Veröffentlicht am 15.04.2016 773 Aufrufe Share

Die Medialisierung des Wahlkampfes

Wahlkämpfe sorgen für Gesprächsstoff. Das ist immer so. Khol glaubt den Opfermythos, Hofer distanziert sich davon, Van der Bellen möchte Strache nicht angeloben und Griss weiß nicht, ob sie damals Waldheim gewählt hat. Alles Anekdoten in einer Reihe von Kurzmeldungen, die uns seit Jahresbeginn beschäftigt halten.

Mehr und mehr wird aber auch der Wahlkampf an sich Thema. Thomas Hofer hat einen vielbeachteten Beitrag im "Standard" geschrieben, in dem er sich über die "nie dagewesene Infantilisierung" des Wahlkampfes echauffiert. Dabei geht es ihm insbesondere um den "Eignungstest", die Zweierduelle, die auf Puls 4 stattfinden. Dabei mussten Lugner und Griss in einem durchaus unkonventionellen Format spontane Reden halten, ihr Englisch demonstrieren - und eben auch äthiopisches Essen essen. Hofer schreibt:

An anderer Stelle hat man Hymnen zu erraten oder festzuhalten, als welche Frucht man sich am ehesten sieht. Diese Frage wird, so die Rechtfertigung, normalen Jobbewerbern immer wieder gestellt. Na dann. Bei der ersten Elefantenrunde im TV müssen die hohen Tiere - hopphopp! - eine Frage auf Englisch beantworten. Und die Kandidatenschar darf den ganzen Hauptabend lang ein Täfelchen in die Kamera halten und auf durchaus komplexe Fragen simpel mit "Ja" oder "Nein" antworten. Auch hier regt sich über 90 Minuten lang kein Widerstand.

Generell finde ich es eher mutig, wenn man als Medium neue Sachen ausprobiert. Corinna Milborn, die Puls 4 Infochefin, darf sich auch den ganzen Wahlkampf über gute Quoten und viele junge Zuseher freuen - das ist in Zeiten allgemeiner Politikverdrossenheit nicht selbstverständlich. Die kulinarischen Ausflüge fand ich persönlich zu gewagt. Aber generell finde ich es löblich, die politischen Debatten auf eine unterhaltsame, greifbare, weniger trockene Ebene zu bringen. So werden auch die angesprochen, die eben nicht 24/7-Politikjunkies sind (so wie die, die solch unkonventionelle Methoden kritisieren). Kann man machen.

Hinter der Kritik am neuen Puls 4-Format steht aber generelle Skepsis gegenüber der zunehmenden Medialisierung von Politik. Wobei die in Österreich in meinen Augen noch gar nicht so fortgeschritten ist.

Nicht nur die österreichischen Medien wagen ungerne Neues und folgen ungern globalen Trends - auch die heimischen Politiker haben noch nicht ganz verstanden, wie man sich medial vermarktet. Zwar betreiben die Regierungsparteien unter Faymann und Mitterlehner fleißig "Symbolpolitik", um auch im Falle absoluter Inkompetenz immer als taff und aktiv rüberzukommen - aber die Vermarktung, das Image dazu fehlt völlig. So geht die Taktik völlig nach hinten los - nicht nur wahltaktisch, sondern auch realpolitisch. 

(Medialisierung heißt an sich aber nicht, dass die Politik schlecht sein muss - aber wenn nur noch ein Image zählt, das an der Wirkung vorbei geht, wird es schwer)

Auch die Medien gehen die globalen Trends in Richtung Politainment, Einbindung von Social Media und das Ausprobieren unkonventioneller Methoden generell eher zögerlich an. Puls 4 hat kürzlich damit begonnen, die besten Tweets (also natürlich auch meine) bei Politsendungen einzublenden und versucht nun bei Debatten was Neues - aber das amerikanische Format der Debatten ist noch mal eine ganz neue Stufe. In den amerikanischen Primary-Debatten hat ein Kandidat genau eine Minute Zeit, um eine Frage zu beantworten, und muss sich dafür in der Regel eine auswendig gelernte Rede zurechtlegen (etwas, worüber Marco Rubio übrigens sehenswert gestolpert ist). Auf Angriffe, von denen ausgegangen wird, kann man 30 Sekunden antworten. Das ist eine Art von Politainment, die man als demokratieschädlich diskutieren kann.

