Veröffentlicht am 08.03.2017 1033 Aufrufe Share

Der Fluch der Vergangenheit

Osteuropa ist ein schwieriges Territorium. In der Wissenschaft gibt es eine Debatte darüber, wo es beginnt, wo es aufhört und wodurch sich die Region auszeichnet. Denn "Osteuropa" klingt nicht gut, wird mit wirtschaftlicher Rückständigkeit verbunden. Und daher beginnt Osteuropa im Zweifelsfall einfach an der eigenen Ostgrenze.

Philip Longworth hat 1993 ein Buch zu der Frage der Entstehung Osteuropas veröffentlicht. Und dabei stellte er fest, dass die neuzeitliche "Ost-West-Grenze" in Europa fast genau auf die Linie fällt, die einst die Ostgrenze des Reiches von Karl dem Großen ausmachte. Sie wird von Elbe und Leitha markiert und geht bis auf das Jahr 324 zurück. Osteuropa sei das Produkt einer sehr langen historischen Entwicklung, heißt es bei Longworth.

Warum schreibe ich über Osteuropa? Weil mich eine Vorlesung dazu auf interessante Gedanken gebracht hat. Dieter Segert, der seit Jahrzehnten ein Experte für die Region und selbst in der DDR aufgewachsen ist, bringt seine eigenen Gedanken zu Ergebnissen wie von Longworth ein. Und seine Kritik ist interessant.

Auf den Folien der Vorlesung lese ich die Frage, ob der "Fluch der Geschichte" wirklich so stark festlege, wie Politik noch Jahrhunderte später funktioniere. Segert meint nicht, dass das so ist. In der Vorlesung betonte er, dass die junge Generation es in der Hand hat, die politischen Verhältnisse zu ändern, und das auch tun soll.

Später wiederum spricht Segert davon, dass die Jugend ja nicht alleine alles verändern könne. Man muss schon "Koalitionen suchen", um etwas zu verändern. Heißt, die Jungen müssen mit den Alten zusammenarbeiten.

Es fühlte sich irgendwie an wie eine politische Diskussion in der Schulzeit.

Tendenziell bin ich auch dafür, dass wir frei sind. Dass wir keine Sklaven unserer Umstände sind und alles, was wir tun, bei uns selbst liegt. Zumindest im Einzelnen lebe ich danach. Aber "die Gesellschaft" ist komplizierter. Denn "die Gesellschaft" macht Politik über Wahlen. "Die Gesellschaft" kontrolliert, was gut und was schlecht ist, über Kultur. Und "die Gesellschaft" hat - und das ist jetzt quasi die Arbeitshypothese - auch Zwänge, die man nicht abschaffen kann.

Gerne würde die Jugend alles verändern. Ich glaube, die wenigsten Schüler, Studenten, Lehrlinge und junge Erwachsene generell sind zufrieden mit der politischen Situation in Österreich oder der Welt. Einige haben ein Problem mit dem Kapitalismus, andere mit der Regierung, und ein paar haben "das System" satt, ohne es genau benennen zu können. Man spürt einfach, dass Politik nichts ist, das so funktioniert, wie es funktionieren sollte. Ich glaube, jede jugendliche Generation kennt das.

Doch selbst, wenn sich die Jugend in der durch Individualisierung ausdifferenzierten Gesellschaft auf eine Vision einigen könnte - es gäbe keine Revolution. Denn auf der anderen Seite stehen die Alten. Jene, die ihre Weltverbesserungsabsichten und Visionen bereits für schmierige Kompromisse weggeworfen haben. Die, die in der "Koalition der Generationen" schon einmal den Mut und die Energie fürs Neue verloren haben und nun selber die Positionen verteidigen, die sie früher bekämpfen wollten.

So manifestiert sich Kultur. Die Jungen kämpfen dagegen, scheitern am Widerstand der Alten und werden irgendwann selbst konservativ. Gerade die aktuelle Alterspyramide und Gesellschaftsstruktur zwingt einen einfach, das Alte zu übernehmen oder sich ihm zumindest nicht zu widersetzen. Es erinnert an den "Weil das immer schon so war"-Sager von Michael Spindelegger in der Wehrpflicht-Debatte.

Österreich ist ein Hochsteuerland und Steuern sind etwas Gutes. Österreich braucht die föderale Struktur, weil Föderalismus gut ist. Österreich kann dies nicht, kann das nicht. Mir sann mir, und mir woan a scho imma so.

