Veröffentlicht am 15.11.2017 1051 Aufrufe Share

Shadow Brokers: Größer als Snowden

Lest ihr manchmal auch Nachrichten und denkt euch: Why isn't this news? Natürlich nicht, weil sind ja Nachrichten. Aber größer. Warum diskutiert da nicht jeder drüber. Warum ist das nicht Thema. What the fuck, warum diskutieren wir über Nina Proll und Sigi Maurers Mittelfinger statt über den schlimmsten Leak gegen die NSA seit immer?

Nein? Ich schon. Und genau das ist passiert.

Wer das jetzt liest, ohne die Geschichte schon zu kennen, wird sich denken, dass sie ein bisschen zu spät kommt. Denn NSA und Leaks, da war doch was - 2013, als Edward Snowden der Weltöffentlichkeit das wahre Ausmaß der US-Überwachung mitteilte (und dafür bis heute mit seiner Freiheit bezahlt). Aber eigentlich wird diese Geschichte noch in den Schatten gestellt von dem, was erst kürzlich passiert ist.

Long story short: Es ist schlimmer als bei Snowden. Cyberwaffen der NSA wurden geleakt, so dass Feinde der USA sie verwenden können und sie definitiv in den falschen Händen sind. Gehen wir das Stück für Stück durch.

 

Schlimmer als bei Snowden: Edward Snowden hat 2013 mit seinen Leaks zwar wesentlich mehr öffentliche Aufmerksamkeit bekommen als diese Geschichte. Aber er hat nichts weitergegeben, als die Informationen an sich. In geleakten Dokumenten kamen Namen und Details verschiedener Überwachungsoperationen aus - nicht aber den Code, der dahintersteckt.

Cyberwaffen: Genau dieser Code wurde aber diesmal veröffentlicht. Von einer Gruppe namens Shadow Brokers. Wer genau hinter diesem Namen steckt, ist nicht bekannt. Und ob es sich um einen Hack oder einen Leak von innen handelt, ist auch nicht klar. Klar ist, dass die (vorerst als "Hackergruppe" bezeichnete) Shadow Brokers actual code der US-Überwacher veröffentlicht haben.

Feinde der USA: Veröffentlicht heißt, dass der Code kursiert. Gut, er ist nicht unbedingt für jedermann öffentlich - gerade auch wegen der mangelnden medialen Aufmerksamkeit, aber auch wegen den nicht ganz so bekannten und zugänglichen Channels, die die Hacker benutzen (ihre Ankündigung zum Beispiel wurde auf Steemit gepostet). Aber laut New York Times sind die besagten Codes und Cyberwaffen der NSA auch bereits im Besitz von Russland und Nordkorea.

Falsche Hände: Und ich seh schon den Einwand - die USA hätten es eh verdient, warum ist Spionage auf der einen Seite verwerflich und auf der anderen nicht, Russen-Bashing, bla bla. Aber es ist völlig egal, von wem man ausgeht. Wenn eine Hackergruppe Code der NSA leakt, kann man sicher sein, dass mindestens einer der neuen Besitzer dieses Codes zu den Bad Guys gehört. Das sind nicht nur Staaten, das sind auch private Hackergruppen. Und die sind nicht immer sehr freundlich.

 

So, why should I care?

Mal abgesehen davon, dass ich das "Ich habe nichts zu verbergen"-Argument schon ungefähr 100x öffentlich gekontert habe, ganz spezifisch auf die Geschichte gemünzt: Weil wir Opfer sein könnten. Wenn "Cyberwaffen", Code, der zu Spionage und Überwachung gedacht ist und eingesetzt wird, in die falschen Hände kommen, kann das jeden von uns treffen.

Unsere Metadaten - z. B., wen wir wann und wir lange anrufen, wo wir uns wann befinden, wann wir schlafen bzw. das Internet nicht benutzen - können jederzeit ausspioniert werden. (Es ist übrigens auch möglich, dass der österreichische Staat das tut.) Unsere Webcams können ohne unser Wissen eingeschaltet werden und uns aufzeichnen. Unsere Login-Daten für Social Media, Online-Banking und sonstige private Sachen können geklaut werden. Auch das ist Überwachung. Und auch, wenn es wie ein übertriebenes Horror-Szenario klingt - it's fucking real, and it's a problem.

Es ist mir wirklich unverständlich, dass die Geschichte nicht das Thema der Stunde ist. Mal ganz abgesehen von der weltpolitischen Relevanz, der Österreich quasi hilflos gegenübersteht, könnte man auch die Frage stellen, wie unsere Geheimdienste und Chefüberwacher eigentlich arbeiten, welche Methoden sie wann benutzen dürfen und wie sicher das eigentlich ist.

Wieder einmal bestätigt sich jedenfalls das große Argument gegen Überwachung: Sobald man die Instrumente schafft, um unbescholtene Bürger zu überwachen, schafft man auch die Möglichkeit, dass die Falschen diese Möglichkeit nutzen. Eine gut meinende Regierung schafft den Überwachungsstaat für ihre autoritären Nachfolger. Oder eine planlose Behörde liefert dem Rest der Welt Cyberwaffen. Why isn't this news.