Veröffentlicht am 15.08.2016 1282 Aufrufe Share

Im Hinterhof des Internets

 Diese eher unkonventionelle Reportage entstand ursprünglich im Jänner 2016 für eine Uni-Lehrveranstaltung. Da das Thema Darknet aber mittlerweile auch im Mainstream diskutiert wird und ich in nächster Zeit noch etwas dazu schreiben werde, halte ich es für sinnvoll, sie zu veröffentlichen. Ein kleiner Erfahrungsbericht aus dem Deep Web:

Das Darknet ist ein Teil des Internets, der nicht für jeden zugänglich ist. Nur mit technischen Voraussetzungen kommt man rein - und findet sich im Hinterhof des Internets wieder. Dort, wo jeder anonym ist. Und dort, wo kein Recht gelten mag. 

Im Jahr 2011, als der Hype um die digitale Währung Bitcoin das erste Mal in den Medien ankam, stolperte ich eher durch Zufall über das Darknet. In diesem benutzerunfreundlichen Teil des Internets konnte man angeblich einige dubiose Services in Anspruch nehmen. Aber ich hielt das für einen Scherz. Einen ausführlich durchdachten Scherz.

2013 wurde der Inhaber des Darknet-Drogenportals Silk Road vom FBI festgenommen - und die Nachfolgeportale schossen nur so aus dem Boden. Heute ist das Darknet ein Sammelbecken für dubiose Märkte und Services aller Art - und für all jene, die sie brauchen. Ich will wissen, ob das alles übertrieben ist.

Schutzmaßnahmen

Nachdem das Darknet schon mehrere prominente Kriminalfälle hat, scheint es angemessen, sich vor einem erneuten Besuch zu schützen. Denn die User des Darknets sind irgendwo zwischen Computerbegabten, Hackern und echten Cyber-Kriminellen. Das schreit nach Sicherheitsmaßnahmen.

Ich starte also einen virtuellen Computer - mit dem Programm Virtual Box lässt sich ein Computer mit Gratis-Betriebssystemen simulieren. Ich benutze Tails, das auf Linux aufbaut und auf Privatsphäre ausgelegt ist. In diesem virtuellen PC benutze ich den Tor Browser - ein Browser, der über das gleichnamige Netzwerk Tor meine IP-Adresse und somit meine Identität verschleiert. Einen Virenschutz brauche ich dank alternativem Betriebssystem nicht. Und selbst, wenn mir jemand Schaden zufügen könnte - er würde nur den virtuellen Computer infizieren. Nichts weist auf mein echtes Gerät hin.

Die Startseite des Darknet

Wenn man im Darknet landet, wird man zuerst vollkommen allein gelassen. Die Startseite des Tor Browser ist eine leere Seite, die sich wenig von normalen Anbietern wie dem Internet Explorer oder Firefox unterscheidet. Man kann dieselben Websites ansurfen, auf denen man sonst landet. Aber um auf die "geheimen" Teile des Internets zu kommen, muss man zuerst die Links kennen, die man braucht. Und die sehen nicht wie gewohnt aus - statt news.at surft man zum Beispiel auf uhwikih256ynt57t.onion.

Wenn man diesen Onion - im Darknet enden alle Links mit dieser Domain - im Tor Browser eingibt, öffnet sich das Hidden Wiki (allerdings nicht immer, da Links im Darknet schnell wechseln). "Welcome to the Uncensored Hidden Wiki - The Front Page of the Deep Web!". Im Wikipedia-ähnlichen Stil findet man Artikel des Tages und Kategorien - von Filesharing über Bitcoin-Händler bis zu Porno- und Drogenbörsen. Es gibt sogar eine Liste aller Drogenmärkte im Darknet.

Ohne weitere Wertung gibt das Hidden Wiki eine Übersicht über mehrere Drogenmärkte. Sie liest sich wie eine Einkaufsliste - schlicht und selbstverständlich. Vom Design her weist nichts darauf hin, dass mit illegalen Waren gelagert wird - aber die Titel, die Beschreibung und sonst alles andere schon. Der Name Silk Road 3 springt mir sofort ins Auge - scheinbar hat sich jemand bemüht, in die Fußstapfen des ersten und größten Darknet-Drogenhändlers zu steigen. Momentan ist die Seite aber offline, genau wie andere einladende Namen Drugs 4 You und Dark Heroes.

Noch nie war Drogenhandel so einfach

Erst der Link zur East India Company führt mich zu einer existierenden Onion-Page. Ein schlichtes Login-Fenster - man muss einen Account anlegen, um sich umschauen zu können. Gar nicht dumm in einem so prekären Geschäft. Nachdem ich mich vergewissert habe, dass die Anmeldung mit keinerlei Persönlichkeitsangaben oder gar Kosten verbunden ist, melde ich mich an. 

Die Suchfunktion der East India Company ist sehr detailliert. Ich kann beispielsweise vor der Suche auswählen, nach was ich suche: Von Cannabis über Disassoziativa (wie z. B. Ketamin), von Steroiden bis zu psychedelischen Drogen und Opioiden (wie z. B. Heroin). Man kann auch schnell einstellen, woher und wohin die Droge geliefert werden soll. Die Sucheinstellung "Drogen aus der Europäischen Union, lieferbar nach Österreich" spuckt 974 Ergebnisse aus. Das am besten bewertete Produkt nennt sich "Ak 47" - Spice, das grammweise aus Deutschland versandt wird. Spice ist eine Mischung aus mehreren Cannabinoiden, die eine berauschende Wirkung hervorruft. In Österreich und Deutschland ist die Droge seit 2009 verboten. 