Und bei dieser Überlegung, die mich seit dieser Vorstellung beschäftigt, bin ich auf zwei Dinge gekommen:

1. Ich habe mich selbst mit diesem verlorenen Generationenkonflikt abgefunden.

2. Wenn einem das bewusst wird, fühlt man sich wieder wie 16.

Denn mit 16 wollte ich mich nicht damit abfinden, dass irgendetwas irgendwie zu sein hat. Das Privileg der Jugend ist es, eigene Forderungen aufzustellen und sie als absolut richtig und notwendig in den Raum zu stellen. Ohne "Das muss man differenzierter sehen", ohne "Aber man muss schon auch sehen, dass". Beim ersten Mal politisch sein erscheint einem die Welt noch so herrlich veränderbar, man hat die Hoffnung auf eine bessere Zukunft für alle.

Und jetzt merke ich - auch, wenn ich mich dadurch vermutlich wie ein sentimentaler Typ in seiner Midlife-Crisis anhöre - ... dass ich das verloren habe.

Politik ist nichts Schönes mehr für mich. Politik ist ein schmutziges Geschäft. Politik ist nicht das Aufstellen von Forderungen mit Begründungen, die Sinn ergeben. Politik ist, wenn man sich gegenseitig die eigenen Anliegen abkauft, um einen beschissenen Deal auszuhandeln.

Politik ist, wenn man Schottland nicht in die EU bitten darf, weil Spanien seine eigene Sezessionsbewegung nicht stärken will.

Politik ist, wenn der US-Präsident von Medien kritisiert wird, weil er mit Taiwan telefoniert und aus Respekt vor China nicht mit Taiwan telefonieren darf.

Politik ist, wenn der Finanzminister einen stabilen Haushalt fordert, beide Regierungsparteien ihre Forderungen vorlegen, die Hälfte davon auf Pump bezahlt wird und jeder halb gewinnt.

Politik ist, wenn der erste Bundeskanzler, den man aktiv erlebt, keine politische Vision hat.

Und Politik ist, wenn einem keine politische Reform einfallen mag, die zur eigenen Lebenszeit das Leben vieler Menschen grundsätzlich verbessert hat.

Ich bin alt geworden, kann man sagen. Ich habe mich gedanklich schon damit abgefunden, dass die Alten die Wahlen entscheiden und immer dieselben Leute an der Macht bleiben. Nicht genau dieselben Leute - aber dieselbe Art von Mensch. Politik ist nichts, womit sich irgendetwas zum Positiven verändern ließe. Es ist ein Gladiatorenkampf, ein Spiel mit der Macht, bei dem ab und zu für die ein oder andere Gruppe ein paar Peanuts rausschauen.

Das echte Leben spielt sich abseits von der Politik ab. In den Sphären, die der Staat noch nicht besteuert und reguliert, und in der man von der Politik noch einigermaßen in Ruhe gelassen wird. Nur ab und zu, wenn man sich bei anderen in dieser Misere über die eigenen politisch erzeugten Missstände unterhält, flammt kurz die latente Wut darüber auf. Die meiste Zeit aber gibt man sich zufrieden. Es könnte schlimmer sein, weil Trump ist so arg und Le Pen könnte kommen.

Früher war alles besser. Früher, als man die Welt noch für veränderbar hielt. Und sich nicht mit den Zwängen der Vergangenheit, dem ewigen Sieg des Alten und den ewig gleichen kulturell geprägten Kleinigkeiten abgefunden hat. Ich bin Osteuropa 2017, aber es ist im Wesentlichen dasselbe wie Osteuropa 324. Und ich habe nicht mehr das Gefühl, etwas verändern zu können. Egal ob Journalismus oder doch etwas Anderes - ich kann nur hoffen, dass dieses Feuer, das ich mit 16 Jahren noch hatte, irgendwann wieder aufflammt.

Wie mit 16, als ich zu "Architects" von Rise Against durch die Salzburger Straßen gezogen bin, um zu streiken. Als ich die Welt für veränderbar und die Revolution für nötig gehalten habe. Das alles wurde immer weniger und weniger radikal - bis auch ich irgendwann so zu reden anfing, dass "das alles seinen Grund habe" und "man das differenzierter sehen muss". Das ist nicht falsch. Es ist, wie es ist. Der Fluch der Vergangenheit.