Im Übrigen ist Puls 4 nicht das einzige Medium, das im Wahlkampf auf weniger klassische Methoden setzt. Der "Kurier" stellte ""20 ungewöhnliche Fragen zur Hofburg-Wahl, "Mokant" macht einen Bewerbungsbogen und der ORF ließ im Format "2 im Gespräch" je zwei Kandidaten im 15-Minuten-Takt gegeneinander debattieren. Das geht weg von normalen Interviews und Pressekonferenzen, hin zu "benutzerfreundlichem" Inhalt. 

In Österreich ist das alles noch nicht so angekommen. Hierzulande gab es nach dem Rücktritt von Michael Spindelegger einen regelrechten Hype darum, dass sein Nachfolger Reinhold Mitterlehner einen tollen Verbindungsnamen hatte: "Django", wie aus dem Film, der damals noch halbwegs aktuell war. Das war für die österreichischen Verhältnisse schon eine gelungene Inszenierung angesichts eines farblosen Kanzlers mit fadem Regierungsteam. (Vorbild für alle Österreicher in Sachen Medialisierung muss sicher Jörg Haider sein, ungeachtet seiner Inhalte.)

Dass die österreichischen Politiker sich noch immer hauptsächlich durch Parteiprogramme und die üblichen Postenschacher-Geschichten definieren, ohne Wert auf viel Inszenierung zu legen, ist evident. Unter diesem Gesichtspunkt ist es leicht, mediale Methoden zu kritisieren, die genau das angreifen. Thomas Hofer hält hierzu fest:

Natürlich wäre es naiv zu glauben, dass Kandidaten heute nicht auch weiche Medienformate beherrschen müssen. Auch einmal seine lockere Seite durchblitzen zu lassen und nicht permanent todernst rüberzukommen, hat schon einen Sinn. Aber wo ist die Grenze? Hüpfen die potenziellen Staatsoberhäupter auch aus dem Dachfoyer der Hofburg, wenn die anderen so ihren politischen Mut unter Beweis stellen? Ist das dann die Leadership, nach der das Wahlvolk dürstet? 

Und nein, es ist natürlich nicht relevant, wie vornehm ein Bundespräsident äthiopisches Essen zu sich nehmen kann. Und irgendwo tun einem die Kandidaten auch leid - vor allem Irmgard Griss, die unseriöse Momente durch das schlechteste falsche Lächeln überspielen will. Allerdings tragen die Schuld an diesen unangenehmen Szenen im Fernsehen nicht nur die Journalisten - sondern auch Politiker, die einfach nie Wert darauf gelegt haben, ihre Inhalte ansprechend kommunizieren zu können. Als Beweis kann jede beliebige Nationalratsdebatte herhalten. 

Aber, und das ist der Punkt: Medialisierung an sich halte ich für nichts Schlechtes. Mittels Einbindung von Social Media und neuen Wegen werden auch junge Zielgruppen - die nicht schon in den 60ern mit Parteibüchern sozialisiert wurden - wieder erreichbar. Durch neue Methoden können Politiker und Medien dafür sorgen, dass sich der Normalbürger wieder für Politik interessiert, weil sie nicht mehr als zu kompliziert, akademisch, frustrierend oder abgehoben empfunden wird. Generell kann das einer Demokratie nur gut tun - gelegentliche Übertreibungen sind daher wohl eher Teil eines größeren Lernprozesses. Also hängen wir uns nicht zu sehr an den Dschungelcamp-Metaphern auf: Es geht in die richtige Richtung.

Titelbild (C) Silke Remmery