glaube, die Menschen in der Bubble sind lernresistent. Und werden sich spätestens bei der nächsten Nationalratswahl wundern, was alles geht. 

 

 

Bild: "Spazieren in Wien" von Michael Gubl (Flickr