Veröffentlicht am 05.01.2018 708 Aufrufe Share

Der stille Konsens

Wer mich kennt, weiß, dass ich gern streite. Also, nicht im Sinne von ernsthaften Streits, nach denen man eine Zeit lang nichts miteinander zu tun hat. Sondern streiten im Sinne von Meinungsverschiedenheiten, die man ruhig mal offensiv und polemisch austragen sollte. Ich trenne da strikt zwischen Person und Meinung - gute Menschen können Arschloch-Meinungen haben, und umgekehrt.

Ab und zu kommt es aber auch mir sinnlos vor, zu streiten. Heute zum Beispiel. Wenn mir wieder auffällt, dass die meisten Meinungsverschiedenheiten eigentlich keine sind. Sondern nur sehr umständliches gegenseitiges Bestätigen.

Was ich damit meine, ist: Mir kommt vor, dass bei vielen Themen - komischerweise vor allem bei denen, die scheinbar am meisten polarisieren - eigentlich Konsens herrscht. Und alle Streitparteien streiten nicht wirklich darum, was die "richtige Meinung" ist, sondern nur noch darum, wer sie vertreten darf.

Beispiel Asyl? Hier streiten die Menschen immerhin am meisten. Und trotzdem gibt es ganz viele Aussagen, die wohl ein großer Teil der Gesellschaft mit Ja beantworten würde. Zum Beispiel, dass man denen, die in Not sind, helfen soll. Das beantworten auch viele mit Ja, die aus Angst vor Terrorismus durch eingewanderte Flüchtlinge die FPÖ gewählt haben. Oder die Aussage, dass wir "nicht jeden aufnehmen können". Ja, guess what - nobody said so.

Der stille Konsens beim Thema Asyl dürfte also in etwa so lauten: Ja, wir sollten Flüchtlingen helfen. Dabei müssen wir aber aufpassen, dass wir es schaffen, sie in die Gesellschaft zu integrieren. Und Österreich alleine kann nicht allen helfen.

Welche Forderungen man daraus ableitet, das ist ganz unterschiedlich. Die Linke drängt stärker auf die faire Verteilung der Flüchtlinge auf ganz Europa - etwas, das übrigens nur noch die wenigsten Österreicher für realistisch halten. Die Rechten drängen wiederum eher darauf, dass der Sozialstaat nicht zu sehr belastet wird. (Viele, weil sie glauben, Österreich habe "genug getan.") Beide aber teilen denselben stillen Konsens - aber der ist außer Frage, über die Gemeinsamkeiten wird nicht mehr gesprochen. Das zeigt sich auch bei anderen Themen. 

Thema Rauchen zum Beispiel. Das merke ich selbst. Nach meinem Artikel darüber, warum das Rauchverbot umgesetzt gehört und die Argumente der Gegenseite vorgeschoben sind, merke ich, dass viele nicht mehr mit mir über das Thema reden wollen. Dabei teile auch ich dabei den stillen Konsens, den vermutlich die ganze Gesellschaft - oder zumindest ein Großteil davon - hat. Nämlich: Wer will, soll rauchen können. Die Frage ist nur noch, unter welchen Umständen. (Die Antwort ist: Dort, wo du mich nicht mit krebserregendem Gestank belästigst, danke.)

Thema Sozialstaat: Wir wollen, dass Armen geholfen wird. Aber wie? Was ist "fair?" Wer soll für welche Beihilfe anspruchsberechtigt sein? Sind Geldleistungen überhaupt zielführend, oder sollte der Staat lieber Sachleistungen ausgeben? Wir streiten darüber. Aber alle haben dasselbe Ziel: Gerechtigkeit. Wir reden nur noch über die Feinheiten. Und Politik besteht oft aus solchen Feinheiten.

Andere Beispiele gefällig? Österreich muss sich verteidigen können. Das ist Konsens, die Frage ist nur, ob mit oder ohne Wehrpflicht. Privatisierung der Bahn? Streitthema, aber das Ziel, dass alle eine möglichst leistbare Möglichkeit zum Zugfahren haben, ist Konsens. Und das ist fast überall so. You get the point.

Was ich daraus lerne - und auch nur recht langsam, weil ich das Streiten ja eigentlich gerne hab - ist, dass ich prinzipiell erstmal Gemeinsamkeiten mit anderen suche. Auch mit fundamental anderen Meinungen kann ich gut diskutieren.

Mit einem Old School-Kommunisten habe ich einmal stundenlang diskutiert, bis wir uns einig waren, dass wir wirklich ein grundsätzlich anderes Menschenbild haben und sich die Diskussion nicht sinnvoll fortsetzen lässt. Das ist der Ausnahmefall. Mit den meisten findet man verbindende Ziele, die quasi die ganze Gesellschaft teilt. Aber dahinzukommen, ist nicht leicht, solange jeder meint, es gäbe nur zwei Positionen - Gut und Böse.

Meine These ist, dass wir eigentlich einen recht großen Konsens in Österreich haben, was die wichtigen Themen angeht. Aber nicht mehr viele sehen ihn. Das könnte auch ein Grund dafür sein, dass die jetzige Regierung es ins Amt geschafft hat. Oder dass andere bei der Wahl abgestürzt sind. Vielleicht sollten wir uns alle darauf konzentrieren, was wir gemeinsam haben, wenn wir das nächste Mal mit jemandem streiten, den wir für jemanden mit Arschloch-Meinung haben. Vielleicht ist er ja gar nicht sooo weit weg.