Veröffentlicht am 07.01.2017 1429 Aufrufe Share

Hört auf, jeden Troll ernst zu nehmen

Wenn mein Blog einen anderen Namen als meinen hätte, müsste er wohl "Geschichten von Twitter" heißen. Nicht nur, weil ich meine Nachrichten hauptsächlich über Social Media reinbekomme. Sondern auch, weil mich diese Parallelgesellschaft dort oft auf Gedanken und Textideen bringt.

Warum "Parallelgesellschaft", werdet ihr euch jetzt fragen. Nicht etwa, weil auf Twitter nur furchtbare Menschen sind und sie extreme Ansichten vertreten. Aber in Österreich wird Twitter vor allem von Journalisten, Politikern und allen sonstigen relevanten Akteuren vertreten. Und diese vertreten im Durchschnitt eben andere Meinungen als der Durchschnitt der Bevölkerung.

Die Grünen hätten auf Twitter vermutlich eine Mehrheit, wenn man die Politiker selbst wegnimmt. Viele - auch Journalisten - bezeichnen sich dort selbst als entweder links oder "linksliberal", was immer das sein soll. Auch, wenn es einige sehr laute Rechte auf Twitter gibt - der Nationalratsabgeordnete Marcus Franz, einige Politiker der FPÖ und die Identitären gehören dazu -, eigentlich ist die österreichische Twitteria doch ziemlich links.

Das muss einen nicht aufregen. Ich hab gewisse Reizwörter schon blockiert - zum Beispiel, wenn jemand über "Maskus" twittert -, und muss auch sonst nicht jede unschöne Meinung kommentieren. Komisch wird's, wenn mich etwas nicht aufregt, sondern mir Sorgen bereitet. Zum Beispiel die Geschichte mit Sara Hassan.

Long story short: Sara Hassan ist eine Journalistin, die jetzt im Büro des grünen Europaabgeordneten Michel Reimon arbeitet. Ab und zu schreibt sie noch, und das eigentlich auch ganz gut. Nach der Racial Profiling-Diskussion zum Thema Köln hat sie an ihre mehr als 6000 Follower etwas eigentlich sehr Kluges und Normales getwittert:


Und diese Aussage wird man in der Regel okay finden. Gerade auf Twitter. Aber einige - nämlich die weniger prominenten Accounts - fanden das nicht so okay. Und fingen an, Hassan für diese und ähnliche Tweets zu beleidigen. Gerade Linke und gerade Frauen haben auf Twitter mehr Probleme damit als andere. Also keine lustige Sache.

Dennoch: Es waren nur Beleidigungen. Und natürlich teilt Hassan auch die Reaktionen auf ihren Tweet - so, wie ich und viele andere Journalisten das auch machen. Das sieht dann so aus:


Da ist nichts dabei. Und es geht noch einige Zeit so weiter. Das ist nicht vergleichbar mit dem, was zum Beispiel mir bei meinen Mini-Shitstorms passiert. Viele, vor allem aus Deutschland stammende Accounts, die wenige Follower haben, halten auf Twitter gezielt Ausschau nach "provokanten" Meldungen von Linken (Frauen), um diese dann zu flamen. Gegen Ende der Geschichte teilt Hassan dann diesen Tweet:


Und das kommt mir komisch vor. Wann ist aus "Haters gonna hate" ein "Das ist einfach so falsch" geworden? Da twittern Leute auch "Solidarität" mit ihr - gegen ein paar verdammte Trolle. Wie weit konnte es kommen, dass Menschen ernsthaft wegen lächerlichen Meldungen von anonymen Twitter-Eiern auf die Idee kommen, sich von Social Media zurückzuziehen? Das kommt mir mehr wie die letzte South Park-Staffel vor als etwas, das tatsächlich passieren könnte.

Vielleicht unterschätze ich einfach, was so viel Hate psychisch mit einem macht. Ich selbst rege mich auch in Texten über die kleineren Geschichten auf. Und ich sehe auch das Problem, dass das Internet teilweise ein Sammelbecken für Hass und strafrechtlich relevante Äußerungen geworden ist. Es kann also sein, dass ich echt einfach alles kleinrede und das ein riesiges Problem ist. Und generell ist es das ja auch - die Mord- und Vergewaltigungsdrohungen, die auf Social Media sekündlich gepostet werden, sind einfach was für das Strafgesetz, wurscht, ob die Polizei das dann lächerlich findet.

Aber Beleidigungen? Beleidigungen von Fremden aus dem Internet, die mit einem Klick blockiert sind? Die man - gerade, wenn man schon so viele Follower hat - gar nicht lesen oder ernst nehmen muss? Auch ich ignoriere schon Replies. Mit 6000 muss man sich doch nicht auf das Niveau jedes 3-Follower-Trolls hinabbegeben.

Vielleicht ist dieses Safe-Space-Ding zu weit gegangen. Auch Hassan ist schon so weit, dass sie Leute blockt, die ihrer Meinung widersprechen. Und damit meine ich nicht Trolle oder Beleidiger, sondern Menschen, die widersprechen. Viele machen das. Und Hassan ist auch sicher nicht die Einzige, die andenkt, mit Social Media aufzuhören, weil Fremde sie beleidigen.

Mein kurzes Plädoyer ist also erstens: Lasst euch nicht unterkriegen. Es ist völlig egal, was irgendwelche Trolle im Internet schreiben. Und zweitens, und das ist weniger sensibel: Hört auf, jeden Scheiß so nahe an euch ranzulassen. Ja, Menschen drücken sich ungut aus und haben andere Meinungen. Ihr müsst nicht eure Leben danach ausrichten und nicht wegen jedem unguten Tweet nach Solidarität fragen. Es passt schon. Es ist nur Twitter. Haters. Gonna. Hate.


Übrigens: In der Sache hat Hassan meiner Meinung nach recht. Das ändert halt nichts daran, dass ich ihre Reaktion so bedenklich finde. Die Richtigen werden sich wohl trotzdem wieder angegriffen fühlen. Wen der Kontext der Diskussion interessiert: Im "Standard" ist ihr Text zum Thema Racial Profiling zu finden.


P. S.: Wie erwartet hat dieser Artikel nicht sehr freundliche Reaktionen hervorgerufen. Aus einem Tweet, den ich zum selben Thema, aber wegen eines anderen Anlasses verfasst habe, bin ich auf einmal ein Sexist und verharmlose sowieso alles. Das kann man hier nachlesen. Was aber wichtig ist: Anscheinend habe ich übersehen, dass Hassan im selben Thread, von dem dieser Artikel handelt, auch Drohungen geschickt bekam. Auch, wenn es im Artikel eh schon drin steht, dass das was Anderes ist: Selbstverständlich beziehe ich mich hier auf Beleidigungen. Drohungen sind absolut nicht lustig und ich versteh selber ganz gut, wieso einen sowas fertig macht. Insofern entschuldige ich mich dafür, das übersehen zu haben.