Der Händler nennt sich TheHeissenberg - eine Anspielung auf die Serie Breaking Bad, die von einem Drogenimperium handelt. In der Beschreibung zum Produkt - Aufbau und Design der East India Company erinnern stark an Amazon - beschreibt TheHeissenberg, wie die Sendung erfolgt und in welchem Format man ihm die Adresse zuschicken soll. Die Ware werde innerhalb von 48 Stunden verschickt und komme, wenn es nach den anonymen Bewertungen geht, innerhalb von maximal vierzehn Tagen überall in der Europäischen Union an. Die Kunden sind zufrieden - von gut 900 Bewertungen sind nur drei negativ. 

Alles, was man braucht

Über PGP -eine besonders sichere Verschlüsselungsmethode - schreibe ich TheHeissenberg. Ich gebe mich unter einem falschen Nicknamen als Journalist zu erkennen, der auch ohne persönliche Details gerne mehr über ihn erfahren würde. Ist TheHeissenberg der Breaking Bad-Figur Walter White ähnlich? Ein älterer Mann, der Geld braucht? Oder ist es ein Junger, der sein Studium finanziert? Ist TheHeissenberg männlich oder weiblich? Fragen kostet nichts, ich schicke die Nachricht ab. Einen Tag später ist die Seite der East India Company offline und aus dem Hidden Wiki verschwunden.

Dafür ist Silk Road 3 wieder da. Ein Login-Fenster ohne jegliche Werbung oder Erklärung fordert zur Anmeldung auf. Der Name Silk Road scheint für sich zu sprechen. Verständlich, stand der Name früher für eine Art illegales Amazon, das weltweit funktionierte - und zwar nicht so eingeschränkt wie die heutigen Seiten, die weniger benutzerfreundlich sind und mehr oder weniger regelmäßig offline gehen.

Die Suchfunktion von Silk Road scheint noch erneuert werden zu müssen - die Filter funktionieren nicht, es wird immer das gleiche afghanische Marihuana empfohlen. Aber die Filterliste lässt darauf schließen, dass es neben Drogen auch digitale Produkte wie Software oder gehackte Accounts zu kaufen gibt. Das Hidden Wiki weist auf eigene Hacker-Services hin, die für ein paar Bitcoins angeblich soziale Netzwerke knacken können.

Auch auf anderen Portalen gibt es mehr als nur Drogen. Unter dem Titel Rent A Hacker bietet ein angeblicher Experte seinen Service an und schreibt explizit, dass er Unternehmen und Menschenleben ruinieren kann. Auf dem anonymen Facebook-Klon Blackbook wechseln sich Nacktfotos von Ex-Freundinnen mit IS-Propaganda ab. Mit EuroGuns kann man "unbenutzte" Waffen durch ganz Europa schicken lassen. Und über ein Silk Road-Imitat namens Green Road bekommt man neben Drogen auch Kreditkarten, ausländische Pässe und Prepaid-Handys. Alles Dinge, die potentielle Verbrecher oder Terroristen brauchen können. Oder aber nur die anonymen Drogenkonsumenten oder Freiheitsliebenden in irgendwelchen Ecken der Welt.

Umgang mit dem Darknet

TheHeissenberg hat immer noch nicht geantwortet. Generell wollen die meisten Anbieter irgendwelcher Services nicht mit mir sprechen, solange ich nichts kaufen will. Selbst, wenn ich bluffe - da ich keine Bitcoins besitze, könnte ich mit dem Darknet wenig anfangen. So bleibt man sich - bis auf anonyme Postings auf Blackbook - weitgehend fremd und steht jedem anderen User skeptisch gegenüber. Auf den sozialen Netzwerken des Darknets betonen die Leute lediglich, dass ihnen staatliche Verbote nicht gefallen - und Überwachung erst recht nicht. 

Rund 2,5 Millionen Menschen nutzen jeden Tag den Tor Browser und das Darknet. Das sind nicht nur Drogensüchtige, sondern auch Menschenrechtsaktivisten und Regimekritiker in Staaten wie China, in denen das Internet zensiert wird. In der Tat weist das Hidden Wiki auch auf zahlreiche Blogs und "Ethical Hacking"-Communities hin. Neben dem Drogengeschäft und der Propaganda von Verbrechern finden sich auch Spendenaufrufe für "die gute Sache" und Menschen, die Whistleblowern bei ihrer Flucht helfen wollen. 

In diesem Hinterhof des Internets findet man also nicht nur böse Menschen im rechtsfreien Raum. Nicht nur für die Aktivisten, sondern für jeden, der in Zeiten des NSA-Skandals und des Staatsschutzgesetzes in Österreich anonym bleiben will, bietet das Darknet die Möglichkeit, unerkannt zu bleiben. Dass das auch für illegale Zwecke eingesetzt wird, war absehbar - immerhin ist auch das "echte" Internet nicht frei von Verbrechern. So dubios die Geschehnisse in diesem Cyberspace auch sind - hinter ihnen steht neben kriminellen Absichten vor allem auch die Forderung nach einem freien, unregulierten Internet ohne Überwachung. Angesichts aktueller Debatten scheint es also, als würde das Darknet seine großen Zeiten noch vor sich haben.

 

Bild (C) Daniel Duende Cluracan (, kommerzielle Nutzung und Änderung erlaubt)  Flickr

P. S.: Zwei Tage nachdem diese Reportage abgegeben wurde, funktionierte meine virtuelle Maschine nicht mehr.