Veröffentlicht am 24.04.2016 2258 Aufrufe Share

"Das sind doch alles Idioten"

 

Eigentlich ist es zu früh für eine erste Analyse.

Eigentlich war der Tag heute dafür viel zu lang. Ich bin seit irgendwann in der Früh auf, hab eine Reportage gemacht, hatte ein Seminar und war bei Puls 4. Da war ich unter sehr interessanten Leuten - die halbe Twitteria Österreichs wurde eingeladen, um die Wahl zu analysieren und fürs Fernsehen zu twittern. Unter einer bunten Menge, u. a. aus Hanna Herbst, Stefan Petzner, Rudi Fußi, Michel Reimon und anderen Namedropping-Kandidaten, war's wirklich spannend, den Wahlabend "unter Informierten" zu verfolgen.

Nach dem Ergebnis ist Twitter explodiert. Und auch bei Puls 4 war es plötzlich ziemlich still. Viele starrten gebannt auf den Bildschirm, legten das Handy weg und mussten sich kurz fassen, als sie die 37 Prozent von Norbert Hofer in der Hochrechnung sahen. Nur einer schien sich zu freuen.

Aber da die politische Szene das ja gewohnt ist - Wahlergebnisse, die einem nicht gefallen zu kommentieren - ging es schnell wieder und in den Werbepausen diskutierte man, als könnte man die riesige Mehrheit für einen blauen Kandidaten so leicht verdauen. Wählerwille ist Wählerwille. Muss man nicht mögen.

Als ich nach Hause kam, war ich fertig mit der Welt. Nicht nur wegen meiner persönlichen Meinung zum Wahlergebnis, sondern weil ich einfach einen harten Tag hatte. (Und ja, mir gefällt das Wahlergebnis auch nicht. Man sollte als Journalist nicht sagen, was man wählt, aber so viel sei an dieser Stelle mal verraten.) Ich dachte, ich könnte morgen meine Gedanken ordnen und gegen Ende der Woche eine Einschätzung geben.

Aber dann hab ich Facebook geöffnet.

Aber dann hab ich euren dummen Bullshit auf Facebook gesehen.

Und schnell gelernt: Alle wollen auswandern. Scheinbar hat die Mehrheit meiner Facebook-Freunde nur darauf gewartet, dass Norbert Hofer ihnen einen Grund gibt, Österreich zu verlassen. Sie alle sind bereit, ein Land zu verlassen, weil ihnen der mutmaßliche Bundespräsident - nicht mal eine Regierung, nicht mal ein fixer Bundespräsident, sondern ein mutmaßlicher - nicht gefällt. Lustig. Die meisten davon hatte ich eigentlich als solche eingeschätzt, die zwei Stunden im Jahr politisch sind und eigentlich keine Ahnung haben.

Aber die Schnellschüsse ließen nicht auf sich warten. Nicht nur auswandern wollen alle. Auch demonstrieren. Noch bevor die Sendung vorbei war, twitterte die ÖH Uni Wien einen Aufruf zur Demonstration gegen Norbert Hofer - gegen einen Typen, der gerade mit immensem Abstand die erste Wahl gewonnen hatte.

Und am allerschlimmsten sind die Deppen-Postings. Boah, 40 Prozent Idioten in diesem Land.

Auch ich lese die Wahltagsbefragungen. Auch ich weiß, dass statistisch gesehen jene die FPÖ wählen, die nur einen Hauptschulabschluss oder eine Lehre gemacht haben. Und dass Menschen mit Universitätsabschluss nur selten blau sind. In meinem persönlichen Umfeld bestätigt sich ebenfalls so manches Klischee, dass FPÖ-Wähler eher unreflektiert Meinungen übernehmen und politische Diskussionen meiden. Aber mal ehrlich: Ist das eure beste Taktik?

Vor Kurzem habe ich einen Beitrag über die Dämonisierung des Norbert Hofer geschrieben. Dafür hab ich einiges auf den Deckel bekommen - ist ja klar, ich nehm einen bösen, bösen Rechten in Schutz. Eigentlich wollte ich nur für ein bisschen weniger abwertende Fragen und einen fairen Prozess plädieren. Und argumentieren, dass ihm dieses Suchen nach Gründen, ihn nicht zu wählen, eher helfen wird. Und heute, nun ja ... ich hab's euch ja gesagt.

Und ihr spielt euer Spiel weiter. Jetzt ist nicht nur Hofer literally Hitler - jetzt sind auch noch 37 Prozent der Wähler "blöd genug", auf ihn hereinzufallen. Und sowieso alles Nazis. Diese beleidigte Trotzreaktion mag zwar für den ersten Moment beruhigen - aber ist das wirklich euer bester Plan gegen die Rechten?

Was soll das? Glaubt ihr wirklich, wenn ihr einem FPÖ-Wähler sagt, dass sein Verhalten dumm ist, wird er seine Meinung ändern? Und wenn wir schon davon ausgehen: Ändern dumme Menschen jemals ihre Meinung, wenn man sie mit ihrer Dummheit konfrontiert?  

Niemand ist der böse in seiner Geschichte. Auch, wenn Norbert Hofer ohne Zweifel ideologisch mit Strache gleichzusetzen ist und den rechten Rand der FPÖ repräsentiert, können wir das nicht einfach als den Fehler einer dummen Minderheit - die mittlerweile sogar die Mehrheit stellen könnte -, abstempeln. Hinter einer Wahl für Hofer stehen unzählige Motive, die nichts mit Neonazismus zu tun haben: Unzufriedenheit mit der Bundesregierung, Protest, Sorgen um die eigene Sicherheit, Parteitreue zur FPÖ oder die Tatsache, dass er der einzig halbwegs junge Kandidat ist, sind nur einige davon.

Wenn ihr das nächste Mal schreibt, dass die Hofer-Wähler alle Idioten und Nazis sind, denkt daran, wen ihr damit vielleicht meinen könntet. Tendenziell haben die meisten von euch plötzlichen Auswanderern eine Oma, die im Fernsehen sieht, dass eine riesige Zahl an Flüchtlingen kommt, und die davor Angst hat. Oder eine schlecht verdienende Mutter, die sich sozial benachteiligt fühlt und das Gefühl hat, nur die FPÖ könne ihr dabei helfen. Natürlich gibt es auch Rassisten unter den FPÖ-Wählern - ich glaube auch, dass die Freiheitlichen die Anlaufstelle für Neonazis und Fremdenfeinde in Österreich sind. Aber es sind doch mehr. Es sind 35 Prozent der Bevölkerung.

Wenn ihr mit dem Wahlergebnis unzufrieden seid, dann haut nicht auf die FPÖ-Wähler hin. Haut auf die FPÖ selbst hin, die rassistische Einzelfälle salonfähig macht. Haut auf die Bundesregierung hin, die ihr das durchgehen lässt und längst ihre Politik übernommen hat. Haut auf Bundeskanzler Werner Faymann hin, weil er es einfach nicht zusammenbringt, dass seine Leute Reformen zustande bringen. Oder haut auf die Linken hin, die sich in Österreich (abgesehen von den Grünen?) nicht organisiert haben und den Rechten nichts mehr entgegensetzen.

Wer das, was heute passiert ist, alleine auf die Dummheit anderer Menschen schiebt, hat nichts verstanden. Aber die meisten davon werden ohnehin morgen wieder ihr unpolitisches Leben leben und in zwei Monaten vergessen haben, wer Norbert Hofer eigentlich ist. Typisch halt. 

Quelle zum Titelbild: Hier