Veröffentlicht am 11.03.2017 1855 Aufrufe Share

Ich bin Feminist

Eigentlich wollte ich am Weltfrauentag einen Text schreiben. Und habe mich dazu entschlossen, das nicht zu tun. Mittlerweile habe ich gelernt, dass man auch für die noch so gemäßigte Aussage jemanden findet, der davon offended ist. Und dass man dafür auf den Deckel kriegt. Heute aber habe ich allerdings wieder realisiert, dass mir das egal sein kann. Zeit also, das Schweigen zu brechen.

"Das Schweigen zu brechen". Ihr werdet ahnen, dass hier ein furchtbar sexistischer Meninist-Text von jemandem kommt, der sich selbst als Feminist bezeichnen würde. Somit eine Trigger-Warnung: Hier könnten durchaus Inhalte vorkommen, die jemanden aufregen könnten und sicher auf irgendeiner Ebene furchtbar verwerflich sind.

Warum ich genau ein Sexist sein soll, habe ich bei einer Diskussion mit Feministinnen gelernt. Auf der Feier einer (ebenfalls feministischen) Freundin wurde ich quasi zum Streit animiert, und fragte, was denn der Anlass sei. Mein moderiertes Streitgespräch zwischen Universitätsprofessorin Birgit Sauer und zwei Feminismuskritikern war der Anlass - es sei aus mehreren Gründen unglaublich falsch und habe meine Gesprächspartnerinnen aufgeregt. Diesen Teil der Geschichte können wir allerdings überspringen.

Ein Dialog mit Feministinnen

Was wichtig ist, ist das Gespräch, das danach folgte. Als ich ein Wort nicht gegendert hatte, fügte meine Gesprächspartnerin ein "Innen" an das Wort an. "Ich gendere nicht", erwiderte ich. Warum nicht? Weil für mich Gleichberechtigung etwas absolut Selbstverständliches ist und immer war - zumindest, bis ich von der feministischen Bewegung daran erinnert wurde, dass der Unterschied zwischen den Geschlechtern scheinbar extrem ist.

Ob ich beim Wort "Arzt" an eine Frau denke, fragten sie. Und ja, das tue ich wirklich, da alle Ärzte in meinem Leben nun mal weiblich, also Ärztinnen waren. Nie hätte ich den Gedanken gehabt, dass es eine Profession gäbe, die nur Männer ausführen könnten. Da das für mich eine absolut abwegige Vorstellung ist und ich nicht glaube, dass ich mich selbst zur Gleichberechtigung erziehen muss, gendere ich nicht.

Ob ich bei "Pilot" an eine Frau denke, war die nächste Frage. Nein, denke ich zugegebenermaßen nicht. Aber das ist auch nicht wichtig. Denn egal ob Arzt oder ob Pilot - wichtig ist mir, dass eine Person den Job macht. Das Flugzeug wird von einem Menschen geflogen, und meine Gesundheit ist bei einer fachlich qualifizierten Person sicher. Die Kategorie "Geschlecht" denke ich im Alltag nicht mit. Es könnte mir nicht egaler sein, wer das Flugzeug fliegt.

White-cis-male = wrong

Damit endete das Gespräch. Dass ich Geschlecht nicht mitdenke, das konnten sie nicht glauben und nicht ernst nehmen. Und natürlich ist mir das Geschlecht von gewissen Personen bewusst - wobei, ich "assume" es natürlich. Es nimmt aber einfach keinen Stellenwert für mich ein. Und ob mir das jemand glaubt, kann mir eigentlich wurscht sein. Ich wurde jedenfalls gebeten, zu gehen.

Das ist ein Problem. Denn dort, wo ich eigentlich gerne weiterdiskutiert hätte - auch, weil ich ernsthaft an der Diskussion meiner doch eher radikalen Gesprächspartner interessiert war - wurde der Dialog abgebrochen. Ich wurde noch auf mein Privilege hingewiesen, ein weißer Cis-Mann zu sein, und dann als Sexist bezeichnet. Und was ich für ein Sexist sei, weil ich aus den eben genannten Gründen nicht gendere. Gegenargumente kamen also nicht mehr.

Symptomatisch für den Feminismus

Versteht mich nicht falsch, ich kann damit umgehen. Dass Leute meiner politischen Meinung nicht zustimmen, ist legitim und nichts Neues, und auch der eher ignorante Umgang damit stört mich eigentlich wenig. Man muss sich nicht aus der Diskussion zurückziehen, weil einem widersprochen wird. Aber genau das scheinen manche Vertreter des Feminismus anders zu sehen.

