Veröffentlicht am 25.06.2016 1236 Aufrufe Share

Farewell

Mein absoluter Super-GAU ist also eingetreten. Das Vereinigte Königreich ist aus der EU ausgetreten. Zwar nur mit hauchdünnem Vorsprung und mit einigen Proteststimmen, die "gar nicht so gemeint" waren - aber es gilt. Mein Herz weint um Großbritannien und seine EU-Mitgliedschaft.

Als 1993er-Jahrgang bin ich mit Europa groß geworden. Den Jugoslawien-Krieg bekam ich nicht ansatzweise mit, aber von den Jugos in der Hauptschule habe ich schon mitbekommen, dass da was war. Den Schilling kenne ich nur noch flüchtig, aber ich erinnere mich genau an die Sonderausgabe des "Lustigen Taschenbuchs" mit den Euro-Scheinen. Grenzkontrollen? Gibt's nicht für mich.

Ich fürchte, dass der Gedanke der Europäischen Union heute ein Stück weit kaputt gemacht wurde. Der Brexit ist ein irreparabler Schaden am Projekt Europa. Ich vermeide Pessimismus normalerweise, aber: Ich glaube, das war der Anfang vom Ende. Ein paar Einschätzungen dazu, wie es jetzt weitergeht.

Not That Bad Britain

In erster Linie tut's mir leid für das Vereinigte Königreich. Denn mit dem Votum haben sie zwar auch der Europäischen Union geschadet, aber vor allem sich selbst. Noch am Tag der Ergebnisverkündung kündigte Nicola Sturgeon an, Schottland habe sich für Europa ausgesprochen. Die nordirische Partei Sinn Fein wiederum will die irische Grenze neu definiert wissen - auch die Nordiren haben mehrheitlich für Remain gestimmt. London, Schottland, Nordirland, die Jungen: Nicht jeder steht hinter der umstrittenen Entscheidung des Austritts.

Früher oder später werden sich Schottland und Nordirland wohl abspalten, das Vereinigte Königreich wird zerfallen. Der Plan der Austrittsbefürworter - allen voran Nigel Farage -, dass das Commonwealth wieder aufersteht und die guten alten Zeiten wiederkommen, wird nicht aufgehen. Viel eher werden sie sich wohl in erbärmlichen Kleinstaaten aus frühen Zeiten wiederfinden. Little England statt Great Britain. Es ist echt schade drum.

Endlich ist er weg.

Gar nicht schade ist es allerdings um David Cameron. Und dieser Teil ist es eigentlich, warum ich das hier auf meinem Blog veröffentliche. Ich rage einfach viel zu sehr, wenn es um David Cameron geht.

Wer nicht weiß, wer David Cameron ist: Stellt euch einen Briten aus hochwohlgeborener Familie vor, dem alles in den Schoß gelegt wird, auf eine Eliteuni geht und dort zwar gute Noten hat, aber doch ein ziemliches Arschloch ist. Und jetzt stellt euch vor, dieses Arschloch wird Premierminister des UK und versucht, mit Gossip Girl-Taktiken die Weltpolitik zu lenken. Das ist David Cameron.

Dass es das Referendum überhaupt erst gab, verdanken wir der Absoluten von Cameron, die wiederum der miserablen Performance der Liberal Democrats geschuldet ist. Im Endeffekt glaubte Cameron, die Schlacht im Vorhinein schon gewonnen zu haben, seine Macht in der Partei gegen die Brexiteers zu untermauern und als Großer in die Geschichte einzugehen. Jetzt ersetzt ihn Boris Johnson - eine Mischung aus Jeanée und Donald Trump. Ganz toll gemacht, Cameron. No one will miss you.

Das Europa der Rechten

Nicht nur, dass die jungen Briten jetzt ausbaden müssen, was die Alten beschlossen haben - auch auf dem Kontinent wird's jetzt rundgehen. Die Rechten, denen ich vor Kurzem beim "Patriotischen Frühling" dabei zuhören konnte, wie sie ihren Fans ihr Europa erklären, planen schon ähnliche Aktionen. Geert Wilders von der niederländischen PVV forderte sofort ein Austrittsreferendum. Marine Le Pen freut sich auf den freien Weg zur Präsidentin 2017. Heinz-Christian Strache wirkt schon fast moderat im Vergleich - er will nicht aus der EU austreten, sondern nur den "Zentralismus" loswerden.

Der Brexit bietet den Rechten jetzt einen Präzedenzfall. Das, was vorher "Schaut's wie gut's der Schweiz geht" war, ist jetzt: "Die Briten haben's auch getan". Egal, wie schwer die wirtschaftlichen Folgen für Großbritannien werden - gerade die Stammtisch-Rechten und Kommentartrolle ignorieren faktische Argumente gerne -, es wird ihnen auf jeden Fall als Argumentationsgrundlage dienen. Zurück zum Schilling, aber hopp, dann sind wir alle gleich 13-mal reicher!

2013 all over again

Apropos dumme, populistische Argumente: Es ist wie bei der Wehrpflicht-Debatte 2013. Diffuse Ängste, die teilweise einfach offensichtlich nicht stimmen, wurden lanciert, um der konservativen, greisen Mehrheit eines europäischen Landes eine Lösung schmackhaft zu machen, die die Jugend ausbaden muss. Dass die Rettung nicht mehr kommt, wenn man den Zivildienst abschafft, war gelogen. Und trotzdem müssen junge Männer sechs bis neun Monate ihres Lebens vergeuden.

Europa wird nicht nur von konservativen Wapplern und Würschteln regiert. Schlimmer noch: Diese werden gewählt von konservativen Wapplern und Würschteln. Ich kann nicht genug essen, um genug zu kotzen für diese "Gute alte Zeit"-Politik, die in Europa wiederauflebt. Die europäische Jugend muss ohnehin schon den Saustall aufräumen, den die vorherigen Generationen uns hinterlassen haben. Sie lassen uns nicht in ihre Unternehmen, sie hinterlassen uns miserabel geführte Staaten und sie geben auch noch uns die Schuld dafür. Und dann treffen sie am Ende ihres Lebens noch schnell Entscheidungen, die uns absolut gegen den Strich gehen. Danke für Nichts, Euromas- und opas.

Es wird wieder keine Antwort geben

Und das ist das, was mich fast am meisten nervt (neben dem Alte Menschen-Ding). Die Europäische Union hat zugesehen, wie eine Weltmacht sich von ihr verabschiedet - und die Antwort wird ein more of the same sein. Die EU wird nach wie vor dafür bekannt sein, Dinge zu standardisieren, die man nicht unbedingt standardisieren muss, aber das halt nett meinen und keinem damit weh tun. Was sie aber nicht tun wird: Eine koordinierte Lösung für die Flüchtlingskrise finden. Oder generell eine Mehrheit für für europaweite Reformen und Pläne zusammenbringen.

Selbstverständlich: Daran sind die Nationalstaaten schuld. Das EU-Parlament arbeitet zusammen und oft auch gegen nationale Klubzwänge, die EU-Kommission ist zumindest engagiert. Aber Europa ist nun mal ein Zwitter aus Föderation und Konföderation - raus kommt im Endeffekt nichts Brauchbares. 

Ob sich die Zukunft in Richtung gemeinsame europäische Politik oder in Richtung "Nationalstaaten, die ab und zu mal miteinander reden" geht, wurde uns mit dem Brexit abgenommen. Der Schneeball kommt ins Rollen. Und so schwer es mir als Europäer auch fällt, das zu sagen: Ich glaube, das war's.