Veröffentlicht am 06.05.2018 858 Aufrufe Share

Eine Insel, weit weg von der echten Welt

Als Powi-Student sieht man sich ja mit einigen Vorurteilen konfrontiert. Einige davon kann man selbst auch bestätigen und vermutlich ist man gar nicht so unbeteiligt daran, dass es sie gibt.

Ein sehr dominantes Vorurteil gegenüber Politikwissenschaftlern der Uni Wien ist, dass es unmöglich ist, ein sinnvolles Gespräch mit ihnen zu führen. Nicht nur, weil man halt in einem sehr politisch korrekten Milieu ist, in dem sehr differenziert gesprochen wird und schnell mal der Satz "Das kann man so nicht sagen" kommt. Sondern weil Politikwissenschaftler - vermutlich Geisteswissenschaftler generell - Konstruktivisten sind. Und Konstruktivismus kann nerven.

Das wurde mir auch neulich in einem Seminar zu Politischer Theorie bestätigt. Politische Theorie-Seminare sind die Art von Seminar, in der eigentlich nichts Relevantes besprochen wird, und am Ende weiß man gar nicht so viel mehr, aber man fühlt sich sehr viel schlauer als vorher. In diesem ging es unter anderem um "Postfundamentalismus" - die Annahme, dass die festen Fundamente der Gesellschaft (Religion, feste politische Ideologien usw.) wegbrechen. Ihr könnt euch vorstellen, wie konkret die Gespräche waren.

Postfundamentalismus und Diskussionen an der Uni Wien

Der These, dass diese Fundamente von früher weg sind, kann ich viel abgewinnen. Wobei ich ja nicht selbst dabei war, als es sie noch gab. Ich glaube, 1993, nach dem Kalten Krieg und ab Stefan Schett, war dieses "Entweder du bist Kapitalist, oder du bist Kommunist" schon im Aufbrechen, und das wird auch in etwa die Zeit gewesen sein, in der die Religionen unwichtiger wurden. (Ausnahme ist hier natürlich der Islam - die einzige Religion, die von ihren Anhängern noch immer todernst genommen wird. Vermutlich haben die Leute deswegen auch so große Angst vor ihr.)

Ganz sicher wurde ich mir der Tatsache des fehlenden Fundaments jedenfalls gegen Ende unseres Seminars, als die Leiterin uns nochmal Diskussionsfragen zum allgemeinen Verständnis der Inhalte stellte. Ich weiß nicht genau, wann die Debatte so eskalierte, aber am Ende sagte ein Studienkollege jedenfalls sinngemäß:

Es sei kein Problem, wenn ein totalitäres Regime wiederkomme. Immerhin könne er ja unmöglich wissen, ob dieses Regime nicht recht hat und "gut" sei. Dass er selbst als Homosexueller dann sehr schnell eine Meinung dazu haben sollte, verneinte er - vielleicht würde ja danach etwas Besseres kommen, und da sei es ja dreist so zu tun, als kenne man die "Wahrheit".

Gut, der Studienkollege war ein bisschen ein Troll. Das ist die Art von Mensch, an der irgendwann jedes Gespräch scheitert. Ein anderer Kollege, der eh auch schon auf sehr abstraktem Level diskutieren konnte, ein theorie-interessierter Marxist, meinte dann (fast schon angriffig): "Nein, natürlich gibt es Wahrheit! Wenn dein Herz aufhört, zu schlagen, bist du tot!"

Und was sagte der Troll-Konstruktivist? Natürlich: Nein. Denn das Herz sei ja nicht objektiv "da", sondern es sei nur so, weil ihm die Menschen eine Bedeutung zuschreiben. Das mag ein lustiges Gedankenspiel sein, wenn man Foucault usw. längst durchgespielt hat - aber für eine sinnvolle Debatte ist das eben wirklich nicht förderlich.

Konstruktivismus ist keine politische Strategie

Jetzt ist das nicht das erste Mal, dass so etwas an der Powi vorkommt und das Vorurteil gegen uns ist sicher nicht unbegründet. Ich habe meinen Nicht-Powi-Freunden auch schon Diskussionen versaut, indem ich einfach quasi-objektive Tatsachen geleugnet habe. Mittlerweile bin ich allerdings nicht nur zu dem Schluss gekommen, dass es nicht bringt - das war ja noch irgendwie offensichtlich. Ich glaube auch, dass das eine gefährliche Position ist, die Wirklichkeit an sich zu leugnen. "Problematisch", würde man an der Powi sagen.

Im Laufe des Seminars diskutierten wir - wie immer an der Powi eher durch die linke Brille -, ob der Postfundamentalismus denn eine Stärke oder eine Schwäche sei. Stärke oder Schwäche im Sinne von "Können wir diese Position halten, um gegen die Rechten (und Neoliberalen) in die politische Arena zu treten?" - Und auch, wenn ich mich in der Arena woanders befinde, würde ich sagen: Nein.