Was hier passiert ist, ist eigentlich symptomatisch für den öffentlichen Diskurs um Gendering und Feminismus generell. Wer eine "falsche Meinung" hat, wird nicht ernst genommen. Und dabei wird auf Identity Politics zurückgegriffen. Wenn ein Mann mir nicht zustimmt, ist er ein Sexist. Wenn ein weißer Cis-Mann etwas sagt, dann ist er privilegiert. Wenn widersprochen wird, ist das nicht legitim. Und mit den "falschen Menschen" darf man nicht diskutieren.

Was bedeutet das für den Feminismus?

Es bedeutet, dass eine große Menge an Leuten - vor allem Männer - vom Diskurs sehr leicht ausgeschlossen werden. Ich bin der Meinung, dass ich meinen Standpunkt höflich argumentiert habe, und trotzdem wurde ich im Endeffekt als Sexist abgestempelt und die Diskussion abgebrochen. Ich kann mit sowas umgehen. Aber was macht das mit Männern, die nicht Politikwissenschaft studieren, sich nicht mit Feministen umgeben und völlig baff sind, dass man sie wegen (subjektiv) absolut gemäßigter Aussagen als Sexisten bezeichnet?

Die Konsequenz ist klar: Nämlich, dass sich Männer umso mehr vom Feminismus abwenden. Dabei sind Männer logische Verbündete für die Bewegung des Feminismus - denn nur, wenn auch Männer die Benachteiligungen von Frauen dort einsehen, wo sie wirklich spürbar sind, kann die Gesellschaft sich verändern. Frauen echauffieren sich am Frauentag darüber, dass nur Frauen sich melden. Fragt euch mal, warum.

Das Verweigern des Diskurses

Das soll gar kein Rant darüber sein, dass Männer eine furchtbar benachteiligte Gruppe sind. Im Gegenteil - ich sehe durchaus ein, dass es sich als weißer, heterosexueller Mann gut leben lässt. Ich glaube, relativ reflektiert damit umzugehen und sehe mich - auch, wenn das viele Vertreter anders sehen - absolut als Feministen. Gleichberechtigung ist mir ein sehr wichtiges Anliegen und es käme mir nie in den Sinn, jemanden aufgrund seiner Hautfarbe, seines Geschlechts oder sonst einer Kategorie anders zu beurteilen.

Viel mehr möchte ich sagen, dass der Feminismus durch solch engstirniges Verweigern des Diskurses und das Abstempeln von gewissen Leuten aufgrund ihres Geschlechtes - "Er ist ein weißer Mann, also ist er ein Sexist" - sich selbst das Leben schwermacht. Man schließt dabei Meinungen aus, die für den Feminismus eigentlich brauchbar wären. Man schließt Leute aus, die sich sicher auch hinter die Message der Gleichberechtigung von Männern und Frauen stellen. Und man reinforced die Dichotomie zwischen Männern und Frauen, die der Feminismus so sehr abschaffen möchte.

Mir ist das nicht egal

Mein Leben lang habe ich geglaubt, Männer und Frauen seien gleich. Bis ich an die Uni kam, wo mir gesagt wurde, dass Frauen unterdrückt würden und ich ein Sexist sei. Auf diese Weise bleibt Feminismus das Anliegen einer exklusiven Gruppe - nämlich höher gebildeten Frauen. Wegen solchen Praktiken glauben Frauen, dass sie keinen Feminismus brauchen. Wegen solchen Praktiken glauben Männer, dass Feminismus männerfeindlich sei. Und wegen solchen Praktiken existiert der Begriff "Feminazi".

Ich will mich nicht damit abfinden, als white-cis-male keine Meinung haben zu dürfen. Ich möchte auch öffentlich sagen, dass dieses sich-verschließen gegen andere Meinungen innerhalb des Feminismus eine strategisch furchtbar unkluge Sache ist. Und auch, wenn ich noch so oft für absolut Selbstverständliches gehaut werde: Ich will nicht, dass die Bewegung sich selbst so kaputt macht.

Dass wir auch offen mit denen diskutieren, die nicht genau unsere Meinung vertreten, ist mir wichtig. Denn auch ich bin Feminist.


Bild: Democracy Chronicles: Celebrates Women in Technology (Flickr) (Lizenz: CC BY 2.0)