Veröffentlicht am 07.09.2016 1493 Aufrufe Share

Gleiches mit Gleichem?

Ich mache zu oft den Fehler, mich auf die Kommentare unter Boulevard-Artikeln einzulassen. Nicht nur auf den Seiten selbst, sondern vor allem auf Social Media. Dass die Wutbürger und Rechten die Kommentarleisten der "Heute" oder "Österreich" übernommen haben, ist keine neue Information. Die meisten schauen da allerdings weg, sparen sich das Fremdschämen und Diskutieren.

Wenn ich den Fehler mache, dann diskutiere ich auch meistens nicht mit. Versuchen, jemanden in seiner eigenen Filter Bubble mit Argumenten zu erreichen - und zwar, während alle anderen aus dieser Bubble zusehen - scheint mir nicht mehr so zielführend oder befriedigend wie früher. Heute beobachte ich eher, was für geistigen Dünnschiss manche unter ihrem echten Namen produzieren. Maximal gebe ich den halbwegs klugen Gegenreden einen Like.

Ein Argument, das immer wieder unter den niveaulosen Diskussionen der Kommentarleisten auftaucht, geht ungefähr so: "Na wenn wir das bei denen machen würden!" Das bezieht sich meist auf Staaten, aus denen Flüchtlinge kommen - also Syrien, Irak, Afghanistan, Iran oder immer öfter auch die Türkei. Auch unter meinem Beitrag auf Fisch+Fleisch zum Thema Kinderehe gab es solche Kommentare.

(ich verzichte übrigens in diesem Fall auf die Zensur der Namen. Was man mit Klarnamen ins Internet stellt, ist quasi dafür gemacht, dass andere es sehen können. Und da die Personen hier keine Aussagen tätigen, die irgendwie extrem sind, dürfte das auch für sie okay sein.)

Das Argument hinkt aber gewaltig. Es suggeriert, dass man Gleiches mit Gleichem vergelten muss. Und zwar immer. Wenn Österreicher in Saudi-Arabien keine religiösen Freiheiten haben, dann dürfen sie auch keine bei uns haben. Oft wird das sogar noch weiter gestreckt, um ärgere Maßnahmen zu legitimieren. Beim IS würden Österreicher gefoltert werden, also könne man sich ruhig auch im Umgang mit Flüchtlingen was Brutales überlegen. Eine sehr kaputte Vorstellung von "Gerechtigkeit".

Politik sollte sich nicht daran orientieren, was die anderen machen - sondern daran, was richtig ist. Saudi-Arabien ist quasi der IS, nur akzeptierter. Das heißt aber nicht, dass wir es den Saudis "heimzahlen" müssen. Wenn wir die Politik von Erdogan und Co. scheiße finden, sollten wir sie nicht übernehmen und Türken in Österreich das Demonstrieren verbieten. Das gilt für viele Verbote, die so manche gerne fordern.

 

Bild: Stefan Schett (Screenshots von "The Guardian", "Die Welt", "Kurier", "Die Presse")