Ein hoher Grad an Differenzierung - oder Differenzierungsbereitschaft - ist in der Politik nicht unbedingt ein Asset. Nicht nur führt es dazu, dass du deine Ansichten schwer unter die Leute bringen kannst (weil sie nicht mehr in Soundbites passen), man verfällt auch schnell irgendwelchen wahnsinnigen Vorstellungen. Irgendwelchen Hot Takes, mit denen man jetzt raus muss, weil man sich so oberg'scheit fühlt. So wie die eine Grüne mit ihrem Hot Take zur Innsbrucker Gemeinderatswahl:


Andere machen sich's einfacher. Zum Beispiel Populisten, die als tendenziell inhaltsleere Politiker in die Arena steigen und sich die einfachen Antworten rauspicken, die gerade passen. Das müssen übrigens keine Rechten sein - anderswo in Europa gibt es die Linkspopulisten, die statt gegen Ausländer einfach gegen "die da oben", "das Kapital", manchmal auch immer noch "die Juden" sind. Das ist undifferenziert, Blödsinn und gesellschaftlich hochgefährlich - aber es funktioniert. Blödsinn ist eine valide politische Strategie. "Dem Herz muss man erstmal eine Bedeutung zuschreiben" nicht.

Das ist zumindest meine Beobachtung, oder meine Analyse, zu dem, was in der akademischen linken Bubble diskutiert wird. Das haben wir natürlich auch so angesprochen - auch an der Uni ist man sich großteils bewusst, dass man in einer Bubble ist. Komischerweise scheint das viele gar nicht so sehr zu stören. Manche scheinen es sogar so sehr zu genießen, dass allein die Rückbesinnung darauf, dass man eh alles besser weiß und dass der Rest der Gesellschaft einfach falsch liege, als Ergebnis zu reichen scheint. Egal, was da draußen in der echten Welt passiert.

Die Bubble verliert gegen die Lust auf einfache Antworten

Das ist wohl generell ein historisches Problem der Linken - oder eben der Wissenschaft, kommt drauf an aus welcher Linse man das Phänomen betrachten will. Viele der besten, interessantesten politischen Denkweisen kamen von dezidiert Linken - und wurden oft auch mit dem Hintergedanken formuliert, dass eine Theorie linke Politik unterstützen könnte. Das findet man z. B. in der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule ganz deutlich, was wenige bestreiten würden.

Problematisch ist aber, dass diese Theorien so kompliziert, so schwer geschrieben und so. arg. differenziert sind, dass es schwer ist, sie zu vermitteln. Und in der politischen Arena interessiert sich keiner dafür, was du in deinem Powi-Doktorat gelernt hast. Da wollen normale Menschen normale Antworten von dir. Und dann kommt die Linke drauf, dass niemand sich Gedanken darüber gemacht hat, wie man das denn auf Deutsch sagt, worauf man hinauswill.

Vermutlich gewinnen deswegen vor allem die Rechten dazu. Die müssen sich nicht mit komplizierten Antworten herumschlagen. (Wobei manche sich zumindest anschicken, das zu tun - der Identitären-Chef Martin Sellner zitiert auch linke Theoretiker, er reframed sie ganz einfach.) Und vermutlich ist die Linke auch deswegen so am Boden, weil sie im Konflikt zwischen denen gefangen ist, die absolut keine Ambition mehr haben (das Werner Faymann-Lager, könnte man sagen) und denen, die so arg in ihren theoretischen Denkgebäuden gefangen sind, dass sie beim Wähler nicht mehr ankommen. (Das Sigi Maurer-Lager? Keine Ahnung, wer dafür das beste Beispiel ist.)

Eine Insel, weit weg von der echten Welt

Das muss einen natürlich gar nicht stören. Wer nicht links ist, kann das sogar gut finden. Allerdings ist dieses Phänomen, dass aus den theoretischen Blasen nichts in die "echte Welt" zurückkommt, insofern schade, als es Veränderung bremst. Wenn die einen ihre Vision nicht mal mehr aussprechen können, dann siegt der Status Quo.

Es ist schade, dass die Politische Theorie so weit weg vom echten Leben ist, dass das zwei getrennte Welten zu sein scheinen. So gehe ich aus dem Postfundamentalismus-Seminar und alles, was ich bekomme, sind 9 ECTS - aber keiner der Teilnehmer wird damit die Welt verändern. Es reicht, sie besser zu verstehen. Und es reicht, wenn wir mit diesem Wissen vollkommen allein auf einer Insel sitzen - weit weg von dem, was in der echten Welt abgeht.