Veröffentlicht am 11.04.2017 999 Aufrufe Share

Feuer mit Feuer

Es ist selten, was sich in den letzten Tagen zugetragen hat: Donald Trump hat etwas richtig gemacht.  Wobei ein objektives "Richtig" keine politische Kategorie ist. Eher: Auch die europäischen Intellektuellen, die Trump sonst eher verachten und als aktivistisches Zeichen alte Tweets von ihm ausgraben, finden seine Handlungen ausnahmsweise nicht furchtbar.

Das hat einen Grund: Man kommt hier schnell zu dem Schluss, dass sinnlose Handlungen unter "etwas tun" fallen. Aber der Reihe nach.

Was ist passiert? Als Reaktion auf die Giftgas-Attacke in Syrien, die einen (erneuten) weltweiten Aufschrei verursacht hat, ließ Donald Trump Raketen auf das Assad-Regime abwerfen. 59 Tomahawk-Raketen ließ der US-Präsident auf jene Basis abwerfen, von der aus die Kampfjets der syrischen Giftgas-Angreifer abheben.

"Donald Trump bekommt daher von mir für seinen Raketenschlag gegen die Assad-Bombenjets volle Sympathie", sagt einer Law-and-Order-Medienmensch Wolfgang Fellner, viele Qualitätsjournalisten beschränken sich auf das Berichten von Fakten. Das ist nicht verwerflich, sondern löblich. Aber es ist im Vergleich doch sehr ruhig. Gut, manchmal wurde auf die völkerrechtswidrige Lage hingewiesen, aber von diktatorischem Verhalten war diesmal keine Rede. Aber warum?

Vermutlich, weil es verständlich ist.

Das neue, alte Syrien-Trauma

Die Bilder aus Syrien sind schockierend. Und das seit 2011. Mit dem Einsatz von Giftgas, der international geächtet wird und ein Verbrechen gegen die Menschheit, gegen das Anerkennen anderer als Menschen an sich ist ... es geht einem nahe. Die Bilder des Vaters, der seine beiden Kinder nach dem Einsatz von Sarin in den Armen hält, lässt hoffentlich niemanden kalt.


Und trotzdem ist Syrien nur mehr eine Randnotiz. Auch die interessierteren politischen Beobachter lassen sich nur noch darauf ein, wo und wie viele Menschen gestorben sind. Das Warum aber wird kaum mehr hinterfragt. Der syrische Bürgerkrieg ist längst zum Hintergrundrauschen geworden, das unterdrückt wird, während wir von "sicheren Herkunftsländern" und "Die müssen ihr Land wieder aufbauen" sprechen.

Sarin ist aber eine der schlimmsten Todesursachen. Sarin-Gas blockt die Rezeptoren des Nervensystems, die gebraucht werden, um Muskeln zu entspannen. Das bedeutet, dass die, die damit attackiert werden, ihre Muskeln an-, aber nicht mehr entspannen können. Das klingt zuerst nur unangenehm, aber es bezieht sich auch auf das Körperinnere. Einatmen, aber nicht ausatmen. Menschen ersticken mit einer Lunge voller Luft.

Es ist ein verständlicher Reflex, Assad aufhalten zu wollen

Darum war auch die Genugtuung so groß, als Trump "endlich" reagierte. Ralph Janik, ein Assistent der Abteilung für Völkerrecht und Internationale Beziehungen an der Uni Wien (von dem übrigens auch oben schon ein Beitrag verlinkt ist), schreibt dabei vom "Etwas muss getan werden"-Prinzip.

Die USA sehen sich immer noch als Weltpolizei, haben aber keine langfristige Vision für den Syrien-Konflikt. Ich teile diese Einstellung im Großen und Ganzen. Das wird auch dadurch untermauert, dass rund 90 Prozent derer, die durch US-Drohnen sterben, nicht beabsichtigte Opfer sind. "Etwas muss getan werden". Aber das macht alles schlimmer.

Das ist aber leider schwer zu erklären. Wie bringt man jemandem bei, dass das Angreifen der Bad Guys, die seit Jahren ihr eigenes Volk abschlachten und die solches Leid erzeugen, etwas Schlechtes ist und langfristig nichts bringt?

"Für jeden unschuldigen Zivilisten, der getötet wird und Hinterbliebene hat, entstehen potentiell fünf oder zehn neue Terroristen."

Die kurze Antwort ist: Weil Krieg zu mehr Krieg führt. Das ist eine recht abgelutschte Phrase, aber leider trifft sie zu. Und zwar auf jeder Seite.

Eine Rede von Marco Rubio, der 2016 gegen Donald Trump angetreten war, wurde kurz nach den Giftgas-Angriffen bekannt. Darin begründet er das Eingreifen der USA damit, dass sich jene, die ihre Familien und Freunde verlieren, jedem anschließen, der die Waffen und die Leute hat, um sich an den Tätern zu rächen. Das ist sicher richtig: Der IS rekrutiert sich weniger aus europäischen Vollidioten als aus dem Hass gegen Assad.



Insofern plädiert er natürlich für einen Eingriff gegen Assad. Dass allerdings wieder Bomben und Raketen fliegen, wieder Unschuldige in die Schusslinie kommen und das Letzte, was sie noch haben, verlieren, wird allerdings in der Diskussion ausgeblendet. Für jeden unschuldigen Zivilisten, der getötet wird und Hinterbliebene hat, entstehen potentiell fünf oder zehn neue Terroristen. Und es ist egal, wer ihn warum getötet hat.

Es gibt keine einfache Lösung

Das alles ist natürlich keine befriedigende Lösung. Die Moral gebietet es, möchte man sagen, den Konflikt zu beenden. Auch in einem Europa, das sich langsam an die Anschläge gewöhnt, will man die bösen Jungs besser gestern als heute tot sehen und das Problem gerne auch mit Gewalt lösen. Das Schwierige ist, dass das so nicht funktioniert.

Es gibt wenige Möglichkeiten "wir" als der Westen tun können. Hilfe vor Ort unterstützen, das wäre eine Möglichkeit. Das Schaffen sicherer Korridore für die verbliebenen Zivilisten wäre notwendig, aber ist angesichts der momentanen Unmöglichkeit einer Entscheidungsfindung - egal, ob in der EU oder im UN-Sicherheitsrat - leider Utopie. Militärisches Eingreifen wiederum wird oft alles nur schlimmer machen.

Sad thing is: Es wird nicht der letzte Giftgas-Angriff gewesen sein. Und bis wir eine langfristige Lösung gefunden haben - eine der schwersten Herausforderungen unserer Zeit - gilt es, daran zu erinnern, dass es immer noch um unschuldige Menschenleben geht. Luftschläge sind in niemandes Interesse. Wir müssen uns etwas Anderes überlegen.